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Der Kindergarten im Büro

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Betriebskindergärten erhöhen die Zufriedenheit und Loyalität der Mitarbeiter: Sie sparen Zeit, Stress und organisatorischen Aufwand. Bisher gibt es firmeneigene Kindergärten aber fast ausschließlich in Großbetrieben.

Wien. Michaela Lugscheider schaut nur kurz im Kindergarten vorbei, um mit der „Presse“ zu reden und bei dieser Gelegenheit natürlich kurz nach ihren Kindern zu sehen. Weit hat sie es nicht: Lugscheider arbeitet im Personalmanagement der Wiener Städtischen Versicherung, ihre Töchter Lina und Nele hat sie im Betriebskindergarten beziehungsweise Hort des Unternehmens untergebracht. Das ist ein Fußweg von sieben Minuten und „äußerst praktisch“, so Lugscheider.

Die Wiener Städtische war – laut eigenen Angaben – das erste Unternehmen in Österreich, das einen Betriebskindergarten eröffnete, auf Initiative von Betriebsrätinnen. Man startete mit nur neun Kindern, heute sind es 116, die entweder den Kindergarten, die Krabbelstube oder den Hort am Salzgries in der Wiener Innenstadt besuchen. Die Firmenzentrale der Wiener Städtischen liegt am Schottenring, also um die Ecke.

Die räumliche Nähe ist nur ein Vorteil eines unternehmenseigenen Kindergartens. Der Kindergarten der Städtischen hat nur drei Tage im Jahr geschlossen (Weihnachten, Silvester und Karfreitag), und täglich von sieben bis 17 Uhr geöffnet. Hortkinder werden an schulautonomen Tagen ganztags betreut. Und, erklärt Lugscheider: „Ich wusste bereits in der Schwangerschaft, dass ich fix einen Platz habe.“ Für Eltern, die das Privileg Betriebskindergarten nicht haben, ist es oft eine Zitterpartie, ob und wann sie einen Platz bekommen. Vor allem in der Krippe: Derzeit gibt es laut „Frau in der Wirtschaft“ nur für 20 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze, und jede zehnte Krippe sperrt für mindestens zehn Wochen pro Jahr zu.

Für die Eltern fällt wegen des Gratiskindergartens in Wien nur ein minimaler Beitrag an – die Wiener Städtische kostete der Betrieb im Vorjahr satte 160.000 Euro, vor allem Miet- und Personalkosten. „Trotzdem sind alle Firmen, die einen Betriebskindergarten gegründet haben, rückblickend hochzufrieden mit ihrer Entscheidung“, sagt Michaela Müller-Wenzel, Sprecherin der Wiener Kinderfreunde, dem größten Betreiber von Firmenkindergärten in Österreich, mit 30 Betriebskindergärten in Wien.

„Durch die Nähe können sich die Eltern jederzeit davon überzeugen, dass es den Kleinen gut geht. Und auch die Kinder wissen einen Elternteil immer in der Nähe“, sagt Müller-Wenzel. In der Früh und am Nachmittag können die Eltern ihre Kinder mitnehmen und sparen sich so zusätzliche Reisezeiten. „All diese Vorteile spiegeln sich in der Wertschätzung und Loyalität gegenüber dem Unternehmen wider“, so Müller-Wenzel.

 

Für kleinere Firmen schwierig

In Österreich gab es im Vorjahr knapp 5000 Gemeindekindergärten. Demgegenüber standen rund 94 Kindergärten, die von Unternehmen betrieben wurden, plus jene, die von privaten Vereinen wie den Kinderfreunden verwaltet werden. Bis jetzt sind es vor allem sehr große Unternehmen, Universitäten und Spitäler, die sich einen Betriebskindergarten leisten. Für kleinere Firmen zahlt sich eine eigene Kinderbetreuungseinrichtung oft nicht aus. Laut Müller-Wenzel rechnet sich ein Betriebskindergarten ab etwa drei Gruppen, das sind in Wien zwischen 45 und 75 Kinder. „Je größer ein Kindergarten, desto wirtschaftlicher kann er geführt werden.“ Kleinere Unternehmen können zum Beispiel das Platzkontingent in einem bestehenden oder geplanten nahen Kindergarten nutzen. Alternativ können sich mehrere Firmen zusammenschließen und einen gemeinsamen Kindergarten gründen.

„Das gibt es sehr selten, was ich wirklich schade finde“, sagt Monika Riha, Geschäftsführerin des Vereins Kinder in Wien (Kiwi), der 20 Betriebskindergärten führt. „Mir persönlich sind nur zwei Fälle bekannt.“ Der Knackpunkt, sagt Riha, seien die Räumlichkeiten. „Sobald die da sind, können wir innerhalb eines Monats aufsperren.“ Die Räume müssen nach dem Kindertagesheimgesetz umgebaut sein. Das heißt: Waschbecken in verschiedenen Höhen, leicht zu reinigende Böden, eine abgegrenzte Garderobe, Personaltoilette, ein eigener oder mitbenutzbarer Spielplatz. Für kleine Firmen ist das oft einfach zu viel Aufwand.

 

Jeder bekommt einen Platz

Kiwi betreibt unter anderem Betriebskindergärten für die OMV, Siemens, das Innenministerium, die Wiener Wirtschaftsuniversität und den ORF. In dieser Größenordnung ist auch die Bank Austria angesiedelt, die sogar an zwei Standorten Betriebskindergärten hat, geführt von den Kinderfreunden. Die 230 Plätze sind sehr begehrt, sagt Elke Berger aus dem Personalmanagement. Trotzdem bekommt in der Regel jeder Mitarbeiter einen Platz. Externe Kinder werden genommen, wenn Plätze übrig sind.

Auch hier gibt es bis auf eine Woche keine Sommerpause, geöffnet ist bis mindestens 17.30 Uhr. „Wir alle arbeiten nur mit Spaß, wenn wir wissen, dass unser Privatleben organisiert ist. Dazu gehört auch, dass unsere Kinder versorgt sind.“

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AUF EINEN BLICK

Österreichweit gab es im Vorjahr 4934 Kindertagesheime, die von den Gemeinden betrieben wurden. 94 wurden von Unternehmen geführt. Firmen können ihre unternehmenseigenen Kindergärten auch von Vereinen verwalten lassen. Der größte Betreiber von Betriebskindergärten in Österreich sind die Wiener Kinderfreunde mit 30 Einrichtungen in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2014)