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Kindergarten: „Die Mütter sollten nicht abgekanzelt werden“

Heidemarie Lex-Nalis
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Im Kindergarten brauche es mehr und vor allem anders ausgebildetes Personal, sagt Pädagogin Lex-Nalis. Um mit Ängsten aufzuräumen, könnte man Schwangere über die Vor- und Nachteile eines frühen Kindergartenbesuchs informieren.

Die Presse: Familienministerin Sophie Karmasin will Österreich zum familienfreundlichsten Land der EU machen. Wie weit sind wir jetzt noch davon entfernt?

Heidemarie Lex-Nalis: Wir sind weit weg. Denn Familienfreundlichkeit heißt für mich, dass Familie und Job gut miteinander vereinbar sind. Das ist derzeit nicht der Fall. Es gibt nicht einmal für 20 Prozent der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz. Weit weg sind wir auch davon, dass Väter selbstverständlich in Karenz gehen. Und weit weg sind wir von Öffnungszeiten von Kindergärten und Schulen, die mit den Arbeitszeiten gut vereinbar sind.

Was genau müsste sich ändern?

Jedes Kind sollte ein maßgeschneidertes Angebot vorfinden. Die Kommunen müssten für eine bessere Koordination zwischen Kindergärten und Horten, Tageseltern, Schulen und Vereinen sorgen, und die Pädagoginnen und Pädagogen müssten die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen und Institutionen als Teil ihrer Profession begreifen.

Mehr Kooperation, bessere Zusammenarbeit: Das ist alles?

Nein. Auch die Arbeitgeber müssen ihren Teil dazu beitragen: Es müsste flexible Arbeitszeitmodelle sowie Teilzeitmodelle, die sich an das Alter der Kinder anpassen, geben. In großen Betrieben sollte es eigene Betreuungseinrichtungen geben. Kindergärten und Schulen müssen ihre Öffnungszeiten an den Arbeitszeiten von Eltern orientieren, und Bring- und Abholzeiten sollten viel flexibler sein.

Es gibt viele Eltern, die Nacht- und Wochenenddienste haben, wie kann das funktionieren?

Es gibt gute Vorbilder: In den Krankenhäusern gibt es schon seit mehr als 20 Jahren Betriebskindergärten, die an die Arbeitszeiten der dort Beschäftigten angepasst sind – also auch nachts geöffnet haben.

 

In der Privatwirtschaft wird das wohl schwierig.

Dennoch sehe ich es durchaus als Aufgabe eines großen Unternehmens, auch Kinderbetreuung anzubieten.

Was hat eigentlich die Qualität einer Bildungseinrichtung mit Familienfreundlichkeit zu tun?

Familienfreundlichkeit bedeutet, dass ich mein Kind nicht in eine „Aufbewahrungsanstalt“ gebe, nur damit ich zur Arbeit gehen kann. Ich möchte mein Kind vielmehr in eine Einrichtung geben, bei der ich weiß, dass sie es nicht nur liebevoll betreuen wird, sondern dass das Kind dort eine Umgebung vorfindet, die auch den Intellekt anregt.


Was muss das Kind vom Kindergarten mitnehmen?

Das Wichtigste ist, dass die Lust am Lernen und die Neugierde erhalten bleiben. Und jedes Kind sollte um seine Einzigartigkeit Bescheid wissen.

Wie erhält man diese Lust?

Es darf nicht wie in der Schule sein, in der alle dem folgen müssen, was der Lehrer vorgibt. Im Kindergarten sollen Kinder vieles ausprobieren dürfen: Sie sollen malen können, musizieren, experimentieren, ein Bilderbuch anschauen oder sich im Bewegungsraum oder im Garten austoben. Dazu braucht es gute Pädagoginnen und Pädagogen.

Und dafür braucht es wohl auch mehr Personal.

Es braucht mehr und vor allem ein anders ausgebildetes Personal.

 

Inwieweit sollten auch die Eltern in den Kindergartenalltag miteingebunden werden? Was kann man hier tun?

Ideal wäre es, wenn ich als Elternteil das Gefühl habe, dass ich gleichwertiger Teil des ganzen Getriebes bin und gemeinsam mit der Pädagogin dafür sorgen kann, dass es meinem Kind gut geht.

 

Konkret heißt das was?

Wenn ich als Mutter oder Vater im Kindergarten anrufe, weil ich mir Sorgen mache, weil mein Kind heute in der Früh geweint hat, als ich es abgegeben habe, dann sollte ich dort nicht abgekanzelt werden. Ich sollte jederzeit mit der Pädagogin darüber reden können.

Welche Rolle spielt der Besuch eines Kindergartens im Hinblick auf den weiteren Bildungsweg?

Es gibt Langzeituntersuchungen, die belegen, dass Kinder, die in einem qualitätsvollen Kindergarten waren, in der Schule bessere Chancen als Kinder haben, die nicht im Kindergarten waren.

In Frankreich kann man das Kind zehn Wochen nach der Geburt in eine Betreuungseinrichtung geben. Ab wann ist das aus pädagogischer Sicht vertretbar?

Dann, wenn Kinder zur jeweiligen Betreuungsperson eine gute Bindung aufbauen können. Generell lässt sich sagen: Je jünger die Kinder, umso intensiver muss die Betreuung sein. Das heißt: eine Bezugsperson für maximal drei Kinder. Ich selbst habe meine Tochter ab einem Alter von drei Monaten stundenweise zur Tagesmutter gegeben, und das hat für uns beide sehr gut gepasst.

Viele Eltern wollen ihr Kind nicht so früh abgeben.

Es gibt viele Menschen, die glauben, dass eine Fremdbetreuung vor dem dritten Lebensjahr schädlich ist. Man kann nicht erwarten, dass sich eine derartige Meinung von selbst ändert.

 

Was würden Sie vorschlagen?

Kindergärten könnten Veranstaltungen machen, in denen Eltern oder schon Schwangere über Vor- und Nachteile des frühen Kindergartenbesuchs informiert werden und eingeladen werden, sich selbst ein Bild zu machen.

Inwieweit sind Kindergartenpädagogen für die Erziehung eines Kindes verantwortlich?

Man mischt sich dort ein, wo man es für notwendig hält. Das kann sogar so weit gehen, dass man die Familie zu Hause besucht. Für eine derartige Arbeit braucht es aber natürlich auch ein gutes Netzwerk zwischen Sozialarbeitern, Kindergartenpädagoginnen, Kinderärzten und psychologischen Beratungsstellen.

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DIE IDEEN

Heidemarie Lex-Nalis (64) ist pensionierte Kindergarten- und Hortpädagogin und Soziologin. Sie ist Mitglied des Steuerteams der Plattform EduCare. Sie fordert mehr und anders ausgebildetes Personal. Pädagoginnen müssen stärker mit anderen Berufsgruppen und Institutionen zusammenarbeiten. Eltern sollten früher über Vor-/Nachteile eines frühen Kindergartenbesuchs informiert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2014)