Der Schiefergasboom sorgt für einen Wirtschaftsaufschwung, in dessen Sog sich für heimische Unternehmen und Banken gute Geschäfte abzeichnen.
New York/Wien. Der Schiefergasboom hat die USA Russland überholen und zum weltgrößten Gasproduzenten aufsteigen lassen. Die infolgedessen stark gesunkenen Gas- und Strompreise feuern auch die Reindustrialisierung des Landes an. Von dieser – weltweit heftig diskutierten und kritisierten – Energierevolution, die die USA möglicherweise bald energieautark machen könnte, profitieren nicht nur österreichische Industrieunternehmen, wie die Voestalpine, die gerade in Texas eine Fabrik errichtet, der Kupplungsspezialist Geislinger und Ölfeldausrüster Schoeller-Bleckmann Oilfield Equipment. Auch die US-Niederlassung der Raiffeisen Bank International (RBI) will an dem Wirtschaftsaufschwung mitnaschen.
„Wir betreuen Kreditlinien im Volumen von drei Mrd. Dollar, davon entfallen derzeit nur 200 Mio. Dollar auf das Öl- und Gasgeschäft“, sagt Dieter Beintrexler, Chef der RBI Finance USA, im „Presse“-Gespräch. „Da gibt es noch unglaublich viel Potenzial.“ Denn das Land verfüge über Schiefergasreserven für die nächsten 15 bis 25 Jahre. Vor allem müsse die Infrastruktur – von Pipelines bis zu Bahnterminals und Häfen – ausgebaut werden. Da bedürfe es riesiger Investitionen. Da sieht Beintrexler, der seit mehr als 40 Jahren in den USA lebt und seit nunmehr 20 Jahren die Tochter der RBI leitet, noch große Chancen.
Kritik am Fracking
„Wir begleiten österreichische Firmen in den USA und US-Firmen in Osteuropa“, erklärt Beintrexler das Geschäft. Nachsatz mit dem Seitenblick auf die Probleme österreichischer Banken in Osteuropa: „Wir haben hier noch nie einen Cent verloren.“
Dennoch ist der Raiffeisen-Banker vorsichtig: Es gebe derzeit einen echten Schiefergas-Hype. Kritik an der Abbaumethode (Fracking) werde freilich auch in den USA geübt. Und die Reindustrialisierung sei noch nicht messbar. Wie sich die Wirtschaft, die nach dem winterbedingten Minus im ersten Quartal im Gesamtjahr 2014 um 2,5 Prozent wachsen soll, weiterentwickelt, hänge auch davon ab, wie die Fed den Ausstieg aus dem milliardenschweren Anleihekäufen vollziehe.
Rudolf Thaler, Wirtschaftsdelegierter in Los Angeles, sieht jedenfalls „glänzende Zukunftsperspektiven“ für österreichische Firmen. „Fünf Jahre nach Beginn der Rezession kommen die Konsumenten aus der Deckung, es gibt neue Jobs, die Schulden sind abgezahlt und die Hauspreise steigen.“ 2013 überschritten österreichische Ausfuhren in die USA erstmals die Sieben-Mrd.-Euro-Marke. Die Vereinigten Staaten sind laut Thaler vor China der wichtigste Überseemarkt und nach Deutschland und Italien der drittwichtigste Exportmarkt überhaupt. Von den rund 600 US-Töchtern österreichischer Unternehmen produzieren rund 200. Besonders stark seien neben der Voest und Schoeller Red Bull, Plansee, Rosenbauer, Andritz und Palfinger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2014)