Radsport: Tour der Milliardäre und Mäzene

(c) REUTERS (JACKY NAEGELEN)

Bei der 101. Tour de France sind gleich vier Teams am Start, die ihr Budget steinreichen Männern aus dem Osten verdanken. Ihre Akteure allerdings begleitet ein zum Teil zweifelhafter Ruf.

Wien. Ob Roman Abramowitsch mit dem FC Chelsea, Dietrich Mateschitz mit Formel-1-Rennstall Red Bull oder Larry Ellison mit America's-Cup-Starter Oracle – sie alle eint der Reichtum und ein eigenes Sportteam als kostspieliges Hobby. Auch im Radsport ist diese Entwicklung längst angekommen. Wo sich früher kleine Unternehmen aus der Fahrradindustrie engagiert haben, tummeln sich schwerreiche Gönner aus Osteuropa. Prestigeträchtige Rennen wie die Tour de France bescheren den Oligarchen, und ihren Firmen eine dreiwöchige TV- und Internetplattform samt Millionenpublikum. Vier Teams, deren finanzielle Quellen in Osteuropa liegen, sind bei der 101. Auflage unterwegs.

Bei Astana garantiert seit 2007 Kasachstans autokratischer Staatschef Nursultan Nasarbajew das nötige Kleingeld. Der 74-Jährige steht seit der Unabhängigkeit 1991 an der Staatsspitze und hat den Rennstall zu einem seiner wichtigsten Sportprojekte auserkoren. Daher wird dieser – wie auch Almatys Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 – durch Staatsfonds Samruk-Kazyna gefördert. Er setzt sich aus einer Ölgesellschaft, einer Fluglinie, der kasachischen Post und Bahn etc. zusammen. Diese Geldquelle versiegt also nie.

Ähnlich verhält es sich bei Katusha, für das seit 2009 Firmen wie Gazprom, Itera oder Rosneft den Geldhahn geöffnet haben. Die Fäden laufen bei Igor Makarow zusammen, der Besitzer von Itera und, wie passend, auch Präsident des russischen Radsportverbandes ist.

 

Teamanreise im Privatjet

Das Tinkoff-Saxo-Team erhielt seinen Präfix hingegen erst im Vorjahr. Oleg Tinkow übernahm das Spitzenteam für rund sechs Millionen Euro von Bjarne Riis. Es sind Peanuts für den russischen Selfmade-Milliardär, der sein Vermögen mit dem Verkauf von Fertiggerichten sowie den Einnahmen aus einer Brauerei, einer Restaurantkette und einer Onlinebank aufgebaut hat. Der Däne Riis blieb sportlicher Leiter und steht seither freilich auch für private Hobbytouren mit dem generösen Eigentümer zu Verfügung. Der wiederum offeriert dafür auch seinen Privatjet, um Alberto Contador und Teamkollegen zum Tour-Start direkt nach Leeds einzufliegen.

Im Gegensatz dazu ist Omega-Pharma-Quickstep zwar offiziell in belgischer Hand, bezieht jedoch seit 2010 mehr als 50 Prozent der Einnahmen vom tschechischen Geschäftsmann und Multimillionär Zdenek Bakala.

 

Nur der Erfolg zählt

Solange Geld ungeahnten Ausmaßes fließt, wird im Spitzensport, der Wirtschaft oder auch der Politik nicht lange nach der Herkunft gefragt. Hauptsache, es ist da, und ähnlich unbekümmert wird im Radsport auch mit Fahrern umgegangen, die eine bei den Behörden dokumentierte Dopingvergangenheit vorzuweisen haben.

Astana-Teamleader Alberto Contador verbüßte eine zweijährige Dopingsperre. Im Gegensatz zum Spanier, der die Absicht dementiert, hat Manager Riis gestanden. Zudem wurde er auch im Zuge weiterer Untersuchungen schwer belastet. Der überführte Tyler Hamilton warf ihm vor, ihn in den Kreis des Dopingarztes Eufemio Fuentes eingeführt zu haben, Jörg Jaksche berichtete von massiven Drohungen seitens Riis', sollte er bei seiner „Beichte“ Namen nennen. Ähnliche Anschuldigungen fallen auch im Zusammenhang mit Patrick Lefevere. Der französische Teamleiter von Omega Pharma soll in den 1970er-Jahren selbst mit Dopingmitteln gedealt und bei Teams ein System installiert haben. Katusha setzt auf Wjatscheslaw Jekimow, einen sehr treuen Wegbegleiter von Lance Armstrong.

Bei Astana lenkt seit 2012 Alexander Winokurow als Teamchef die Geschicke. Der Kasache wurde bei der Tour 2007 des Blutdopings überführt und erklärte den Rücktritt. Heuer sollte er im Auftrag Nasarbajews „alles unternehmen“, um erstmals das Gelbe Trikot nach Paris zu bringen. Der Italiener Vincenzo Nibali ist auf dem besten Weg, diesen Auftrag zu erfüllen.

18. ETAPPE

Vincenzo Nibali feierte bei der Fahrt von Pau nach Hautacam (145,5 km) seinen vierten Tagessieg in 4:04:17 Stunden bei der 101. Tour. Der Italiener startete beim Schlussanstieg einen furiosen Antritt, selbst eine Zuschauerin, die ein Selfie machen wollte und ihn mit dem Ellbogen rempelte, konnte ihn nicht aufhalten.

Gesamt: 1. Nibali (ITA) 80:45:45 2. Thi-
baut (F) 7:10 Min 3. Peraud (F) 7:23 4. Valverde (ESP) 7:25 5. Bardet (F) 9:27.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2014)