Souveränes Prosadebüt: Laura Freudenthalers bemerkenswerte „Paargeschichten“.
Berziehungsoptimisten oder Romantiker müsste man eigentlich warnen vor Lara Freudenthalers Prosadebüt. Das ist keine Erbauungslektüre, wenngleich ein literarisch sehr erbauliches Produkt geworden. Die Autorin der Prosa namens „Der Schädel von Madeleine“ jedenfalls scheint kaum an die Möglichkeit zwischengeschlechtlichen Verstehens zu glauben. Wo sie ein gemeinsames Verständnis doch bereits an den Bildern scheitern lässt, die die Männer und Frauen in ihren fünf „Paargeschichten“ voneinander haben. Oder haben wollen.
Projektionen bieten viel interessanten Stoff für die kurzen, bemerkenswerten Geschichten. Mehrfach entwirft Freudenthaler Paralleluniversen von männlicher Fremd- und weiblicher Selbstwahrnehmung. Manchmal streifen diese nur aneinander an und bleiben ohne größeren Schaden. Manchmal gehen sie radikal auf Kollisionskurs, wenn sich Bilder und Identitäten gegenseitig verschieben. Oder starke Emotionen ins Spiel kommen und Verwandlungen erzwingen wie in „Kampfhundalltag“: Da mutiert eine Frau zum Kampfhund, um der Eifersucht ihres Mannes zu entkommen.
Das extremste Beispiel einer Verschiebung vom Fremdbild zur Fratze hat Laura Freudenthaler in die titelgebende Erzählung verpackt – eine Wahnsinnstat wird hier so kühl wie kunstvoll herbeigeschrieben: Für Franz, den Franzosen, mimt Madeleine, die Wienerin, das Klischeebild der Pariserin. Die Rolle der Grazie mit Hütchen und schwingenden Mantelschößen spielt sie perfekt. Sie spricht nur leichten, charmanten Akzent, aber fehlerfrei, weil ihr ständig die richtigen französischen Floskeln für jede herbstliche Pariser Klischeesituation durch den Kopf geistern.
Gern würde Franz in sie hineinblicken und prüfen, woher Madeleines Wörter kommen, die so gut zu ihren Gesten passen. Doch es mischen sich zunehmend böse Stimmen unter Madeleines Schädeldecke: In ihrem Kopf gackern Hühner, immer lauter, immer unerträglicher, bis sie tatsächlich durchdreht. Ganz harmlos zu Anfang beschreibt die Autorin hier den Ausbruch einer Psychose.
Der Reiz des Abstands
Freudenthaler erzählt von wachsendem Persönlichkeitsverlust in nüchternem, analytischem Ton; mit kleinen perspektivischen Verschiebungen lässt sie in die Personen blicken. Nicht jede der fünf Paarbegegnungen verläuft radikal, aber alle sind irgendwie zum Scheitern verurteilt. Die Beteiligten ahnen, wie illusionslos ihr Unterfangen ist. Der Text „Schade, my love“ bringt eine junge Künstlerin und einen älteren Kunstprofessor zusammen, schnell, fast mechanisch, und ihr sexuelles Experiment macht die Fremdheit zwischen den beiden nur noch größer. Betreten fast gehen sie auseinander.
Auch das Sehnen des Jünglings nach der Nähe zu einer älteren Frau mit wilden Locken bringt ihn ihr kaum näher. Das Sehnen bleibt, der reizvolle Abstand unaufhebbar. Aber das Unerreichbare bietet ihm auch Halt. Immer wieder spielt Freudenthaler souverän mit Bildern: Während die Frau mit den wilden Locken im Schlafzimmer Besuch hat, betrachtet der Junge die Bilder der Frau in ihrem Wohnzimmer. Er nimmt sie ab, zeichnet die Frau darunter, hängt die Bilder wieder auf. Unter fast jedem Bild finden sich Zeichnungen des Jünglings. Er wird später auf die Kunstakademie gehen und die Frau nochmals besuchen. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2014)