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APO, RAF, ORF, DDR, PDS

Misslungener belletristischer Versuch einer Ehrenrettung des RAF-Anwalts und Stasi-Spitzels Klaus Croissant durch den Strafverteidiger und Schriftsteller Peter O. Chotjewitz: „Mein Freund Klaus“.

Wer hätte vor 40 Jahren gedacht, dass der „Deutsche Literaturfonds“ heute aus Steuermitteln der Bundesrepublik einen Autor unterstützt, der über den „Deutschen Herbst“ von 1977 ein Buch verfasst, das unverhohlen Partei nimmt für die Gegner des sogenannten damaligen „Unrechtsstaates“?

Der Schriftsteller und Jurist Peter O. Chotjewitz, Wahlverteidiger von Andreas Baader, schreibt einen Roman über den Testamentsvollstrecker von Ulrike Meinhof, Klaus Croissant, Rechtsanwalt: „Mein Freund Klaus“. Die 570 Seiten, die der Berliner Verbrecher Verlag als „dramaturgisch modern“ und „kühn im Aufbau“ bewirbt, als „penibel recherchiert“ und „detailgetreu“ in „kühler Sprache“ und „stilsicher“ gearbeitet, erweisen sich als Etikettenschwindel.

Dieses Buch ist kein Roman.

Es ist der gescheiterte Versuch, in neun Kapiteln ein gelaufenes Leben zurückzudrehen. Familiensaga, Ahnenforschung, erster Atemzug, dann Studium, Weiber, Werdegang, Bourgeoisie und Bürgerschreckiade, Terrorismus, Anti-BRD und Pro-DDR. Nicht „Fiction“, nicht „Faction“. Ein hingefetzter Fleckerlteppich aus Brief, Interview, Fußnote, Reportage, Doku. „Belästigen“ lässt Autor Chotjewitz sich nicht von „modernen Romanciers mit Dingen wie Sprache, Stil, Aufbau, Stoff und Form, die ablenken vom Wesentlichen, dem Material“. Bescheiden beruft er sich auf die „Dialogform der griechischen Tradition“. Ziel ist die Abgrenzung gegenüber jener „diffamatorischen Literatur“, die seinen Freund Klaus, den Anwalt der Roten-Armee-Fraktion, „als Monster“ darstelle. Croissant vermengte als Verteidiger der Terroristen juristisches und politisches Engagement, kooperierte, wurde verhaftet, verurteilt, floh. 2002 starb der ehemalige offizielle Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR als PG der PDS.

Ehrenrettung unter Kunstvorbehalt also?

Chotjewitz, Autor von 30, 35 Büchern, experimentell einst, realistisch jetzt, Übersetzer von weiteren 30 Büchern, vor allem des einträglichen Dario Fo, gibt hier nicht einmal zwischen den Zeilen eine Distanz zu Aufstieg und Fall von APO und RAF preis. Hier will ein Exponent der 68er-Bewegung einen anderen Exponenten der 68er-Bewegung reinwaschen. Mit einem ideologisch wasserdichten Bekennertext. Und was kommt dabei heraus? Ein ungutes Buch. Dem etwas Ruchloses anhaftet.

Warum? Weil es, gemessen an der Schwere des Themas, absolut unangemessen agiert. Es ist nicht nur die APO-Macker-Misogynie. Es sind nicht nur die augenfälligen Nachlässigkeiten in Form von Druck-, Orthografie-, Zitierfehlern ohne Zahl, die zahllosen Schlampereien der Recherche wie „Mauth“ statt „Jörg Mauthe“ oder „die (!) ORF“ oder Karaseks Karriere oder „Staatsschauspiel“ statt „Staatstheater“, das in der Peymann-Ensslin-Zahnersatz-Affäre damals eine große Rolle spielte – könnte ein gewissenhafter Schreiber, der in Stuttgart lebt, wissen, wo er doch Stuttgart mit seinem RAF-Prozessort Stammheim als Originalschauplatz seines Buches gewählt hat.

Unangemessen auch der schnoddrige Gebrauch der deutschen Sprache, ein schmuddeliger, frecher, laxer Schwätz direkt vom Tresen via Tonband zwischen die Buchdeckel gerotzt: Da wird „verklickert“, neudeutsch „angedacht“, da „macht irgendeiner lifestylemäßig was her“, das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ist ein „Käseblatt“ und Exkanzler Helmut Schmidt ein „Krautvater“. Allein die Benutzung der Vokabel „klammheimlich“, vor 30 Jahren das Codewort für RAF-Sympathisanten, heute ohne Anführung? Bedenklich!

All dies sind Indikatoren von Unschärfe, Achtlosigkeit und mangelnder Sorgfaltspflicht gegenüber Protagonist, Personal und einem politischen Problem, das die deutsche Gesellschaft bis heute nicht hat zur Ruhe kommen lassen können. Statt sich auf das authentisch Erlebte zu beschränken, und Chotjewitz hat als immer mit Linksaußen vernetzt und verstrickt einzigartiges Erfahrungsmaterial gehortet, statt schlicht und einfach zu erzählen, was war, hopst der Faktenhuber an 100 Orten bei 100 Leuten umher, fragt sie nach Freund Klaus aus und breitet 100 oder 1000 Facetten mit ungebremster Logorrhö aus: Klaus als Heiratsschwindler, Träumer, Effekthascher, Manipulator, Musilianer, Maulhure, Croissant charmant, nett, gut gekleidet. Der Porträtierte bleibt Papiermaschee. Für ein schlüssiges Durchdringen des Menschen K.C. und seiner Zeit fehlt die soziologische Einsicht, fehlen psychologische Empathie, kritischer Abstand, menschliche Souveränität – analytische Impotenz eines Schwadroneurs.

Selten und schön eindringlich blinken Glanzlichter durch den geschwätzigen Brei, wenn Chotjewitz mit schnellem Stift Salonlinke porträtiert, wie sie bis heute kokettieren mit ihren Verbindungen zur RAF. Wie in Wien beispielsweise, wo der Ex-ORF-Direktor Doktor Kuno Konrad Knöbl-Kastellitz damit angibt, dass „seine Frau Rubina Möhring (ORF-3sat-Redakteurin) und er hätten Freunde gehabt, die ihrerseits RAF-Kontak-te hatten“. Süffisante Fußnote Chotjewitz' dazu: „Es gab in Wien drei Hanseln. Ihr größter Coup: Die Palmers-Entführung. Danach fuhren sie unverzüglich ein“ (kamen also in den Knast/Häfen).

Jedenfalls hat Kreisky persönlich laut Knöbl/Chotjewitz dem flüchtigen Klaus Exil gewährt in des ORF-Direktors Hinterbrühler Villa, laut Knöbl im „Freund Klaus“: „Ein Riesenhaus, Jugendstil, mit einem großen Garten, achttausend Quadratmeter, und einem Tennisplatz. Eine imponierende Immobilie, auch wegen des Jaguars, der davor stand, wenn ich zu Hause war.“ Mit „Personal, Chauffeur, Dienstmädchen“ habe der RAF-Anwalt „nicht verkehrt“.

Peter O. Chotjewitz hat ein schauerliches Dokument abgeliefert, das die kollektive Hysterie des Alltagslebens im terrorgebeutelten Deutschland jener Jahre belegt, die Psychopathologie von Personage und Politik. Dokumentiert ist auch die schimmelige Rechthaberei eines abgehalfterten SDS-Soldaten, an dem jede selbstkritische Reflexion in den vergangenen vier Jahrzehnten vorbeigerast ist.

Nur – wer hätte vor 40 Jahren sich überhaupt vorzustellen gewagt, dass ein Revolutionär wie der dichtende Rechtsanwalt Chotjewitz sich überhaupt bei einer so staatstragenden Institution wie dem „Deutschen Literaturfonds“ bewirbt, um mit Staatsknete zwölf oder wie viele Monate über Wasser zu schreiben? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2008)