Stadtflucht: My Baby Takes The Morning Train

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Wie und wo der Traum vom Wohnen im Grünen Wirklichkeit wird.

Sexy ist er nicht, der „Speckgürtel“ an der Peripherie der Städte, eher romantisch. Viele junge Familien erfüllen sich mit dem eigenen Haus im Grünen einen oft lang gehegten Traum.

Doch wo Menschen wohnen, da brauchen sie auch Infrastruktur: Straßen und/oder öffentliche Verkehrsmittel, Lebensmittelgeschäfte, Kindergärten und Müllabfuhr. „Die Infrastruktur für den Verkehr kommt immer zuerst“, sagt Peter Weinberger, Geschäftsführer der Raiffeisen Immobilien Vermittlung. „Sie sorgt dafür, dass Betriebe überhaupt überleben können.“

Bis zu 30 Minuten Wegzeit zur Arbeit akzeptieren Pendler, sagt Weinberger. Angesichts der explodierenden Benzinpreise sind öffentliche Verkehrsmittel besonders starke Motoren für die Erschließung von neuen Wohnregionen. Durch den Ausbau der Westbahn zwischen Wien und St. Pölten zur Hochleistungsbahnstrecke bis 2012 rückt deshalb die Region Tullnerfeld für Wienflüchtige ins Zentrum der Aufmerksamkeit, so Weinberger. Das wirkt sich auch auf die Preise aus: Grundstücke kosten hier derzeit 100 bis 200 Euro pro Quadratmeter, in den nächsten 20 Jahren rechnet er mit einer Wertsteigerung von 30 bis 40 Prozent.

Derzeit verschiebt sich der Speckgürtel rund um Wien vom Süden nach Norden. In den Bezirken Baden und Mödling wird der Wohnraum knapp und teuer, Stockerau und Korneuburg hingegen haben noch Potenzial. Und auch in den Gemeinden rund um St. Pölten ist mit verstärktem Zuzug zu rechnen, denn die junge Landeshauptstadt setzt langsam selbst Speck an. Die Preise für Einfamilienhäuser und Baugrundstücke ziehen entsprechend an.

Förderungen gegen Zersiedelung

Häuslbauer werden aber nicht nur von attraktiver Lage, sondern auch von Förderungen angelockt. Um die Zersiedelung einzudämmen, sind die für Wohnbauförderung zuständigen Bundesländer dazu übergegangen, ihre Förderungen auf verdichteten Wohnbau, sprich Reihenhaussiedlungen, zu konzentrieren, sagt Josef Mayer von der Bausparkasse Wüstenrot: „Mit Ausnahme von Oberösterreich wird nirgendwo mehr das alleinstehende Haus auf der grünen Wiese gefördert. In Oberösterreich wächst dafür die Region zwischen Linz und Wels bis nach Steyr und Enns deshalb langsam zu einem einzigen zersiedelten Großraum zusammen.“

Bratislava entfaltet Strahlkraft

Am dynamischsten entwickelt sich freilich die Region Ostösterreich, also Wien, Niederösterreich und das nördliche Burgenland. Mehr als eine halbe Million Menschen werden sich in den nächsten 25 Jahren hier zusätzlich ansiedeln, sagt Walter Pozarek, der als Vertreter des Landes Niederösterreich in der Planungsgemeinschaft Ost (PGO) an der raumplanerischen Entwicklung der Region beteiligt ist. Er weist außerdem darauf hin, dass noch weitgehend unbemerkt eine zweite Metropole im Osten Österreichs ihre Strahlkraft entfaltet: die slowakische Hauptstadt Bratislava. Pozarek: „In Gemeinden wie Kittsee sind die Grundstückspreise niedriger als in Bratislava-Stadt. Bürgermeister aus dem Burgenland berichten mittlerweile von regelmäßigen Anfragen sowohl von privaten Interessenten als auch von Wohnbaugenossenschaften aus der Slowakei.“

Doch Stadtplaner wissen, dass Städte nicht unbegrenzt ins Umland wachsen können. Die jüngste Erhebung aus 2006 ergab, dass in diesem Jahr um etwa 6100 mehr Wiener der Stadt den Rücken gekehrt haben, als zugezogen sind. Die Stadt Wien versucht deshalb, ihren Bürgern individuelles Wohnen im Grünen mit dem 2001 gestarteten Projekt „Neue Siedlerbewegung“ möglich zu machen. Rund 800 Wohneinheiten wurden in diesem Rahmen auf bereits vorhandenen Widmungen realisiert. Für weitere 4000 Wohneinheiten wurden bzw. werden derzeit Flächen gewidmet. Auch der Ausbau der U2 bremst die Abwanderung.(Siehe auch Seite I 1)

AUF EINEN BLICK

Individuelles Wohnen im Grünen ist in den Regionen nördlich von Wien noch leichter möglich als im Süden, wo die Preise stark gestiegen sind. Das Tullnerfeld im Westen wird nach Fertigstellung der Hochleistungsbahnstrecke 2012 interessant. Im Osten entsteht Nachfrage aus Bratislava. Aber auch Wien bietet Siedlungen mit Eigengärten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2008)

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