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Die Hofnarren in den bunten Leiberln

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Die Fußball-WM in Brasilien ist vorbei, die Karawane zieht weiter zum nächsten Futtertrog mit Milliarden an Sponsorgeldern, steuerfreien Gewinnen und dunklen Deals.

Am Ende siegt immer der Sport, heißt es. Deutschland ist Fußballweltmeister. Jubel, Euphorie, Emotionen. Wer denkt dieser Tage noch an die Armut in Brasilien, an die Mafia, die unter der schützenden Hand einflussreicher Funktionäre WM-Karten zu horrenden Preisen vertickt hat? Wer denkt daran, dass die nächsten Olympischen Sommerspiele zufällig wieder in Brasilien stattfinden, dass Russland nach den Winterspielen zufällig die nächste Fußball WM 2018 ausrichten wird? Und danach Katar 2022.

Im Milliardengeschäft Sport gibt es keine Zufälle. Dafür sorgen Weltkonzerne und mächtige Sportfunktionäre wie etwa Joao Havelange. Der mittlerweile 98-jährige Brasilianer, ehemaliger Fifa-Präsident und ehemaliges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, habe Katar die WM 2022 zugeschanzt. Im Gegenzug erhielt Rio die Sommerspiele 2016. Gibt es ein schöneres Geschenk zum 100. Geburtstag? All das behauptet der Olympia-Stratege Erwin Roth. Der Salzburger wird mitunter auch als Olympia-Lobbyist bezeichnet. Er selbst mag diese Bezeichnung nicht. Sie impliziert den Verdacht der Korruption.

Zurzeit muss sich die Fifa mit Korruptionsvorwürfen auseinandersetzen, die Katarer hätten Mitglieder des Exekutivkomitees mit Geldgeschenken davon überzeugt, für sie zu stimmen. Enthüllungen der „Sunday Times“ von Anfang Juni 2014 scheinen das zu bestätigen. Doch nun legt eine neu aufgetauchte Version der Geschichte nahe, dass Fifa-WM und Olympische Sommerspiele bloß das bunte Geschenkpapier für riesige Handelsverträge und die Selbstbereicherung einer Gruppe alter Männer bilden.

Die Schlüsselfigur ist Havelange, der als Präsident (1974 bis 1998) die Fifa von einem Sportverband zu einem florierenden Wirtschaftsunternehmen mit Milliardenumsätzen hochpushte. Im Finanzbericht 2013 werden deren Reserven mit rund einer Milliarde Euro angegeben. Der dank Steuerbefreiungen durch Brasilien erzielte Gewinn aus der WM 2014 wird auf rund 2,2 Milliarden Euro geschätzt.

Trotz der horrenden Kosten und der Privilegien für Fifa und das Internationale Olympische Komitee kämpfen Staaten mit allen Mitteln um die Ausrichtung der Events. Es geht ums Geschäft, an dem alle verdienen, Ausrichterstaaten, Sponsoren, TV-Stationen, Baufirmen, Tourismus- und Konsumgüterindustrie. Sportler dienen bloß als willige Hofnarren.

Der seit Jahrzehnten im Olympia-Business tätige Salzburger Stratege Erwin Roth sagt, dass „der Kampf längst mit der Waffe Wirtschaftsverträge ausgetragen“ werde. Da gehe es nicht um Cash für Funktionäre im Briefkuvert. Roth: „Es geht um hunderte Millionen Dollar.“

Katar sitzt auf den drittgrößten Erdgasreserven der Welt (25 Billionen Kubikmeter). Am 2. November 2010 besuchte Emir Hamad bin Chalifa al-Thani den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau, schreibt die „Sunday Times“. Russland ist das Land mit den größten Erdgasreserven und Gazprom ist der weltgrößte Erdgaskonzern.

Einen Monat nach diesem Treffen erhielten die beiden Staaten von der Fifa je eine Fußball-WM zugesprochen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Etwa, dass sich die beiden Staaten bei der Abstimmung gegenseitig die Stimmen gegeben hätten.

Im April 2011, die Weltmeisterschaften waren unter Dach und Fach, gab Gazprom bekannt, ein Büro in Katar eröffnen zu wollen. 2013 war es dann so weit.


Gasgeschäft vor Fifa-Sitzung.
Katar verhandelte der „Sunday Times“ zufolge vor der Fifa-Sitzung auch den Liefervertrag für Liquid Natural Gas (LNG, flüssiges Erdgas) mit Thailand neu. Die Thais hatten gebeten, den Preis „der Weltmarktentwicklung folgend anzupassen“, also zu senken.

Das thailändische Fifa-Exekutivmitglied Worawi Mukadi war an den Verhandlungen beteiligt und bei der Fifa-Sitzung am 2. Dezember 2010 stimmberechtigt. Sollten diese Verträge und Besprechungen Einfluss auf die Entscheidungen der Fifa genommen haben, würde es sich um verbotene Einflussnahme von Funktionären handeln. Doch das ist nicht zu beweisen und nicht strafbar.

Mit Geld und günstigen Verträgen für knappe Güter locken viele Staaten. Wer eine WM haben will, braucht Zugang hinter die Kulissen der Fifa und des IOC. So beginnt Erwin Roths Version von Katars WM im April 2008. Doha wollte die Sommerspiele 2016 haben, die Konkurrenten waren Baku, Prag, Chicago, Tokio, Madrid und Rio de Janeiro.

Roth: „Mein Vertrag beinhaltete 30.000 Euro im Monat, ich war Chefstratege für die Olympia-Bewerbung Katars.“ Der Salzburger ist seit Jahrzehnten im Sportbusiness tätig, er arbeitete auch für Salzburgs Bewerbung um die Winterspiele 2014. Er hat das ÖOC auf Erfüllung seines Vertrages (1,1 Millionen Euro) geklagt und steht derzeit wegen des Verdachts der Abgabenverkürzung vor Gericht.

Brasilien hat von der Fifa im Oktober 2007 die WM 2014 erhalten. Rios Chancen waren demnach gering, zwei Jahre nach der WM auch noch die Sommerspiele zu bekommen. Havelange brauchte Hilfe für sein persönliches Geburtstagsgeschenk: Die Katarer mit ihren Kontakten in die westliche und arabische Wirtschaftswelt mussten von einem Konkurrenten in einen Verbündeten verwandelt werden.

Die IOC-Experten hatten Mitte März 2008 im technischen Report Doha ein ausgezeichnetes Zeugnis ausgestellt. Rio hingegen rangierte hinter Chicago, Doha, Madrid und Tokio. Zeit, zu handeln.

Roth: „Havelange war rund acht Wochen vor der IOC-Sitzung, auf der die offiziellen Bewerber ernannt wurden, inkognito in Katar. Ich habe ihn später einmal zufällig getroffen und ihn darauf angesprochen. Er war gar nicht peinlich berührt und sagte, es sei Zeit, dass ein arabisches Land die Weltmeisterschaft erhält.“ Roth verfasste einen Bericht, der Kernsatz lautete: „The Olympic Bid has been sold down the river.“

Worüber haben Havelange und der Emir gesprochen? Roth glaubt, dass es um ein Tauschgeschäft gegangen ist. Katar verzichtet auf die Bewerbung für Olympia 2016, und erhält dafür die Zusage, dass die Fußball WM 2022 in Katar stattfinden wird. Alles reine Spekulation eines Chefstrategen, dem sein Job unter der Hand wegverhandelt wurde?

Zwei Wochen nach Havelanges Besuch in Katar traf der Emir, so will Roth erfahren haben, den IOC-Präsidenten Jacques Rogge. Hamad bin Chalifa al-Thani soll Rogge mitgeteilt haben, dass er die Olympia-Bewerbung zurückziehe. Am 4. Juni 2009 strich das IOC-Exekutivkomitee Doha von der Liste der Bewerber. Roth quittierte seinen 30.000-Euro-Job.


Rio erhält den Zuschlag. Am 2. Oktober 2009 vergab das IOC die Spiele 2016 an Rio, den schlechtesten Bewerber. Der alte Pate Havelange hatte sich ein Denkmal gesetzt. Doch seine Vergangenheit holte ihn ein.

Denn kurze Zeit später wurde Havelange der Korruption überführt. Zum Verhängnis wurden ihm allerdings Geschäfte, die mehr als ein Jahrzehnt zurücklagen. Von der 2001 in Konkurs gegangenen Fifa-Sportrechteagentur ISL – nach der Swissair der zweitgrößte Crash in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte – hatte er Millionen Euro schwarz kassiert. Havelange verlor sein Amt als Fifa-Ehrenpräsident und schied aus dem IOC aus. In den vergangenen Wochen während der Fußball WM trat er nicht in Erscheinung. Und auch sein 100. Geburtstag wird wohl bei den Spielen in Rio 2016 wenig Beachtung finden. Es ist eine Ironie des Schicksals.

Im Mai 2008 sorgte Fifa-Präsident Sepp Blatter dafür, dass die Fußball-WM 2018 und 2022 erstmals gleichzeitig vergeben wurden. Blatter gilt als Zögling Havelanges. Der Schweizer Blatter begründete das damals so: „Die Sponsoren und das TV verlangen nach einem Package.“

Unplausibel ist das Verlangen der größten Fifa-Finanziers nach Investitionssicherheit nicht. Und auch die Tatsache, dass der Weltfußballverband 2007 ziemlich große Finanzprobleme hatte, dürfte ein nicht minder wichtiger Grund für die Doppelvergabe gewesen sein. Der Fifa-Finanzbericht 2007 wies (ohne Finanzergebnis) bloß rund 17 Millionen Euro Betriebsergebnis aus. 2006 (WM in Deutschland!) waren es noch 241 Millionen Euro, und 2008 (EM in Österreich/Schweiz) waren es 168 Millionen Euro. Das 2007 eröffnete neue Fifa-Hauptquartier hatte rund 155 Millionen Euro gekostet. Nach einem verlorenen Rechtsstreit mit Mastercard, in dessen Verlauf der damalige Fifa-Marketingchef Jerome Valcke (heute ist er Generalsekretär) von US-Richterin Loretta Preska als „Lügner“ bezeichnet wurde, musste die Fifa dem ehemaligen Partner 66 Millionen Euro zahlen.

Katars Reichtum ist verlockend. Da schaut man schon einmal nicht so genau hin. Wie die „Sunday Times“ aufdeckte, ignorierte das Fifa-Exekutivkomitee einen Report, der Doha als einzigen WM-Bewerber mit hohem Sicherheitsrisiko einstufte. Und das war lange vor der Offensive der islamistischen Terrorgruppe IS im benachbarten Iran.

Wie sagte FIFA-Präsident Joseph Blatter: Die Vergabe der WM 2022 an Katar war eine „politische Entscheidung“.


»Es war möglicherweise zu diesem Zeitpunkt ein Fehler.«

Sepp Blatter

Der Fifa-Präsident distanziert sich mittlerweile von der Vergabe der

WM 2018 an Katar. APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2014)

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