Die Deutschen sind glücklich und stolz auf ihr Land. Der vierte Weltmeistertitel setzte unbekannte Gefühle frei. Die Politik sonnt sich im Glanz der Nationalelf. Soziologen warnen vor Nebenwirkungen der Euphorie.
Berlin/München. Wie fühlt es sich an, wenn eine halbe Million Menschen plötzlich wie entfesselt drauflos jubeln, nach 113 Minuten des Bebens und Bangens? Wenn ein Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor wogt? Auf jeden Fall: heftig und ungewohnt. Auf der größten Fanmeile der Bundesrepublik haben die Anhänger der deutschen Nationalelf seit dem frühen Nachmittag dem historischen Ereignis entgegengefiebert, die meisten bis auf die Haut durchnässt von zwei schweren Regengüssen.
Schon Stunden vor dem Anpfiff wurde das Gelände wegen Überfüllung geschlossen. Es folgten ein Nervenkrimi und ein geniales Tor von Mario Götze gegen Ende der Verlängerung. Wenige Minuten später war Deutschland zum vierten Mal Fußballweltmeister. 24 Jahre hatten die Deutschen auf diesen Augenblick gewartet, nun kannte der Jubel keine Grenzen. „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, gesungen, gelallt und gegrölt.
Derweil umarmte Kanzlerin Merkel in der Umkleidekabine des Maracanã-Stadions verschwitzte Athletenkörper, während Präsident Gauck mit dem Team um die Wette grinste. Die Spieler dankten, in leicht infantilem Freudentaumel, vor laufenden Kameras mit „Angi“ und „Präsi“-Rufen – eine unbezahlbare Imagewerbung.
Über Nacht kehrte Ruhe ein in Berlin. Am Montagmorgen eilten alle mit gewohnt ernstem Gesicht zur Arbeit, zur Verwunderung südländischer Touristen, die sich tagelange Freudentänze erwarteten. „Feierabend“ ist ein unübersetzbar deutsches Wort: der Raum der organisierten Enthemmung, scharf vom Alltag getrennt. Auch ein WM-Finalsieg hat hier rituellen Charakter, wie der rheinische Karneval.
Da möchte selbst Sven Ismer kein Spielverderber sein. Der Soziologe hat das Finalspiel vom Sofa aus gesehen. Seine Liebe zum Fußball will er fernhalten von den „ganz großen patriotischen Gefühlen“ im Kollektiv, die er „immer noch befremdlich findet“. Wofür er einige Evidenz liefern kann: Mit Kollegen untersuchte er zur WM 2010 und zur EM 2012, wie sich die Einstellungen der Deutschen durch solche sportlichen Großereignisse verändern. Ein Fazit: Es steigen auch, zumindest leicht, die Vorbehalte gegenüber Behinderten, Schwulen und Ausländern. „Die Vorstellung idealer Männlichkeit“, verkörpert in Sportlern, die „Interessen der Nation verteidigen“, trage offenbar dazu bei.
Schuld daran habe nicht der Sport selbst, sondern der Diskurs darüber, vom Stammtisch bis zu den Moderatoren, die Stereotype pflegen. Aber bei aller Skepsis: Auch Ismer hat „nicht das Gefühl“, dass die Deutschen wieder glauben, „sie seien als Nation besser als die anderen“. Und wenn doch, dann hüten sie sich, überheblich oder gar aggressiv zu wirken.
Atemlos durch die Nacht
Vielmehr machte sich eine allgemeine Zufriedenheit breit. Man fühlte sich wohl und behaglich. Der „Spiegel“ schrieb gar von einem „neuen Biedermeier“. Das Land ist wirtschaftlich erfolgreich, Ost und West wachsen zusammen. Die Große Koalition erspart den Bürgern große politische Konflikte. Und die Stimme Deutschlands hat Gewicht, in der Eurokrise wie im Ukraine-Konflikt. Zur Krönung bestätigt nun ein goldener Pokal und das Urteil der Weltpresse, dass hier die besten Fußballer zu Hause sind, welche freilich nicht nur in der Hauptstadt, sondern natürlich auch im fernen München frenetisch gefeiert wurden.
Dabei war die Zuversicht hunderter Fans in einem Biergarten nahe des Marienplatz während des Spiels arg getrübt worden. Das nach dem 7:1 gegen Brasilien offen zur Schau getragene Selbstvertrauen hatte gelitten, „aber wenn es zum Elfmeterschießen kommt, haben wir immer noch Neuer“, nickte Markus, ein waschechter Münchner. Sein Nervenkostüm war wie das vieler anderer mächtig auf die Probe gestellt worden.
Mehrere Male war dem hoffnungsfrohen Publikum der Torjubel im Hals stecken geblieben, bei Chancen der Argentinier stockte Schwarz-Rot-Gold wiederum der Atem. In der Verlängerung mehrten sich „Deutschland, Deutschland“-Sprechchöre. Es wirkte, als wollten die Zuschauer mit ihrer lautstarken Unterstützung zusätzliche Energie von München übers Meer nach Rio de Janeiro transportieren. Götzes Tor sorgte dann für kollektives Geschrei und dafür, dass selbst die Kellner im Biergarten kurzfristig ihren Dienst einstellten. Die Nacht war jedenfalls gerettet. Mit dem Schlusspfiff zog es 80.000 Feierwütige auf die Leopoldstraße, die bis in die frühen Morgenstunden belagert wurde.
Der Geruch von Bier und Schweiß lag in der Luft, es wurde getanzt und gesungen. Und selbst wer Helene Fischers „Atemlos“-Ohrwurm nichts abgewinnen konnte, der ergriff nicht die Flucht, sondern ergab sich dem Phänomen der Masse.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2014)