Poetry Slam: Der Klub der nicht so toten Dichter

Im Lustspielhaus traten lebende Poeten gegen ihre toten Vorbilder an.

Wer vermag ein Publikum eher zu begeistern, ein toter oder ein lebendiger Dichter? Im Wiener Lustspielhaus wollte man es wissen und ließ am Samstag lebende und literarisch zum Leben erweckte Poeten im Wettlesen gegeneinander antreten: Fünf junge Literaten aus Österreich und Deutschland gegen namhafte Dichtergrößen der verstorbenen Generation (verkörpert von Schauspielern): Friedrich Hölderlin etwa oder Ingeborg Bachmann.

„Dead Or Alive“ heißt das Format eines solchen Poetry Slams. Romantische Sprachgewalt trifft auf poppige Texte, Lyrik vergangener Jahrhunderte auf moderne Alltagssprache in Strophenform. Der charmante Conférencier Jimi Lend führte durch das Programm: „Friedrich Nietzsche in da house!“ Die Jury kam formatgemäß aus dem Publikum. Schön, dass hier der Charme eines richtigen Poetry Slam nicht zugunsten einer passiven, kontrollierten Vorführung aufgegeben wurde, wie es etwa bei den „Poetry Slam Shows“ im Burgtheater-Kasino passiert war.

Hier wird mit Reimen geschossen

Überzeugen konnte Slammerin Alice Reichmann mit ihrem Gedicht über die Wiener Kaffeehauskultur, in dem sie mit verblüffender Beobachtungsgabe in die Gestalten, die im Kaffeehaus so anzutreffen sind, schlüpfte: den genervten Ober etwa oder die redselige Oma. Eine Show bot auch Volkstheater-Darsteller Haymon Maria Buttinger als Friedrich Nietzsche. Im roten Samtmorgenmantel über weißen Leggings trug er „Dichters Berufung“ aus den Liedern des Prinzen Vogelfrei vor: „Reime, mein ich, sind wie Pfeile.“

Welche Reime treffen nun besser ins Herz des Publikums, die der Toten oder der Lebenden? Die Jury entschied sich für letztere Gruppe und kürte die Bayerin Franziska Holzheimer zur Siegerin, die einen wortgewaltigen Text über ein Gewitter in den Bergen vorgetragen hatte.

Die größte Darbietung bot aber Christian Dolezal als Ernst Jandl, der „Großmeister“ der performativen Lyrik. Genial artikulierte er Jandls Lautgedichte, wand sich dabei in alle Richtungen und hob immer wieder ein neues Reclam-Heft vom Boden auf, um scheinbar spontan Texte wie „schtzngrmm“, „Falken und Tauben“ oder den „spruch mit kurzem o“ zu rezitieren. Das Publikum forderte er auf, mit ihm zu grunzen, zu miauen, zu meckern und zu bellen. Man fragte sich: Warum wurde der Poetry Slam nicht schon früher erfunden?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2014)

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