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Impulstanz: Menschenknäuel und Leuchtstoffröhre: Meg Stuarts Skizzenbuch

Sketches/Notebook
(c) Iris Janke
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Meg Stuarts „Sketches/Notebook“ beginnt schon, bevor sich der erste Zuschauer gesetzt hat, und kommt nicht mehr zur Ruhe. Im Kanon wird gesprungen, gerannt und gezuckt, man spielt mit Lampen und Fetzen.

Es geht wirr zu, hier in der Halle G des Museumsquartiers. In einer Ecke spielt sich eine Art Fotoshooting ab, in der gegenüberliegenden Ecke, auf einem Podest, steht ein Schlagzeug, dahinter ist ein Silbervorhang zu sehen. Menschen laufen eine Rampe auf und ab, eine Frau kuschelt mit einer Leuchtstoffröhre. Das Fotoshooting geht indessen munter weiter. Eine der Tänzerinnen zieht sich aus, hält einem Zuschauer dabei ihre Brüste vors Gesicht (er richtet sich verstört die Brille zurecht), dann lässt sie sich von Kostümdesignerin Claudia Hill auf komplizierteste Weise anziehen, Glockenhose, Kettenhemd, Stofffetzenkette. Das Licht pulsiert. Alles passiert überall gleichzeitig.

Hach, und wo kommt der nackte Mann plötzlich her?

Die Vorstellung hat schon begonnen, bevor sich die ersten Zuschauer niedergesetzt haben. „Sketches/Notebook“ heißt die Tanzperformance, die die amerikanische Choreografin Meg Stuart mit ihrer Compagnie Damaged Goods zum Impulstanz nach Wien gebracht hat. Die Produktion, die Stuart seit 2013 aufführt – jetzt erstmals in Österreich – mutet tatsächlich an wie ein Skizzenblock: ein Haufen scheinbar unfertiger, wahllos aneinandergereihter Szenen, die sich in ihrer überladenen Ästhetik und durch das stetige Spiel mit Licht und Schatten aber nahtlos aneinanderfügen. Die Darsteller bedienen sich aus einem beachtlichen Fundus an Requisiten: Plastikfolien, Felle, Lampen, eine Kuhglocke. Zwei Stunden lang teilen sich Meg Stuart und ihre fünf Performer (plus der Rest der Compagnie, der ebenfalls auf der Bühne werkt) den Raum.

Meg Stuart gründete Damaged Goods vor 20 Jahren, über 30 Produktionen hat die Brüssel-basierte Compagnie bisher erarbeitet. Für ihre experimentellen Choreografien mit Hang zur Improvisation ist Stuart bekannt.

 

Nackte Frau und kollektives Zucken

In dieser Produktion sind ihre Tänzer formbare Hüllen, die mit ihren Bewegungen allerlei Gemütszustände ausdrücken. Immer wenn man denkt, eine Schlussszene vor sich zu haben, die das Gesehene auf den Punkt bringt, ein würdiges Finale also, schießt Stuart eine weitere Szene nach und bringt uns aus dem Konzept. Etwa, als sie, die zierliche Frau, nackt auf die Bühne kommt und sich mit Decken und Klebestreifen über Augenbrauen, Mund und Brustwarzen verkleiden lässt, um dann auf Knien mit nach hinten gestrecktem Hals über den Boden zu zappeln. Dann wird wieder kollektiv gesprungen, gerannt, gezuckt und sich auf den Boden gelegt.

Und wir erkennen: Es geht um Einsamkeit. Bindungsangst. Rastlosigkeit. Freundschaft. Oder um alles gleichzeitig. Ein getanzter Skizzenblock der Gefühle also.

www.Termine: 26. (extended version) und 27. Juli., 21:00 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2014)