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Martha & The Vandellas: Der unwiderstehliche Rhythmus der Revolte

Motown Museum
Motown MuseumEPA
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Das betont unpolitische Soullabel Motown schuf 1964 mit "Dancing in the Street" unfreiwillig die Hymne der sozialen und politischen Umbrüche der Sixties.

1963, bald nach dem von Martin Luther King angeführten March on Washington for Jobs and Freedom, erklärte Jazztrompeter Dizzy Gillespie zartbitter scherzend seine Kandidatur für die Präsidentschaft: Im Fall seiner Wahl, versprach er, würde er das Weiße Haus in „Blues House“ umbenennen, Duke Ellington würde sein Außenminister, Miles Davis sein CIA-Chef. Gillespie hatte ein feines Gespür dafür, dass die Realität den Hoffnungen der Afroamerikaner deutlich nachhinken würde.

Ein Jahr später, im Sommer 1964, lud sich die politische Atmosphäre in den USA auf. Der Einsatz in Vietnam war nah; das Civil Rights Movement drängte auf Fortschritte in der Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß. In diesem labilen Klima nahm die 23-jährige Martha Reeves „Dancing in the Street“ auf, ein Lied, das sich rasch zur Hymne der sich über die USA ausbreitenden Unruhen entwickelte. Sachbuchautor Mark Kurlansky nahm sich in „Ready For a Brand New Beat“ der Geschichte dieses Klassikers an, analysierte, wie eine junge Frau in nur zwei Jahren zu einer soziokulturellen Ikone werden konnte. Und das wider Willen.

Plattenfirma in der Autostadt. Das Soullabel Motown (von Motor + Town) wurde 1959 vom ehemaligen Boxer Berry Gordy gegründet. Damals war man stolz, aus Detroit zu sein. In den Fifties und Sixties, der goldenen Ära der Autoindustrie, hatten die drei ansässigen Firmen Ford, Chrysler und General Motors einen Marktanteil von neunzig Prozent. Bald ließ Gordy die stets munteren Motown-Songs mit Fabriksmethoden fertigen. Lamont Dozier, Schöpfer unzähliger Hits, erzählte der „Presse“: „Wir komponierten, wie Autos gefertigt werden. Ging mit einem Stück nichts weiter, nahm man ein anderes.“

Motown war der jungen Martha Reeves natürlich ein Begriff, als sie von deren A&R-Manager Mickey Stevenson angesprochen wurde. Tagsüber arbeitete sie damals als Putzereigehilfin. Das Singen praktizierte sie im Park. Bei einem Talentewettbewerb gewann sie 1961 drei Auftritte im 20 Grand Club. Stevenson gab ihr seine Visitenkarte. Als Reeves ohne Voranmeldung in der Firma auftauchte, war er ein bisschen ungehalten. Trotzdem machte er sie sofort zu seiner Sekretärin. Reeves' Stunde kam, als Backgroundsängerinnen für eine Produktion mit Marvin Gaye gebraucht wurden. Sie übernahm den Job mit ein paar Freundinnen. Das Lied hieß „Stubborn Kind of Fellow“. Es machte nicht nur Gaye berühmt, sondern schob auch die Karriere von Martha & The Vandellas, wie sich die Girls bald nannten, mächtig an. Als Songwriter wurde ihnen Lamont Dozier zugewiesen. Hits stellten sich rasch ein. Mit dem rasanten „Heat Wave“ katapultierte sich die Girlgroup ein Jahr vor „Dancing in the Street“ zum Starruhm.

Im Juli 1964 nahm Marvin Gaye „Dancing in the Street“ auf, Martha Reeves beobachtete ihn zunächst nur bei der Arbeit. Erst auf seinen Vorschlag hin nahm sie ihn selbst auf, in weniger als zehn Minuten. Ein harter Beat, ein hymnischer Bläsersatz, eine drängende Mädchenstimme und natürlich der doppeldeutige Text garantierten den Erfolg in der damaligen sozialen Krise. Schon die Eröffnungszeile „Calling out around the world: ,Are you ready for a brand new beat?‘“ war zur politischen Auslegung geeignet.

Aufruf zum Aufstand? Zu den Sprüchen des heute lebenslang einsitzenden H. Rap Brown, damals noch gewaltfreier Studentenführer, zählte: „Violence is as American as cherry pie.“ Für ihn war die Straße der Ort, an dem die Revolution stattfinden müsste. Ganz in diesem Sinn nahm er „Dancing in the Street“ in seinen Katalog inspirierender Kampfmusik auf. Zum Leidwesen von Reeves. Als Brown sich 1964 in Detroit ankündigte, flüchtete sie nach L.A. Das half Martha & The Vandellas nur kurzfristig. Auf Tour in Großbritannien mussten sie feststellen, dass „Dancing in the Street“ auch im Ausland als Revolutionshymne gedeutet wurde. „Ein Aufruf zum Aufstand? Oh, mein Gott! Es ist doch nur ein Partysong!“, klagte sie. Wie ihr Labelboss hatte sie keinerlei Interesse an Politik. Sie sehnte sich nach Starruhm, Gordy nach möglichst vielen Dollar.

Das gefiel Marvin Gaye schon 1964 nicht. „Ich hatte das Gefühl, explodieren zu müssen“, sagte er. Und: „Warum sollte unsere Musik nichts mit den Umwälzungen zu tun haben? Musik ist doch dazu da, Gefühle auszudrücken. Nicht wenn es nach Berry Gordy geht. Der einzige Zweck von Musik ist für ihn, dass sie sich gut verkauft.“ Der Konflikt kulminierte 1970, als Gordy die Veröffentlichung von „What's Going On?“, Gayes öko- und soziopolitischem Meisterwerk, zuerst verweigerte.

Martha Reeves hat ihre Angepasstheit nicht gutgetan. Als Motown 1972 nach Los Angeles übersiedelte, blieb sie über. Die Solokarriere verlief bescheiden. 2005 kandidierte sie erfolgreich für den Detroit City Council. Aber nicht einmal die Lokalpolitik sagte ihr zu. Zu den Sitzungen fuhr sie im protzigen Cadillac. Die Kollegen fanden sie „too showy“. Ihre Wiederwahl scheiterte. Die von Barack Obama, dem ersten schwarzen Präsidenten, glückte indes. Bei seiner Wahlparty 2012 hörte man im Hintergrund das vertraute „Dancing in the Street“ von Martha & The Vandellas. Heute tingelt sie damit wieder durch die Clubs, hat aber immer noch keinen Schimmer von der politischen Signifikanz ihres 50 Jahre alten Hits.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2014)