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Potz Maus! Jedermann fand endlich heim

(c) APA/BARBARA GINDL
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Fast ein Geniestreich, das ist die Neuinszenierung des Spiels auf dem Domplatz von Brian Mertes und Julian Crouch, die am Samstag wiederaufgenommen wurde. Cornelius Obonya beeindruckt, die Frauen brillieren.

Warum lehnt die Kirche die Reinkarnation ab? Vielleicht, weil sie ihre „Schäflein“ nur zu gut kennt, die sich mit der Aussicht, wiedergeboren zu werden, fatalistisch dem Laster ergeben würden. Dann lieber: „Hier wird kein zweites Mal gelebt“, so heißt es in Hofmannsthals „Jedermann“, der seit Samstagabend wieder auf dem Domplatz in Salzburg zu sehen ist. Die Neuinszenierung von Brian Mertes und Julian Crouch, die im Vorjahr Premiere hatte und heuer wiederaufgenommen wurde, bringt „Jedermann“ in die Moderne und schwänzt doch nicht das „geistliche Spiel“, um das es sich hier nun einmal handelt, ob man nun gläubig ist – oder Atheist.

Viel zu lang blieben die Variationen der alten Inszenierung des Festspiel-Mitbegründers Max Reinhardt auf dem Programm. Christian Stückl, der Passionsspielmacher von Oberammergau, der kommende Saison am Burgtheater Peter Turrinis Künstlerstück „Bei Einbruch der Dunkelheit“ herausbringen wird, kennt sich mit Volkstheater aus, traute sich aber nicht viel. Seine „Jedermann“-Version war ansehnlich, aber nicht spektakulär. Der „Jedermann“ von Mertes und Crouch ist fast ein Geniestreich, er verbindet wichtige Motive, Facetten des Werkes: das mittelalterliche Mysterienspiel, den Fasnacht-Umzug, und die Parabel vom Sterben des reichen Mannes aus der Zeit der sehr reichen Jahrhundertwende, als wie heute eine dünne wohlhabende Schicht Kapital von einem Kontinent zum anderen schob (Kolonialismus, Industrialisierung), während das globale Volk für geringe Löhne arbeitete.

Aber das Gute am „Jedermann“ ist eben, dass er keine platte Politik betreibt. Er zeigt, dass Arm wie Reich letztlich am selben Schicksal hängen. Auf der Bühne grüßt zu Beginn die Stadt Salzburg en miniature, Spiegel des großen Salzburg rund um den Dom. Die Bischöfe aus der Prozession verschwinden eilig in der Kirche, das Skelett wackelt mit seinen Knochen. Es ist ein Vorteil, dass das Protagonistenpaar relativ jung ist: Brigitte Hobmeier rast mit dem Radel über die Szene und stürzt bei einem Stunt gekonnt, was sie hoffentlich in den Folgeaufführungen nicht machen muss, es schaut halsbrecherisch aus. Aus den paar Sätzen der Buhlschaft, die meist nach ihrer Oberweite taxiert wird, eine Frau von heute zu zimmern, ist wirklich nicht einfach. Diese rotblonde Nixe praktiziert sichtlich das aktuell empfohlene Erfolgsrezept: Sieh zu, dass du immer tipptopp ausschaust, schnapp dir ein Alphamännchen – und noch einen möglichst schicken Job. Vielleicht werkt diese Buhlschaft als Modedesignerin, ihr rotes Kleid hat sie sich selbst mitgebracht.

Toll: Hobmeier, Gschnitzer, Stemberger

Der Mann spendiert den Ring und den Lustgarten dazu. Cornelius Obonya wirkt am Anfang noch etwas schematisch, aber er steigert sich in imposanter Weise. Dieser Jedermann hat Charisma, frech wie ein selbstbewusster „Chef“, der sich darauf versteht, mit geschmeidiger Beredsamkeit (Rhetorik-Seminar!) seinen Angestellten ein X für ein U vorzumachen, belehrt er den Bettler, der einst sein Nachbar war, und den Schuldknecht: „Wer hieß dich Geld auf Zinsen nehmen?“ Klar, wer hat, braucht keinen Kredit. Großartig ist die resolute Katharina Stemberger als Schuldknechts Weib. Ihr Mann (Fritz Egger) schaut anders als sonst nicht so aus wie aus dem Straßengraben gezogen, sondern er wirkt, als hätte man ihn gerade aus seinem Zweireiher geprügelt. Der gute Gesell trägt fesche Fantasietracht, er benimmt sich so eifrig und liebedienerisch wie der Assistent der Geschäftsleitung – und klarerweise will er aufsteigen, möglichst mit dem nächsten Herren, und nicht hinab mit seinem todgeweihten Patron ins Grab. Als Narren in historischem Stil gezeichnet sind dünner und dicker Vetter. Wunderbar, weil goldrichtig besetzt: Jedermanns Mutter (Julia Gschnitzer).

Die Aufführung bedient die Schaulust. Sie ist aber nicht pathetisch oder sentimental, erzählt die Geschichte auf den Punkt genau. Die Allegorien werden verstärkt durch Skulpturen, das macht speziell beim Mammon großartigen Effekt: Aus dem malmenden goldenen Riesen, dessen Arme nach allen Richtungen raffen, steigt ein Herr im Zylinder (Jürgen Tarrach) und kackt einen Riesenhaufen Goldmünzen. Den Teufel begleiten Perchten. Der bleiche Tod (Peter Lohmeyer) stelzt auf hohen Absätzen einher. Bezaubernd sind die Guten Werke: Die herrlich pfiffige Sarah Viktoria Frick schlägt kokett ihre zierlichen Puppenbeine übereinander. Hier wird Ernstes verhandelt, aber umso mehr darf hin und wieder gelacht werden.

Auch ein paar befremdliche Einfälle gibt es: Warum wird Gott von einem Kind gespielt? Vielleicht ist Gott ein Kind, aber nicht im kathartischen Theater. Der Glaube ist ein Mann: Monumental tönt Hans Peter Hallwachs herab von einer Planke und gießt aus einer Waschschüssel Wasser auf Jedermann. Das ist läppisch. Die letzten Dinge ereignen sich ungesäumt. Nach zwei Stunden ist Schluss. Das Publikum applaudierte begeistert. „Jedermann“ fand mit dieser ebenso traditionsbewussten wie zeitgemäßen Inszenierung endlich heim – in die Gegenwart.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2014)