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Mehr Zivildiener für den Kindergarten

Wardrobe for children is seen inside Kindergarten in Hanau
Wardrobe for children is seen inside Kindergarten in Hanau(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
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Familienministerin Sophie Karmasin will über den Zivildienst mehr Männer für die Arbeit in Kindergärten gewinnen. Der Wiener Kevin Obermaier hat diesen Weg eingeschlagen. Und war so begeistert, dass er geblieben ist.

Wien. Wäre alles nach Plan verlaufen, Kevin Obermaier würde jetzt in irgendeinem Konzern als Großhandelskaufmann Waren bestellen. So aber richtet er einem kleinen Mädchen die Frisur, nachdem sie gerade mit anderen Kindern eine Runde Fußball im Garten gespielt hat.

Obermaier ist im St.-Anton-von-Padua-Kindergarten in Favoriten als Assistent tätig. Das allein ist schon erwähnenswert: Immer noch arbeiten kaum Männer in Kindergärten. Was Obermaier zudem außergewöhnlich macht: Er hat seinen Zivildienst in einem anderen Kindergarten der St.-Nikolaus-Stiftung geleistet – und war so begeistert, dass er als Assistent geblieben ist.

Damit hat der 20-jährige Wiener einen Weg eingeschlagen, den in Zukunft mehr junge Männer gehen sollen: In der Vorwoche hat Familienministerin Sophie Karmasin angekündigt, dass künftig mehr Zivildiener in Kindergärten zum Einsatz kommen sollen. Wie genau das gelingen soll, ist noch offen. Im Idealfall, so Karmasins Hoffnung, entscheidet sich der eine oder andere nach dem Zivildienst sogar für eine Karriere im Kindergarten.

Bisher wird die Option „Zivildienst im Kindergarten“ mäßig genutzt: Nur 81 der 14.250 Zivildiener in Österreich arbeiten derzeit in einem Kindergarten. Dazu kommen rund 80, die mit behinderten Kindern etwa in Integrationskindergärten arbeiten. Eine überschaubare Zahl. Obermaier hatte jedenfalls sofort Interesse. „Ich habe mich immer gern mit Kindern beschäftigt“, sagt er, während er auf einer knallbunt gestrichenen Holzbank sitzt und die Kinder im Garten im Auge hat. „Ich habe es als Chance gesehen auszuprobieren, ob die Arbeit mit Kindern wirklich etwas für mich ist.“

Um den Bundeszuschuss für einen Zivildiener zu bekommen, muss der Kindergarten einen besonderen Förderbedarf nachweisen: etwa, weil in einer Gruppe viele Kinder mit Sprachschwierigkeiten oder Entwicklungsverzögerungen sind. Der Zivildiener soll dabei die Pädagogen entlasten, indem er einfache Arbeiten (Tisch decken, Essen herrichten etc.) übernimmt, er soll aber auch für die Kinder Zeit haben. Ein Bub in der Gruppe, erzählt Obermaier, „hat mit niemandem auch nur ein Wort gesprochen“. Nach zwei, drei Monaten habe er so viel Vertrauen zu Obermaier gewonnen, dass er mit ihm zu sprechen begonnen hat. „Mittlerweile redet er viel, viel zu viel sogar“, sagt Obermaier und lacht. „Dazu hat sicher seine Therapie beigetragen, aber auch, dass ich mich mit ihm beschäftigen konnte.“ An diesem Vormittag wird Obermaier vorrangig von Mädchen belagert, die mit ihm an der Hand über die Wiese spazieren. „Wollen wir eine Burg in der Sandkiste bauen?“, schlägt er vor. „Aber ich sitz neben dem Kevin!“, rufen Nicole und Tatjana. Was sie im Kindergarten am liebsten machen? „Basteln und mit dem Kevin spielen“, sagt Nicole.

Die St.-Nikolaus-Stiftung sieht die Zivildiener als Bereicherung. „Natürlich können sie keinen Pädagogen ersetzen“, sagt Jutta Niedermayer, die als Inspektorin für 14 Standorte tätig ist. „Aber es ist eine gute Möglichkeit, um Kindern männliche Bezugspersonen zu bieten. Kinder sollen erleben, dass auch Männer pflegerische Tätigkeiten erledigen.“ Eine zusätzliche Person in der Gruppe ermögliche eine viel individuellere Betreuung der Kinder. Auch der Psychologe Josef Christian Aigner (siehe Interview) ist „sehr dafür“, dass Zivildiener in Kindergärten eingesetzt werden, „mit einer entsprechenden fachlichen Supervision und Begleitung“. Wie in der Altenpflege könne ein im Kindergarten geleisteter Zivildienst „eine Einstiegspforte in die Berufsausbildung sein“.

Dass mehr männliche Bezugspersonen wichtig wären, darin sind sich Experten einig. Obermaier glaubt, dass die schlechte Bezahlung und das Image als typischer Frauenberuf Gründe sind, warum ein Job im Kindergarten für viele Männer nicht infrage kommt. „Vielleicht sind sich viele nicht sicher, ob sie das überhaupt könnten: mit Kindern arbeiten.“

Wobei, glaubt man den Zahlen, langsam ein Umdenken bei den Männern einzusetzen scheint. Die St.-Nikolaus-Stiftung beschäftigt heute 15 männliche Pädagogen und Assistenten (von insgesamt 770), 2009 waren es drei. Auch bei den städtischen Kindergärten in Wien ist der Anteil von 35 Pädagogen 2009 auf 80 gestiegen.

Bei der Stadt setzt man zudem auf Berufsumsteiger, die etwa im Kolleg „Change“ zu Kindergartenpädagogen ausgebildet werden. Für erwachsene Männer sei die Arbeit im Kindergarten viel eher eine Option als für 14-jährige Jugendliche, die zudem nach der Bakip nur zu einem geringen Anteil tatsächlich im Kindergarten anfangen. Bei den Erwachsenen, die „Change“ absolviert haben, beginnen so gut wie alle im Kindergarten. Fast zehn Prozent der Studierenden im aktuellen Kolleg sind Männer. Im Herbst startet der nächste Jahrgang mit fast 19Prozent Männeranteil. Sie werden also mehr. Langsam.

DIE IDEE

Vorschlag: Familienministerin Karmasin möchte mit einem Maßnahmenpaket den Anteil des männlichen Personals in Kindergärten heben. U. a. sollen Kindergärten gefördert werden, die Zivildiener beschäftigen, Details sind noch offen.

Die Lage: Seit 2010 kann der Zivildienst auch in einem Kindergarten geleistet werden. Voraussetzung ist, dass der Kindergarten erhöhten Förderbedarf (etwa Kinder mit Sprachschwierigkeiten) nachweisen kann. In den Kindergärten und Horten der St.-Nikolaus-Stiftung in Wien leisten ab Herbst acht Zivildiener ihren Dienst, österreichweit sind es 81 von rund 14.250 Zivildienern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2014)