Ideen und Auftritte, die sonst untergehen würden, werden im Sommer breit erörtert. Politiker wissen und nutzen das – auch wenn manchmal etwas schiefgehen kann.
Wien. Ein „nettes Sommerthema“ sei das, sagte Vizekanzler Michael Spindelegger. Und sprach sich nach dem Sommerministerrat am Dienstag gegen die Idee aus, eine neue Bundeshymne zu schaffen. „Ich bin kein besonders guter Sänger, aber ich singe sie mit Überzeugung“, meinte Kanzler Werner Faymann, der auch weiterhin „Land der Berge“ intonieren möchte.
Dass die Idee von Volksanwältin Gertrude Brinek für eine neue Hymne solche Wellen schlägt, dürfte tatsächlich mit dem Sommerloch zu tun haben. Es ist die Zeit, in der man leicht in die Medien kommt. Und es ist auch kein Zufall, dass der Chef der kleinsten Oppositionspartei, Matthias Strolz, nun wöchentlich Vorschläge macht. Ob mehr Macht für den Kanzler oder eine „Schock-Kur“ für die Kammern durch das Ende der Zwangsmitgliedschaft – die Aufmerksamkeit ist Strolz gewiss. Aber auch Regierungspolitiker nützen die Magie des Sommerlochs: Wenn Spindelegger wie zuletzt innerhalb weniger Tage einmal mit Justizminister Wolfgang Brandstetter und einmal mit Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter auftritt, steckt Strategie dahinter. Gilt es doch, die Botschaft, dass die Partei für Reformen stehe, gemeinsam unters Volk zu bringen.
„Ja, das Sommerloch gibt es tatsächlich“, sagt Josef Kalina, Kommunikationsexperte und einst Sprecher von Viktor Klima und Alfred Gusenbauer. Schon 1997, Klima war damals Bundeskanzler, habe man alle Ressorts im Kanzleramt zusammengetrommelt, erzählt Kalina. Man sprach sich ab, wer im Sommer wann mit welchem Thema an die Medien geht. Im Sommerloch muss auch nicht immer alles so funktionieren wie erdacht. Als etwa Alfred Gusenbauer 2006 auf Wanderschaft durch Österreich ging, machte vor allem seine enge Radlerhose Schlagzeilen. Das war nicht gewollt. „Doch die kurze Hose hat eher genutzt als geschadet“, sagt Kalina. Dadurch hätten erst recht viele Medien über die Wanderung berichtet. Und die dahinterliegende Botschaft, dass der Kanzler wandert, um Land und Leute kennenzulernen, hat die Bürger erreicht. Gusenbauer wurde bei der Wahl im Herbst Erster und Kanzler.
Chance im Ministerrat vertan
Nicht genutzt wurde das Sommerloch im gestrigen Ministerrat: Die Koalition präsentierte kein neues Vorhaben. „Den Termin hätte man nützen können, um zu zeigen, dass man etwas gemeinsam macht“, sagt Kalina. Der Grund, warum man im Sommer leichter in den Medien unterkommt, ist ein simpler: „Der Nachrichtendruck ist geringer“, betont Jörg Matthes, Vorstand des Instituts für Publizistik an der Uni Wien. Wobei es aber auch Nachteile haben könne, Themen im Juli oder August zu erörtern. Denn sie könnten auch rascher wieder aus den Medien verschwinden.
Viele politische Akteure und Bürger sind schließlich auf Urlaub. Allerdings meint Kalina, dass man im Sommer trotzdem nicht wenige Leute erreicht. Er schätzt, dass nur rund 15Prozent gleichzeitig im Ausland urlauben. Aber auch diese würden ja Medien konsumieren.
Einer, der wissen muss, wie man im Sommerloch unterkommt, ist Christopher Drexler. Der steirische Landesrat und frühere ÖVP-Klubchef hatte einige Jahre eine Art Abo auf mediale Sommerpräsenz. Von der eingetragenen Partnerschaft für Homosexuelle, als sie in der ÖVP noch als Tabu galt (2004), über das Ende der Neutralität bis hin zur Pflegeversicherung für Kinderlose reichten seine Ideen.
Erste Augustwoche ist ideal
Drexlers Tipps, um im Sommerloch zu reüssieren? Man brauche ein Sensorium für die richtigen politischen Themen und dürfe keine Angst vor negativen Reaktionen haben. Und man müsse in der ersten Augustwoche Zeit haben, da sei das Sommerloch am größten. Wird Drexler also in rund einer Woche wieder einmal zuschlagen? „Ich bin in der ersten Augustwoche auf Urlaub, es können sich alle entspannen“, scherzt Drexler, dessen sommerliche Ideen einst auch in der Bundes-ÖVP für Aufregung sorgten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2014)