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Dieser Antisemitismus ist auch ein Anschlag auf die Integrationspolitik

(c) imago/PanoramiC
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Die militante Anti-Israel-Stimmungsmache aus Ankara erreicht Bischofshofen. Europa muss Recep Tayyip Erdoğans Propaganda etwas entgegensetzen.

Die Bilder könnten absurder nicht sein: Im beschaulich regnerischen Bischofshofen stürmten Demonstranten ein freundschaftliches Testspiel zwischen dem französischen Oberhausklub OSC Lille und dem israelischen Verein Maccabi Haifa. (Beide Mannschaften verbringen wie viele Fußballteams ihre Trainingsaufenthalte als gut zahlende Gäste in Österreich.) Die Zuschauer gingen mit palästinensischen Flaggen auf die israelischen Spieler los. Ein lokaler Sportklub-Vertreter sprach von „offensichtlich türkischen Zuschauern“. Die Sicherheitskräfte vor Ort konnten demnach vorerst wenig ausrichten, so der Mann. Denn: „Wir haben versucht, die Spieler so schnell wie möglich von den randalierenden Fans zu trennen. Das war aber schwierig, weil die Spieler auch aggressiv reagiert haben.“

Das ist eine interessante Beobachtung: Hätten sich diese israelische Spieler nicht gewehrt, hätte man schneller für Ruhe sorgen können. Das Recht auf Selbstverteidigung wird Israelis also auch auf dem Sportplatz in Bischofshofen nicht zugestanden.

Abgesehen davon, dass es trotz der Terroranschläge auf jüdische Reisende, Betende, Politiker und Einrichtungen in Österreich in vergangenen Jahrzehnten offenbar keinen ausreichenden Schutz für eine israelische Fußballmannschaft gegeben hat: Was da in Bischofshofen passiert ist, war keine kleine aktionistische Aktion einiger emotional aufgebrachter Salzburger mit türkischen Großeltern, sondern zeigt ein echtes, gefährliches Problem für die Sicherheit in der gesamten Mittelmeerregion auf. Die Türkei exportiert erfolgreich einen neuen militanten Antisemitismus nach Europa, wo eigentlich kein Defizit an altem Antisemitismus besteht.

Hunderte Vereine mit direkten Verbindungen in das Hauptquartier von Recep Tayyip Erdoğan verbreiten diese extreme Ablehnung des Staates Israel, die nun in den Protesten gegen den neuerlichen Gaza-Krieg einen neuen Höhepunkt findet. Auch und gerade in Österreich. Das Argument, nicht jede Kritik an Israel sei automatisch antisemitisch, ist in diesem Fall fehl am Platz: Bei den jüngsten Demonstrationen quer durch Europa wird zwischen Bewohnern des Staates Israel und Juden kein Unterschied gemacht.

Die Türkei hatte bis zu Erdoğan und der Eskalation in Gaza und Palästina vor einigen Jahren ein vergleichsweise gutes Verhältnis zu Israel: Tourismus, Rüstungsexporte und wirtschaftliche Zusammenarbeit prägten das Bild. Innerhalb weniger Jahre hat sich dies radikal verändert: Die Türkei ist die Speerspitze gegen Israels Politik, die zweifelsohne zu hinterfragen und kritisieren ist, aber Erdoğan v.a. zur Mobilisierung im eigenen Land dient. Und eben nicht nur dort: Die heftigen Anti-Israel-Demonstrationen zeigen wieder einmal deutlich, wie stark sein Einfluss auf tausende junge Europäer ist, deren Eltern bzw. Großeltern aus der Türkei ausgewandert und längst Staatsbürger ihrer neuen Heimatländer sind.


In Österreich hat es zwar in den vergangenen Jahren Fortschritte in der Integrationspolitik gegeben, aber gegen derartige politische Manipulation und Hetze helfen Integrationsmaßnahmen offenbar kaum bis nicht. Vielleicht sollten die zuständigen Mitglieder der Regierung, die mit der gebotenen Entrüstung auf den Vorfall im Pongau reagieren, sich an die Realität gewöhnen und ernsthafte Schritte gegen Erdoğans unverfrorene Einflussnahme und Nichtachtung der Souveränität anderer Staaten einleiten. Das kann mit üblichen diplomatischen Noten und Ritualen beginnen und sollte in der ernsthaften Diskussion münden: Haben türkische Einwanderer der dritten, bald vierten Generation einen einigermaßen ähnlichen Respekt gegenüber Juden wie ihre Mitbürger in Österreicher? (Richtig, die haben ihn auch nicht alle.) Wenn nein, was muss an spezieller Aufklärung und Information passieren?

Österreich war schon immer die erste Adresse, nicht hinzusehen, wenn politische Probleme und Gefahren mit internationaler Dimension in Österreich sichtbar werden, ob es Spionage, Kurdenmorde oder ethnische Konflikte unter hier lebenden Ausländern waren. Diesmal wird das nicht gehen. Denn es geht um die Sicherheit von (jüdischen) Österreichern. Und um unser politisches und kulturelles Selbstverständnis.

E-Mails an:rainer.nowak@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2014)