Leiden wie Gott in Frankreich

People relax in the sun near the fountains at Trocadero square during a hot summer day in Paris
People relax in the sun near the fountains at Trocadero square during a hot summer day in ParisREUTERS
  • Drucken

Paris vermisst die Mühen seiner arbeitenden Bevölkerung. Jeder Franzose soll Punkte sammeln und später gegen Frühpension eintauschen. Die Kosten dafür tragen die Unternehmen.

Das legendäre Savoir-vivre der Franzosen ist offenbar Geschichte. Im Jahr 2014 kümmert sich Frankreich nicht mehr mehr um die Maximierung der Lebenslust, sondern schult seine Einwohner zu Experten in Sachen Leiden um. Zumindest dann, wenn es nach dem Willen der Regierung von François Hollande geht. Das sozialistische Kabinett hat seine Bürokraten ausgeschickt, um unter dem Schlagwort „Pénibilité au travail“ das Leid zu vermessen, das die Franzosen während ihres Arbeitslebens erdulden müssen.

Sie stehen viel im Job? Das bringt vier Punkte. Sie müssen ab und zu einen Nachtdienst schieben? Gleich noch einmal vier Punkte. Gibt es an ihrem Arbeitsplatz Rauch oder Staub? Ist es zu heiß oder zu kalt? Müssen Sie knien, kriechen oder gar Ihren Oberkörper um mehr als 30 Grad verdrehen? Für fast alle Beschwerlichkeiten, die sich in einer Amtsstube erdenken lassen, verteilt die französische Regierung derzeit Punkte. Nur das Sitzen an einem Schreibtisch in einem klimatisierten Büro bringt nichts.


Zu heiß, zu kalt. Mit Anfang des kommenden Jahres soll dann jeder Franzose sein eigenes Beschwerlichkeitskonto erhalten und dort die Punkte hamstern, die er im Laufe seines Arbeitslebens ansammelt. Vier Punkte gibt es für jedes Jahr, in dem der eigene Arbeitsplatz zumindest eines von zehn Beschwerlichkeitskriterien erfüllt. Ist es am Arbeitsplatz aber etwa zu kalt und zu staubig, werden die Punkte verdoppelt. Bis zu hundert Punkte können die Franzosen maximal ergattern.

Und diese Währung ist härter, als sie auf den ersten Blick aussieht. Denn das in Punkte gegossene harte Leben sollen die Franzosen später gegen unterschiedliche Annehmlichkeiten eintauschen. Zwei Punkte bringen etwa 40 Stunden Fortbildung. Das Recht, Teilzeit zu arbeiten, kostet etwas mehr. Doch die meisten werden ihre Punkte wohl nicht für Englischkurs und Computerführerschein verpulvern. Denn der Jackpot wartet erst am Ende des Arbeitslebens. Je zehn Beschwerlichkeitspunkte verkürzen die Wartezeit auf die Pension um drei Monate.

Spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem auch jeder französische Experte laut „Halt!“ hätte schreien müssen. Denn um zu sehen, dass die neue Beschwerlichkeitsbürokratie ein finanzielles Hasardspiel ist, muss man nur ein paar Zahlen der OECD Revue passieren lassen. So ist Frankreich etwa auch heute nicht unbedingt für eine harte Hand in Sachen Pensionssystem bekannt. Im Durchschnitt hört ein männlicher Franzose schon heute mit 59,7 Jahren endgültig auf zu arbeiten. Deutlich früher als im Schnitt der Industrieländer.

Und auch das Arbeitsleben in Frankreich scheint auf den ersten Blick nicht viel härter zu sein als in anderen Staaten. So verbrachte jeder Franzose im Jahr 2010 nur 1679 Stunden im Büro, errechnete das Wirtschaftsforschungsinstitut Coe-Rexecode. Die Zahlen für alle EU-Länder hat das Institut nicht selbst berechnet, sondern vom europäischen Statistikamt Eurostat kalkulieren lassen. Das Ergebnis: Nur die Finnen arbeiteten kürzer. Der durchschnittliche Österreicher schuftete 2010 immerhin um 161 Stunden länger als sein französischer Kollege.

Abseits der nackten Zahlen offenbart das geplante Beschwerlichkeitskonto aber vor allem weltanschauliche Abgründe bei Frankreichs Staatslenkern. Wie man Wohlstand, Zufriedenheit und Glück der Bevölkerung steigern könnte, steht offenbar nicht mehr im Zentrum ihrer Bemühungen. Stattdessen verordnet der Staat jedem Bürger ein Konto, auf dem ihm ein Leben lang vorgerechnet wird, wie schlecht es ihm all die Jahre gegangen ist.


Lässt sich Leid messen? Das wirft die Frage auf, warum just die Pariser Beamten das Leid der Menschen korrekt vermessen können. Entschädigt das Vergnügen, seine Arbeit in der freien Natur zu verbringen, nicht für die Unannehmlichkeiten, wenn es ab und zu regnet? Muss Frankreich also nicht an der Vermessung des Leids scheitern, so wie auch jeder Glücksforscher bisher gescheitert ist?

Das heißt nicht, dass harte Arbeit nicht auch besser entlohnt werden sollte. Dafür braucht es allerdings zumindest in den Industrieländern kein eigenes Konto. Ist ein Job zu hart, muss er eben besser bezahlt werden, oder es wird keine guten Bewerber geben. Auch Österreich greift den Unternehmen bei der Bewertung der Härte des Jobs unter die Arme und verordnet Gehaltszulagen für schwere Arbeiten. Mit dem Pariser Vorstoß ist das allerdings kaum vergleichbar. In Frankreich ist jedenfalls – ähnlich wie bei der Einführung der Hacklerregelung in Österreich – ein Wettkampf entbrannt, wie man mit dem eigenen Job möglichst viele Beschwerlichkeitspunkte ergattern kann. Die Zahl derer, die ihren Oberkörper beim Sitzen vor dem PC plötzlich um mehr als 30 Grad neigen müssen, wird wohl rapide steigen.


Unternehmen bezahlen.
Paris kümmert all das wenig. Warum auch? Der Vorschlag klingt gut und ist populär. Und um die Kosten muss sich der Staat nicht kümmern. Die hängt er nämlich einfach den Unternehmen um. Je mehr beschwerliche Arbeitsplätze ein Unternehmen anbietet, desto mehr muss es bezahlen. 2020 dürften die jährlichen Kosten bei 500 Millionen Euro liegen. Bis 2040 sollen sie auf 2,5 Milliarden Euro anwachsen sein. Arbeitgeberverbände laufen zwar Sturm gegen die Regelung. Bislang aber ohne Erfolg.

Und in Österreich? Hier verabschiedet man sich zumindest langsam von der Frühpensionsfalle Hacklerregelung. Die im Jahr 2000 unter Wolfgang Schüssel eingeführte Möglichkeit für Arbeitnehmer mit langen Beitragszeiten und/oder schweren Jobs, früher in Pension zu gehen, war unfinanzierbar und läuft aus.

Eigentlich ein Wunder, dass noch niemand das französische Beschwerlichkeitskonto als Ersatz importieren wollte. Aber abwarten, die Urlaubssaison hat erst begonnen. Wir werden sehen, welche Politiker es nach Frankreich treibt – und was sie als Souvenir für die Innenpolitik mitbringen.

In zahlen

500Millionen Euro
dürfte das neue Arbeitsleidkonto die Unternehmen im Jahr 2020 kosten. Bis 2040 sollen die Kosten auf 2,5 Milliarden Euro ansteigen.

1679Stunden

haben die Franzosen durchschnittlich im Jahr 2010 gearbeitet. Nur die Finnen waren kürzer im Büro. Der durchschnittliche Österreicher arbeitete 161 Stunden länger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.