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Trotz Karriere keine „Rabenmutter“

Heimarbeit und Kinderbetreuung - telework and childcare
(c) www.BilderBox.com
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Österreicherinnen bekommen nicht so viele Kinder, wie sie sich wünschen. Ein Mix aus Zeit, Geld und Infrastruktur könnte das ändern. Allerdings muss auch die Gesellschaft umdenken.

Wien. Im realen Leben kann man sich diesen Wert nur schwer vorstellen: 1,4 beträgt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in Österreich. Man kann es aber auch etwas praxistauglicher formulieren: Laut der Studie „Generations and Gender Survey“, die das Familienministerium präsentiert hat, gilt in Österreich die Anzahl von zwei Kindern als ideal. Aber nur ein Drittel jener Frauen mit diesem Wunsch setzt ihn auch tatsächlich um.

Wie kann man das ändern? Geht das überhaupt? „Familien brauchen drei Dinge: Zeit, Geld und Infrastruktur“, sagt Wolfgang Mazal, Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung. Doch Ersteres würde in Österreich so gut wie gar nicht debattiert werden. Das müsse man ändern.

(c) Die Presse

„Je mehr Zeit wir am Arbeitsplatz verbringen, desto weniger bleibt uns für die Beziehung und die Familie übrig.“ Eine instabile Beziehung würde nicht gerade Lust auf Familiengründung machen. Und ist das Kind dann (trotzdem) da, würden lange Arbeitstage oft die Vereinbarkeit von Kind und Karriere unmöglich machen. „Länder wie Schweden, die eine hohe Fertilitätsrate haben, pflegen eine hohe Teilzeitkultur“, sagt Mazal. Und das, ohne Karrierechancen in Führungspositionen zu mindern.

„Aber wir sind nun einmal nicht in Skandinavien“, sagt der Familienforscher. Hier gebe es diese Kultur nicht, und das sei nicht per se falsch. Es wäre schon ein großer Schritt, ein positives Klima in den Unternehmen und der Gesellschaft zu schaffen. „Österreich hat es geschafft, jedes Lebensmodell mit Kindern madigzumachen.“ Würde sich eine Frau dazu entscheiden, länger bei den Kindern zu bleiben, gelte sie als „rückständige Person“. Steige sie schnell wieder ins Erwerbsleben ein, werde sie als Rabenmutter bezeichnet.

„Betriebe und Politik müssen Eltern das Gefühl geben, dass beide Modelle richtig sind.“ Und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen: mehr Kinderbetreuungsplätze und einen erleichterten Wiedereinstieg ins Erwerbsleben.

 

„Väter gezielt fördern“

Vereinbarkeit – das ist laut Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie in der Arbeiterkammer, einer der wichtigsten Aspekte. Auch wenn sie eine etwas andere Linie als Mazal vertritt. „Weg mit den Anreizen für lange Unterbrechungen und Alleinverdiener“, fordert sie. „Und hin zu einer partnerschaftlichen Teilung der Betreuungszeit.“ Auch für Väter sei die Balance zwischen der Zeit am Arbeitsplatz und zu Hause wichtig. „Man muss die Väterbeteiligung gezielt fördern: In Schweden gibt es einen Bonus beim Kinderbetreuungsgeld, wenn die Karenz geteilt wird.“ Bleiben Vater und Mutter zu gleichen Teilen zu Hause, müssen Frauen sich nicht sorgen, ihre Karriere zu unterbrechen oder gar zu beenden, weil sie schwanger sind.

Aber auch Kinderbetreuungseinrichtungen seien wichtig: „Und zwar ganztägig und ganzjährig.“ Eltern müssten nicht die gesamte Betreuungszeit in Anspruch nehmen. Aber sie sollten die Möglichkeit dazu haben. In Österreich habe aber noch lange nicht jede Familie die Chance dazu, meint auch Alfred Trendl, Präsident des Katholischen Familienverbands. „Das ist ganz klar ein Versäumnis.“ Es gehe ihm um Wahlfreiheit: Wenn Eltern ihre Kinder nicht in die Krippe geben wollen, sei das ihre Entscheidung. Da sie dadurch den Staat weniger kosten, sollten sie sozusagen einen Ausgleich bekommen – mit einem Zuschuss beim Kindergeld.

Apropos Geld – das sei zwar kein Allheilmittel, aber zumindest eine Hilfe, meint Trendl. Daher sollten Familien pro Kind 3500 Euro steuerlich geltend machen können. Das macht de facto 100Euro pro Monat aus.

 

Von 16 auf fünf Kinder

Erheblich nach oben korrigieren werde man die Geburtenraten aber nicht können, meint Mazal. Wie groß die Familien sind, habe immer auch kulturelle Gründe. Den ersten sogenannten demografischen Übergang gab es laut Mazal übrigens im 18./19.Jahrhundert. Damals sank durch eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins und der Produktionsweise die Geburtenrate von 16 auf fünf Kinder.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2014)