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ÖH-Chefin: Monatlich 1000 Euro für jeden Studenten

Viktoria Spielmann
Viktoria Spielmann(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
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ÖH-Chefin Viktoria Spielmann fordert ein Grundeinkommen für Studenten und die Einführung des Status „Teilzeitstudent“, um die Bildungschancen für Arbeiterkinder zu erhöhen.

Die Presse: Sie kommen, wie Sie sagen, aus einer klassischen Arbeiterfamilie. War es schwierig, bis an die Uni zu kommen?

Viktoria Spielmann: Es war zumindest nicht einfach. Das begann schon früh, beim Wechsel von der Hauptschule in die AHS-Oberstufe. Ich brauchte Nachhilfe. Auch der Übertritt an die Uni war schwer. Ich komme nicht aus einer Familie, für die das selbstverständlich war.

 

Die Familie prägt einen – gerade was die Bildung betrifft. Wie viel kann der Staat da eigentlich tun?

Ich glaube schon, dass der Staat hier Einfluss nehmen kann – und muss. Das beginnt im Schulsystem. Schüler müssen besser über ihre Möglichkeiten informiert werden. Die MaturantInnenberatung der ÖH, die vom Staat mitfinanziert wird, ist ein richtiger Schritt.

 

Das kann wohl nicht alles sein.

Knackpunkt ist die Information.

Das allein wird das Problem nicht beheben. Laut OECD erreicht in Österreich nur jeder Vierte einen höheren Bildungsabschluss als die Eltern. Was läuft falsch?

Das liegt mitunter auch am System der Familien- und Studienbeihilfe. Sie federn nicht das ab, was sie abfedern sollten. Dass die Familienbeihilfe nur noch bis zum 24.Geburtstag ausbezahlt wird, hat mich selbst hart getroffen. 200 Euro weniger im Monat heißt, dass man als Studierender zusätzlich einen Tag pro Woche arbeiten muss.

 

Wie sollte eine gute finanzielle Absicherung aussehen?

Als ÖH wünschen wir uns, dass Studierende nicht mehr unter der Armutsgrenze leben. Es geht also um 850 bis 1000 Euro pro Monat.

Sollte das ein Student insgesamt – also auch durch Arbeit – zur Verfügung haben? Oder sollte das Geld allein vom Staat kommen?

Am besten sollte es vom Staat kommen. Nur so kann man gewährleisten, dass man ein Studium schnell durchziehen kann.

 

Schnell durchziehen? Seit wann ist das das Ziel der ÖH?

Vielleicht ist das der falsche Ausdruck. Ein Studium sollte ohne finanzielle Belastung absolviert werden können. Wichtig ist, viel aus dem Studium mitnehmen zu können, nicht die Geschwindigkeit.

Gäbe es noch realistischer Reformen als die skizzierte?

Es brauchte den Status „Teilzeitstudent“. Wer Teilzeit studiert, sollte nicht dieselbe Leistung erbringen müssen wie ein Vollzeitstudent, um Beihilfe zu bekommen. Er sollte nur die Hälfte der Prüfungen absolvieren müssen und die Hälfte des Geldes bekommen.

 

Viele Jugendliche kommen aber gar nicht bis an die Universität.

Deshalb brauchte es eine Gesamtschule. Ich habe es als Kind bedrückend gefunden, dass man sich mit zehn Jahren entscheiden muss, ob man eine Lehre oder einen höheren Bildungsabschluss haben will.

 

Zu einem anderen Thema: Es ist merkwürdig ruhig um die Unis geworden. Täuscht der Eindruck?

Das täuscht. Wir bemühen uns immer um eine Debatte. Das große hochschulpolitische Thema in den vergangenen Monaten war das Hochschülerschaftsgesetz. Andere große Themen wie die Studiengebühren und die Zugangsbeschränkungen liegen etwas im Schlafen.

 

Es gibt also keine Probleme mit dem neuen Minister?

Er hat Themen wie die Beschränkungen nicht offensiv thematisiert.

Ihr Vorgänger, Florian Kraushofer,war medial einer der am wenigsten beachteten ÖH-Vorsitzenden.

Das ist aber gemein.

 

Aber richtig. Oder?

Das würde ich so nicht sagen. Das kommt davon, dass wir versuchen, die Hierarchie in der ÖH abzubauen und als Team aufzutreten.

 

Es ist aber auch sonst niemand aus dem Team aufgefallen.

Das kann ich schwer beurteilen.

 

Mit Sigi Maurer hat es schon einmal eine grüne Tirolerin gegeben, die die ÖH angeführt hat. Sie hat es bis in die „ZiB2“ geschafft. Ist das auch Ihr Ziel?

Für die ÖH insgesamt ist es erstrebenswert. Bei Sigi Maurer muss man sagen, dass es mit „Unibrennt“in ihrer Amtszeit das hochschulpolitische Event des Jahrzehnts gab. Sie wurde zu dessen Sprachrohr.

 

Im Herbst jährt sich die „Unibrennt“-Bewegung zum fünften Mal. Wir das ein stilles Gedenken oder ein lautes Aufbegehren?

Es kann eine Mischung sein. Es ist wichtig zu reflektieren, was man aus „Unibrennt“ lernen kann. Und wenn sich wieder eine solche Bewegung entwickelt, dann werden wir schauen, wie wir als ÖH reagieren. Prinzipiell kann man diese Widerständigkeit nur begrüßen.

DIE IDEE

Viktoria Spielmann (27) steht seit Ende Juni turnusmäßig an der Spitze der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). Die grüne Studentin schlägt vor, die Chancen von Arbeiterkindern durch ein Stipendium von monatlich bis zu 1000 Euro für Studierende zu steigern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2014)