Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Nadine Gordimer ist tot: Ein Leben gegen Schwarz-Weiß

Nadine Gordimer
Nadine Gordimer(c) Reuters (RADU SIGHETI)
  • Drucken

Die Literaturnobelpreisträgerin wurde als Südafrikas Gewissen berühmt. Sie beschrieb, wie Rassismus und Diskriminierung Menschenseelen verformen.

Endlich Südafrika, endlich eine Frau: Als Nadine Gordimer im Jahr 1991 den Literaturnobelpreis erhielt, war die Entscheidung politisch nachvollziehbar. Südafrika wäre längst „dran“ gewesen, und dort gab es zwar einige beachtliche Autoren, wie etwa J.M. Coetzee, aber nach 25 männlichen Preisträgern war eine Frau die bessere Wahl. Mit Nadine Gordimer prämierte das schwedische Komitee eine (oft, vor allem im vergangenen Jahrtausend) wunderbare Schriftstellerin, aber auch eine jahrzehntelange hartnäckige Kämpferin gegen die Apartheid, die damals endlich mehr als nur leise bröckelte.

Der Staatspräsident Frederik De Klerk, der zwei Jahre später gemeinsam mit Nelson Mandela den Friedensnobelpreis erhalten hat, hat der nun mit 90 Jahren verstorbenen Preisträgerin nicht die Hand geschüttelt – kein Wunder, war sie doch seine scharfe Kritikerin. Sie geißelte damals die liberale Politik der kleinen Schritte in der Abkehr von der Apartheidspolitik, bezeichnete sich selbst als radikal, forderte ein „völlig anderes System“. Ein Jahr davor, 1990, war sie Nelson Mandelas African National Congress (ANC) beigetreten; dessen Entwicklung unter Mandelas Nachfolger Jacob Zuma sollte sie dann bitter enttäuschen und ist auch Stoff ihres letzten Romans „Keine Zeit wie diese“ von 2012.

 

Erster Roman: „Entzauberung“

Ihre literarischen Anfänge liegen in den Fünfzigerjahren, in denen sie eine Kurzgeschichte, einen Roman nach dem anderen verfasste und dabei ihre Stärken entwickelte: genaue Beobachtung und ein feines Gespür für den Niederschlag des Politischen im Privaten. Nur insofern war Gordimer „unpolitisch“, wie sie sich selbst manchmal bezeichnete: Sie beschrieb nicht direkt die politischen Verhältnisse, sondern spürte deren Wirkungen in Menschenleben und Menschenseelen nach, versuchte die menschliche Dimension des „Wahnsinns Apartheid“ begreiflich zu machen. Dessen Opfer waren Schwarze – und Weiße: Das falsche System zerstört bei Gordimer auch die Täter.

Parallel dazu lief ihr Engagement in der Anti-Apartheid-Bewegung. Helen Shaw, die Protagonistin ihres ersten Romans „Entzauberung“, hat biografische Ähnlichkeiten mit der Autorin; sie wächst behütet im weißen Mittelstand auf, wie Gordimer, die Tochter einer Engländerin und eines aus Litauen eingewanderten jüdischen Juweliers. Helen entzweit sich von den Eltern, hilft in Johannesburg armen und unterdrückten Schwarzen, erkennt die Borniertheit ihres Kindheitsmilieus. Am Ende verlässt sie desillusioniert ihre Heimat.

Nadine Gordimer blieb in Johannesburg, obwohl sie eine Außenseiterin war: Sie schrieb auf Englisch in einem Land, in dem nur wenige Englisch, wenn überhaupt lasen, und wurde nur im Ausland richtig berühmt. Immer wieder erhielt sie Publikationsverbot, aber auch viele kämpferische Schwarze lehnten Gordimer ab: Weiße Autoren würden das Leben der Schwarzen „stehlen“.

 

Die Apartheid nach der Apartheid

Nach dem Ende der Apartheid schrieb Gordimer über die seelischen Umbrüche als Folge der politischen: etwa im Roman „Niemand, der mit mir geht“, der anhand von zwei Paaren unter anderem von der Kluft zwischen heimgekehrten Exilanten und Daheimgebliebenen erzählt. Zu ihren besten Alterswerken zählt „Die Hauswaffe“, in der Eltern versuchen, die Mordtat ihres Sohns an einem Freund zu verstehen. Warum fühlen Menschen, wie sie fühlen, tun sie, was sie tun? Letztlich drehen sich Gordimers Bücher immer darum, und das ist eminent politisch. Deswegen dauerte Gordimers Kampf gegen die Apartheid auch bis zuletzt an. Schicht um Schicht das Bewusstsein „Ich bin weiß, du bist schwarz“ abzuschälen, nannte die damals 68-Jährige einmal als Ziel. Auf die Frage, wie lang sie selbst dafür gebraucht habe, antwortete sie: „Mein Leben lang.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2014)