Raúl Krauthausen hat Elan, Esprit, Erfolg – und Glasknochen. Lang verdrängte der Kleinwüchsige seine Behinderung. Heute sieht er sie als Chance.
An der Schule für Design Thinking in Potsdam lernen junge Querdenker seltsame Sachen. Zum Beispiel: Was macht eine echte asiatische Nudelsuppe aus? Wie könnte man die traurigen Packerlsuppen dem Ideal näherbringen? Viel Zeit hatten die Bewerber im Praxistest nicht: In vier Stunden sollte jede Kleingruppe mit der S-Bahn nach Berlin fahren, asiatische Läden und Lokale erkunden und auf der Rückfahrt schnell eine Präsentation vorbereiten.
Raúl Krauthausen kam ins Schwitzen. Da war sie wieder, die Behinderung, die seinem Elan so oft Grenzen setzt: Umweg statt Abkürzung durch den Wald. Defekte Lifte am Bahnhof. Stufen ohne Rampen an Eingängen. Die Blicke der anderen: genervt, mitleidig, unverschämt neugierig. Das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn man zur Last fällt und reduziert wird auf das, was man nicht kann. Die Gruppe würde seinetwegen die Aufgabe nicht rechtzeitig erfüllen können. Warum hatte er sich nur darauf eingelassen?
Doch es wurde ein Tag, der Raúls Leben eine neue, positive Wendung gab. Nicht nur, weil seine Mitstreiter kein Thema aus all dem machten: seine Glasknochen, sein Rollstuhl, sein kleiner Wuchs. Auch nicht, weil sie eisern zu ihm hielten und nichts ohne ihn unternahmen. Sondern weil sich nach langer Suche der einzige Laden, den sie gemeinsam betreten konnten, als Volltreffer erwies: Die Besitzerin führte sie in die Parallelwelt einer versteckten Garküche und servierte ihnen eine Nudelsuppe, wie es sie authentischer auch in China nicht gibt. Die Präsentation wurde die beste von allen.
Kein Held, kein Opfer. Das Erfolgserlebnis zeigt ihm: „Ein Leben im Rollstuhl bedeutet nicht nur Defizite. Es eröffnet neue Perspektiven und kann zur Bereicherung für andere werden“, wie Krauthausen der „Presse am Sonntag“ erklärt. Die Zuversicht, dass Hindernisse überwindbar sind, der Glauben, dass sich der Einsatz lohnt: Das steckt an, auch Nichtbehinderte. Oder besser: Noch-nicht-Behinderte. Denn wir alle müssen damit rechnen, im hohen Alter nur eingeschränkt mobil und auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.
Raúl Krauthausen hat Osteogenesis imperfecta. Eine erblich bedingte, unheilbare Krankheit. Er ist ein Meter klein und sitzt, seit er sechs ist, im Rollstuhl. Die Glasknochen sehen unter dem Röntgen fast durchsichtig aus und sind extrem zerbrechlich. Schon bei seiner Geburt zählten die Ärzte 19Frakturen. Seither hat sich der heute 33-Jährige wohl gut hundertmal Knochen gebrochen, stets unter höllischen Schmerzen. Irgendwann hat er aufgehört, zu zählen. Obwohl es das ist, wonach ihn alle fragen, zählen für ihn ganz andere Facetten seines Lebens: wie er schon mit 17 an der Seite von Roger Willemsen eine Fernsehgala moderierte. Wie Deutschlands Publikumsintellektueller von ihm so beeindruckt war, dass er ihn in seine Talkshow lud – und nun zur Biografie „Dachdecker wollte ich eh nie werden“ ein Vorwort in Form einer Laudatio geschrieben hat. Was er auf dem Machu Picchu erlebte, in Tokyo und Peking. Wie Ministerin von der Leyen ihm das Bundesverdienstkreuz umhängte. Wie er mit Sozialhelden acht Arbeitsplätze geschaffen hat – formal ein Verein, aber „kreativ wie eine Werbeagentur“ und „effizient wie ein Start-up-Unternehmen“. Ja, Krauthausen hat eine Menge, worauf er stolz sein kann.
Aber seine Behinderung, die direkt oder indirekt mit all dem zusammenhängt, hat er lang nicht angenommen, verdrängt, negiert. Möglich machte das sein Umfeld. In Berlin aufgewachsen, ging er auf Inklusionsschulen, in denen sich behinderte unter „normale“ Kinder mischen. Als er aus der Wohnung seiner Mutter auszog, organisierte er sich seine WG-Freunde, die gerade Zivildienst machten, als Betreuer. Behinderung ist für ihn wie Haarfarbe: „Die kann man sich auch nicht aussuchen. Aber ich wache nicht jeden Morgen auf und denke mir: Oh Gott, ich bin behindert!“ Krauthausen will weder Opfer sein noch Held. Wie alle sucht er Liebe und Sexualität. „Das bleibt ein großes Tabu in der Gesellschaft, denn Behinderte werden immer noch als asexuell gesehen.“ Sicher, es koste ihn Überwindung, die ersten Schritte zu tun: „Ich bin kein Meister im Flirten.“ Aber er hat Partnerinnen gefunden, Behinderte wie Nichtbehinderte, die ihn so lieben, wie er ist.
Freiheit statt Fessel. Als er die Sozialhelden gründete, stand für ihn fest: keine Projekte zum Thema. „Es ist auch nicht jede Frau Frauenbeauftragte. Ich wollte mich nicht ständig mit der eigenen Situation beschäftigen.“ Aber seine Freunde überzeugten ihn, dass es eine vergebene Chance wäre, auf sein Expertentum zu verzichten.
Also strebten sie zumindest einen modernen, selbstbewussten Zugang an. So entstand „Wheelmap“, eine interaktive Landkarte für rollstuhlgerechte Orte. Oder „Leidmedien“, ein Onlineratgeber, der Journalisten zeigt, wie sie verletzende Klischees und unpassende Formulierungen vermeiden. Etwa: „an den Rollstuhl gefesselt“. In Wahrheit ist der „Rolli“ für Behinderte die Bedingung ihrer Freiheit, ein selbstbestimmtes Mittel zur Teilhabe. Aber Krauthausen will nicht „Sprachpolizei“ spielen, er sensibilisiert mit Humor: „Falls Sie doch mal einen Menschen treffen sollten, der an einen Rollstuhl gefesselt ist – binden sie ihn sofort los!“ Auch gegen Behindertenwitze hat er nichts, „solang man mit mir und nicht über mich lacht“. Solche Hilfen für den unbefangenen Umgang sind gefragt: Krauthausen ist für Vorträge und Workshops gut gebucht.
Durch seine Projekte kommt er auch in Kontakt mit Mobilitätseingeschränkten, die anders als er mit ihrem Schicksal hadern. Vor allem auf dem Land legt vielen das Umfeld weit mehr Stufen und Kränkungen in den Weg. Das behindert sie in ihrem Streben nach Glück. Für ihre Rechte setzt sich Krauthausen ein. So wurde er unversehens zu dem, was er nie werden wollte: ein „Berufsbehinderter“. Denn seit der dampfenden, duftenden Nudelsuppe hat er beschlossen, „einfach ich zu sein. Mit allem, was dazugehört“.
Das Buch
»Dachdecker wollte ich eh nicht werden– Das Leben aus der Rollstuhlperspektive« ist die Biografie von Rául Aguayo-Krauthausen (Rowohlt, 254Seiten). Geschrieben hat sie Marion Appelt auf Basis langer Gespräche. Das Vorwort hat Roger Willemsen beigesteuert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2014)