Ferndiagnosen

Einst verbannte man gescheiterte Politiker wie Napoleon auf eine Insel, damit sie nie mehr zurückkehren.

Einst verbannte man gescheiterte Politiker wie Napoleon auf eine Insel, damit sie nie mehr zurückkehren. Ähnliche Sorgen hat nun offenbar auch SPÖ-Mandatar Hannes Jarolim bei Karl-Heinz Grasser, der gern auf Capri weilt.

Jarolim fordert, dass sich die Justiz Grasser vorknöpft, wenn er mal wieder im Lande ist. Man müsse prüfen, ob wegen des „seltsamen Verhaltens“ Grassers nicht Fluchtgefahr bestehe. „Wenn man vergleicht, wie schnell die Justiz in anderen Fällen U-Haft verhängt, drängt sich die Frage auf, ob alle Verdächtigen gleich behandelt werden“, sagte Jarolim im „Kurier“.

Nun entsteht durch die publik gewordenen Fotos des angeblich schon länger angeschlagenen Grasser beim Bootsfahren (aufgenommen ein paar Tage bevor er den Prozess abgesagt hat) kein gutes Bild. Nur: Wer vermag zu sagen, ob Grasser sich nicht auf dem Boot die Lungenentzündung geholt hat? Es ist ja nicht ein jeder Kinderarzt. Und Grasser hat nicht einen Strafprozess geschwänzt, er kam nur nicht zu einem Zivilprozess, in dem er seinen Steuerberater geklagt hat. Und Anklage gegen Grasser gibt es auch nach wie vor keine.

Natürlich könnte alles Taktik sein. Natürlich kann man auch bei bloß Verdächtigen eine U-Haft verhängen. Aber diese Entscheidung muss man schon dem unabhängigen Gericht überantworten. Wenn Politiker Tipps für Justitia haben, ist die Optik nämlich auch keine gute.

Eher sollten Kinderärzte eine Lungenentzündung bei Erwachsenen diagnostizieren als Politiker eine U-Haft für politische Gegner.

philipp.aichinger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2014)

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