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„The Raid 2“: Todestanz im Morast

Symbolbild: The Raid
(c) koch media
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Regisseur Gareth Evans schließt im zweiten Teil kongenial an seinen atemberaubend choreografierten, so poetischen wie vulgären Kampfkunstfilm aus dem Jahr 2011 an.

Als wäre man von einem, nein, von mehreren Lastwagen überfahren worden: Das war das Gefühl, das nach „The Raid“ (2011) geblieben ist. Eingespannt in eine entschlackte „Ein Mann kämpft gegen das System“-Geschichte folgt man im Martial-Arts-Meisterstück dem jungen Cop Rama (Iko Uwais) und einer weiteren Handvoll Polizisten in ein schwer bewachtes Hochhaus. In der obersten Etage thront Drogenbaron Tama und kommandiert bis an die Zähne bewaffneten Vasallen. Was folgt, ist ein atemberaubend choreografierter, so poetischer wie vulgärer Kampfkunsttanz bis in den Tod.

Knochen brechen, Kugeln treffen, Messer schneiden Männerfleisch auf: Der walisische Regisseur Gareth Evans vermengte für „The Raid“ Pencak Silat, den Kampfsport seiner Wahlheimat Indonesien, mit einer levelbasierten Videospieldramaturgie zu einem hyperkinetischen „Thrill Ride Movie“. Beim Erscheinen 2011 fräste sich das hippe, geniale Spektakel durch den Wulst aus Durchschnittskino und hinterließ Publikum sowie Kritik ungläubig und elektrisiert. So etwas hatte man bis dahin noch nicht gesehen.

Die Erwartungen an Gareth Evans höher budgetierte Fortsetzung waren entsprechend hoch. Mit „The Raid 2“ steigt der Brite nun endgültig in die Actionkino-Meisterklasse auf. Die Handlung setzt dort an, wo die des ersten Films aufhört: Der erschöpfte Rama kehrt zu seiner Familie zurück, erfährt aber, dass sein Einsatz nicht ohne Folgen geblieben ist. Die Unterwelt Jakartas ist in Bewegung und will den Kopf dessen, der sie so verletzt hat. Um Frau und Kinder zu beschützen, lässt Rama sich für eine Antikorruptionstaskforce rekrutieren, er will Verästelungen zwischen der Polizei und der organisierten Kriminalität offenlegen. Unter dem Decknamen Yuda geht Rama ins Gefängnis. Von dort soll es ihm gelingen, das hermetisch abgeriegelte Syndikat von Bangun (Tio Pakusadewo) über dessen ebenfalls inhaftierten Sohn Uco (Arifin Putra) zu infiltrieren. Einmal in der Höhle des Löwen, gerät der junge Cop in einen epischen Krieg zwischen den indonesischen und japanischen Gangs, die um die Vormacht in Jakarta kämpfen.

 

Psychografie des Ganglands Jakarta

„The Raid“ beschrieb einen kompromisslosen, schier endlosen Kampf von ganz unten nach ganz oben, in die Schaltzentrale der Macht. „The Raid 2“ geht in die Breite: Gareth Evans arbeitet in über zweieinhalb Stunden eine Psychografie des Ganglands Jakarta heraus. Das Energiezentrum des Films sind wieder die Kampfkunstsequenzen in räumlich begrenzten Arenen. Die Digitalkamera surrt, fliegt und stolpert in avantgardistischen Choreografien durch das Geschehen und schält aus der Masse von Körpern immer wieder einzelne Protagonisten heraus.

Gareth Evans hat sehr hohe Ansprüche an sein Team und sich selbst gestellt: „The Raid 2“ sollte keine Wiederholung des ersten Films werden, sondern alle Beteiligten an die Grenze des Machbaren bringen – und dann darüber hinaus stoßen. Ein Massenkampf im Gefängnishof verwandelt sich in ein Wimmelbild mit verschlammten, verlangsamten Körpern. Die Auseinandersetzung zwischen der Auftragskillerin „Hammer Girl“ – nomen est omen – und etlichen Gangstern in einem U-Bahn-Waggon wird zur eleganten Abfolge von tänzerischen Bewegungen mit finalen Hammerschlägen. Höhepunkt ist eine Autoverfolgungsjagd quer durch Jakarta, bei der alle Martial-Arts-Stückerln, gepresst in den Innenraum eines Wagens, gespielt werden.

Aber auch abseits der reinen Aktion erweist sich Gareth Evans als singuläres Talent: Seine Vermessung der Unterwelt ist bestückt mit grellen, charismatischen Figuren, die Inszenierung atmet den Geist von Francis Ford Coppolas „Pate“-Filmen. „The Raid 2“ ist ein schillerndes, spektakuläres Bindeglied zwischen westlichen und fernöstlichen Actionkinokoordinaten, ein brutales Festspiel der kämpfenden, brechenden und sterbenden Körper, ebenso primitiv wie progressiv. Kurzum: ein Meisterwerk. Ab 24. Juli im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2014)