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Karl Kraus ohne Kriegskulisse

INTERVIEW MIT REGISSEUR GEORG SCHMIEDLEITNER
Georg SchmiedleitnerAPA/ROBERT JAEGER
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Statt Ex-Burgtheater-Chef Hartmann inszeniert nun Georg Schmiedleitner in Salzburg "Die letzten Tage der Menschheit". Eine Extremsituation, die ihn glücklich macht und unter Druck setzt.

Sie wurden von der neuen Leitung des Burgtheaters kurzfristig gebeten, für den entlassenen Direktor Matthias Hartmann die Regie von „Die letzten Tage der Menschheit“ zu übernehmen, einer großen Koproduktion mit den Salzburger Festspielen. Wie lief das Gespräch ab?

Georg Schmiedleitner: Ich wurde von Karin Bergmann zwei Tage vor meiner Premiere der „Walküre“ angerufen. Ich wusste am Anfang gar nicht, was sie meint. Es war ein bisschen wie bei „Verstehen Sie Spaß?“ – ich habe mir eine kurze Bedenkzeit ausgehandelt. Mein Bauchgefühl war nicht schlecht, das Vertrauen stellte sich sofort ein. Wir haben über die Unmöglichkeit gelacht. Am Tag darauf habe ich zugesagt. Das ist eine große Chance.

 

Hat es schon Vorarbeiten gegeben?

Es war noch gar nichts vorbereitet, ich musste also bei null beginnen. Eine Extremsituation macht mich auch zum Extremisten. Jetzt finde ich es beim Proben toll. Und in Florian Hirsch habe ich einen fleißigen Dramaturgen. Er ist lebensrettend für uns alle – mein Sparringpartner. Wir alle haben nach den ersten Proben sofort einen Betriebsausflug auf die Schallaburg gemacht und uns die Ausstellung über den Ersten Weltkrieg angesehen.

 

Ich nehme an, Sie kennen den Text von Karl Kraus gut.

Sein Werk habe ich schon beim Literaturstudium kennengelernt. Mein Professor, der leider verstorbene Wendelin Schmidt-Dengler, war ein Kraus-Fan. Richtig durchgearbeitet habe ich dessen Werk ehrlicherweise nie. Kraus begegnet einem aber immer wieder. Die Inszenierung Hans Hollmanns (von 1981) habe ich im TV gesehen. Da habe ich gedacht, es bricht eine neue Theaterzeit an. Ich finde es toll, dass in Österreich diese sprachliche Genauigkeit, die politische Durchdringung, die es schon bei Nestroy gegeben hat, weitergeführt wird. Immer wieder wachsen Erben nach: Von Nestroy geht es zu Kraus, zu Ödön von Horváth, zu Elfriede Jelinek.

 

Wie würden Sie „Die letzten Tage der Menschheit“ kurz zusammenfassen?

Es geht um die Auswirkungen des „totalen“ Kriegs im Alltag, um die Verrohung und Barbarisierung, die er bei den Menschen auslöst. Kraus zeigt genau, was mit all diesen Figuren geschieht, wie zum Beispiel ein Gemüsehändler im Mangel seine Macht auskostet, zu einer Art Diktator wird.

 

Empfinden Sie bei ihm reine Antipathie?

Man muss auch für Bösewichter Empathie haben. Nehmen Sie die Kriegsreporterin Alice Schalek. Wenn man bei ihr die Wahrheit ans Licht bringt, wird es gespenstisch. Sie war auch ein emanzipatorischer Geist. Kraus hat sie in eine bizarre Kunstfigur verwandelt, die dem heutigen Sensationsjournalismus recht ähnlich ist. Journalismus durchbricht immer auch Distanz. Dazu braucht man einen gewissen Killerinstinkt.

 

Wie beim Theater...

Ja, auch ein Regisseur muss an Brutalität Gefallen finden. Wir zeigen das Versteckte, Verdrängte, Verborgene. Wie beim Bergsteigen muss man in Gefahren oder sogar in die Todeszone gehen.

 

Mit wem haben Sie Mitleid?

Mit den Ahnungslosen, den kleinen Figuren, die gar nicht wissen, woran sie teilhaben. Sie machen einen traurig. Sympathie lösen aber wenige der Figuren aus. Kraus war nicht der glücklichste Mensch. Er hat alle durchschaut und das Falsche aufgespürt wie ein Jäger. Er war auch nicht zimperlich.

 

Wie viel Kraus kriegt man zu sehen? Das komplette Drama mit mehr als 200 Szenen würde wohl einen ganzen Tag dauern.

Dreieinhalb Stunden gutes Sprechtheater. Wir konzentrieren uns auf die Sprache, machen die Aufführung pur, ohne Kriegskulisse, ohne viel Bühnenbild. Wir wollen keinen Naturalismus, sondern zusätzliche Bilder im Zuseher erzeugen, auch durch Verschlüsselungen. Das Publikum soll nicht zugemüllt werden, sondern der Schrecken über diesen Krieg soll in ihm entstehen. Es herrscht Kabarettverbot bei der Darstellung, ganz im Sinn des Autors. Da schwärme ich jetzt von Elisabeth Orth. Sie ist sprachlich so genau bei den Proben, sie findet immer das richtige Maß zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit.

 

Welche Rollen sind besonders wichtig?

Gregor Bloéb als Gast an der Burg spielt den Optimisten, Dietmar König spielt den Nörgler. Das sind Brüder, die sich brauchen, die miteinander kämpfen. Der Nörgler scheitert fast wie eine tragische antike Figur, der man nicht glaubt. Er kann den Optimisten nicht überzeugen. Der wiederum spiegelt besonders stark die Stimmung der Zeit wider.

 

Wie empfinden Sie es, erstmals für die Salzburger Festspiele zu inszenieren?

Es ist ein Höhepunkt der Karriere, bei diesem tollen Festival mitzuwirken. Da habe ich schon Glücksgefühle, neben all dem Druck, der entsteht. Man steht in Salzburg in einer Auslage. Das Scheitern und ein ansprechender Abend liegen eng zusammen. Ich hoffe zumindest auf Ecken und Kanten. Salzburg ist ein Luxus, ein Festival der Eitelkeit, aber auch eben nur Theater.

 

Wie wirkt sich dieses Engagement auf Ihren Terminkalender aus? Sie machen derzeit einen kompletten „Ring“ in Nürnberg.

Ich stecke mittendrin. Aber die ersten beiden Teile sind bereits gemacht, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ kommen erst im nächsten Jahr, im April. Die Leute in Nürnberg haben sich gefreut, auch über die mediale Aufmerksamkeit. In Wien bekomme ich ebenfalls Rückenwind. Ich habe jetzt meinen Urlaub geopfert und musste leider auch eine Oper in Linz wegen Salzburg absagen. Da freut sich jetzt eben ein anderer.

 

Sie kehren nach langer Zeit als Regisseur an das Burgtheater zurück. Wie sieht man aus der Ferne dieses Haus?

Ich habe unter Direktor Klaus Bachler 2001 Nestroys „Der Zerrissene“ gemacht, mit Karlheinz Hackl als Lips. Dann kam nichts mehr, ich hab das abgehakt, ohne Schadenfreude. Mit Frau Bergmann habe ich mich immer gut verstanden. Das Burgtheater hat man von Deutschland aus immer als fantastischen Luxus gesehen. Man wurde neidisch belächelt, wenn man dort war. Ich maße mir kein Urteil über die Verhältnisse an der Burg an, ich kenne sie nicht.

 

Sie waren aber selbst einmal Theaterdirektor, in Linz. Warum haben Sie gänzlich zur Regie gewechselt?

Ich genieße den Platz am Regietisch. Das ist das Paradies von eigener Konzentration und Gestaltung mit einem Team. Ich lerne immer Neues. Das tut meiner Vitalität bei der Arbeit gut.

 

Wie behalten Sie noch in mittleren Jahren Ihr Engagement?

Die Neugier bewahren. Ich bin ein kindlicher Mensch. Ich wäre jederzeit bereit, wieder eine Gruppe zu gründen, um die Grenzerfahrung Theater zu machen. Ich hatte mich auch um die Intendanz des Volkstheaters beworben und bin in die Schlussrunde gekommen. Bei Anna Badora wird das Haus nun in guten Händen sein. Für mich ist jetzt einmal Schluss mit Bewerbungen.

Steckbrief

Georg Schmiedleitner wurde 1957 in Linz geboren, er hat Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft studiert. 1983 gründete er die Experimentalbühne „Spielstatt“, ist Mitbegründer und war von 1989 bis 1996 künstlerischer Leiter des Theaters Phönix, ab 2005 des Theaters Hausruck.

Danach freier Regisseur, u. a. in Wien an der Josefstadt, im Rabenhof, im Theater der Jugend, im Burg- und Volkstheater sowie in Graz, Klagenfurt, Linz, und an namhaften deutschen Bühnen.

Zuletzt wandte er sich der Opernregie zu, etwa in Hannover und Nürnberg, wo er derzeit Wagners „Ring“ inszeniert.

Am 29. Juli 2014 hat bei den Salzburger Festspielen Schmiedleitners Inszenierung von „Die letzten Tage der Menschheit“ im Landestheater Salzburg Premiere. Rund ein Viertel der Szenen aus dem Drama von Karl Kraus werden in dieser Koproduktion mit dem Burgtheater verwendet. Weitere Termine: 30. Juli, 1., 2., 4., 6., 8., 9., 10., 12., 14. und 15. August, jeweils um 18 Uhr. Im Burgtheater wird das Stück zu Saisonbeginn ab 5. September 2014 gezeigt. APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2014)