Merkels Geburtstag: 60 Jahre – und wie immer leise

File photo of German Chancellor Merkel drinking a beer after her speech in a beer tent in Munich
File photo of German Chancellor Merkel drinking a beer after her speech in a beer tent in Munich(c) REUTERS (MICHAELA REHLE)
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Am Zenit der Macht feiert die Kanzlerin bescheiden und kopflastig. Wie ihre Märchenkarriere enden soll, bleibt ein Rätsel.

Berlin. Wie feiert die mächtigste Frau der Welt ihren 60.Geburtstag? Erst vor zwei Tagen zogen die deutschen Fußballhelden im Triumphzug durch die Hauptstadt. An diesem Donnerstag aber ist keine ausgelassene Party angesagt. Angela Merkel lädt in die CDU-Parteizentrale zum „Berliner Gespräch“, einer meist wenig berauschenden Vortragsreihe. Statt sich launig loben zu lassen, serviert die Physikerin schwere Mitdenk-Kost: Der angesehene, aber fürs breite Publikum wenig glamouröse Historiker Jürgen Osterhammel doziert über „Vergangenheiten: Die Zeithorizonte der Geschichte“.

Nur ein Vermerk auf der Karte verrät, dass beim anschließenden Empfang die Möglichkeit besteht, der Kanzlerin zu gratulieren. Immerhin: An die 1000 Gäste werden sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Schon zu viel Rummel. Merkels Mutter verrät einem bunten Blättchen: Die Tochter würde am liebsten im Wald feiern, nur mit ihr und dem Gatten, Joachim Sauer, bei Kuchen und einem Gläschen Wein.

Demonstrativ bescheiden gibt sich eine Frau, die das politische Leben der Bundesrepublik nach drei Wahlsiegen, neun Jahren Kanzlerschaft und 14 Jahren an der Spitze der Christdemokraten so uneingeschränkt dominiert wie davor nur Adenauer und Kohl. In der Bevölkerung dürfte ihre Beliebtheit nach den Auftritten bei der Fußball-WM neue Rekordhöhen erreichen. Demoskopen fahnden vergeblich nach Symptomen der Abnützung oder Merkel-Müdigkeit.

Abgang noch vor 2017?

Die Eurokrise machte sie zur europäischen Leitfigur. Ihre finanz- und wirtschaftspolitische Doktrin bestimmt die Marschrichtung. Wenn US-Präsident Obama oder die KP-Granden in Peking zum Hörer greifen, um mit Europa globale Probleme zu lösen, wählen sie die Nummer der Pastorentochter aus der Uckermark. Sie wissen: Frankreichs Hollande und Großbritanniens Cameron haben schon zu Hause die Zügel nicht fest in der Hand. An der deutschen Kanzlerin aber führt kein Weg vorbei.

Vom „Mädchen“ zur „Mutti“

Eine politikferne Jugend in der DDR, Kohls „Mädchen“, beharrliches Ringen um die Macht gegen die Alphamänner in Union und SPD, und nun der gelassene Blick auf das Erreichte von einem Thron, der in Zement verankert scheint: Der Karriereweg der „Mutti der Welt“ mutet märchenhaft an. Aber wie er enden soll, bleibt ihr Geheimnis. Ums Rätsel ranken sich Spekulationen, zumal im Sommerloch. „Der Spiegel“ ist sich fast sicher: Noch vor Ende der Legislaturperiode werde Merkel überraschend ihren Ausstieg verkünden.

Das Szepter übergebe sie dann an Ursula von der Leyen, die gerade im Verteidigungsressort an ihrer Kanzlerinnentauglichkeit arbeitet. Nicht wie machtverliebte Männer so lange zuwarten, bis Partei oder Wähler dich zum Teufel jagen, sondern selbst den richtigen Zeitpunkt wählen.

Welche Botschaft versteckt sich hinter der Rednerwahl? Vor zehn Jahren, zum 50er, bat die damalige Oppositionsführerin den Hirnforscher Wolf Singer ans Pult. Nicht etwa, weil sie seine These teilt, der Mensch habe keinen freien Willen. Ihrer naturwissenschaftlichen Prägung zum Trotz glaubt Merkel weiter an die Autonomie und moralische Verantwortung ihrer Spezies.

Aber was Singer über evolutionäre Systeme sagte, definiert exakt, wie Merkel Politik macht: Weil die Zukunft nicht planbar ist, sind kühne Strategien sinnlos. Auf Sicht fahren, mit kleinen Schritten vorantasten, aus Versuch und Irrtum rasch lernen: Dieses Credo hat der Kanzlerin oft genug den Vorwurf eingebracht, sie agiere zu zaudernd, ängstlich und beliebig.

Und Osterhammel? Er ist ein Historiker der globalen Perspektiven. In einem Buch über das 19. Jahrhundert zeigt er, wie wenig eurozentrisch die Welt schon damals funktionierte, wie andere Kontinente in Wechselwirkung mit Europa traten. Umso mehr gilt das heute, in Zeiten der Globalisierung.

Zu groß für Deutschland

Deutschland scheint Merkel ohnehin längst zu eng zu sein. In fragwürdigen Kleinkram wie Pkw-Maut oder Mindestlohn mischt sie sich kaum noch ein. EU-Ratspräsidentin wolle sie Anfang 2017 werden, dichtet man ihr an. Und das „Luxemburger Wort“ ließ vor einigen Wochen mit der Meldung aufhorchen, Merkel dränge an die Spitze der UNO, als Nachfolger von Ban Ki-moon. Im ZDF-Sommergespräch schmetterte sie die Gerüchte ab: „Das wird mit Sicherheit nicht passieren.“

Aber klar, das muss sie sagen. Ein besseres Indiz ist die Lage von Partei und Nation. In der immer inhaltsärmeren Union würde sich nach ihrem Abgang der schwarze Abgrund auftun. Und die Bürger? Sie haben gerade das Unbeholfene, Bieder-Bescheidene, die eigene Kraft geschickt Kaschierende an ihrer Regierungschefin lieben gelernt. Damit repräsentiere sie ein Land, schreibt „Die Welt“, „das zwar wieder gewinnen will, aber noch nicht wieder siegen“. Dieses Bild möchten die Deutschen über das Medium Merkel allen anderen vermitteln – wohl auch noch über das Wahljahr 2017 hinaus.

AUF EINEN BLICK

Angela Merkel wird am Donnerstag 60 Jahre alt. Die deutsche Kanzlerin lädt zum Vortrag eines Historikers mit anschließendem Empfang. „Der Spiegel“ nährt Spekulationen, die beliebte CDU-Politikerin wolle sich vor Ende der Wahlperiode von der deutschen Politik verabschieden. Als Nachfolgerin habe sie Verteidigungsministerin von der Leyen auserkoren. Gerüchten zufolge will Merkel danach EU-Ratspräsidentin oder UNO-Generalsekretärin werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2014)

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