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Wer ist der wahre Herrscher über Prag?

Der Leser ist geneigt, die Fiktion bei einiger Zuspitzung als treues Abbild der realen Zustände im postsozialistischen Tschechien zu akzeptieren: Michael Vieweghs Politthriller über Prags hausgemachte Mafia – so ironisch wie glaubwürdig.

Der Titel ist wörtlich zu nehmen. Es geht tatsächlich um die Prager Mafia. Und zwar um die Politmafia in der gegenwärtigen Tschechischen Republik. Das Modell liefern also eher italienische Romane à la Sciascia und Filme à la Francesco Rosi oder Elio Petri als Mario Puzo oder „Die Sopranos“. Der Roman spielt im elften Prager Bezirk, Chodov, im Süden der Stadt, und ein wenig auch in Příbram, von Montag bis Donnerstag, jeder Wochentag bildet ein Kapitel, jedes Kapitel ist in kurze durchgezählte Abschnitte unterteilt, und mit jedem Abschnitt wird die Perspektive gewechselt. Ab und zu, selten und nach keiner erkennbaren Systematik, ist ein Abschnitt im Präsens statt im Präteritum geschrieben.

Schinder, Darek Balík, der Sportjournalist Marek Konwicki, der Wachtmeister Radek Staněk, die Bankerin Diana Renková, ein weiterer Journalist Alexandr Lounský, der Innenminister Stanislav Langross, Boris Vítek, genannt Kleinboris, Besitzer einer Sicherheitsagentur und nach dem Ende des Romans Verkehrsminister, und in Episoden noch ein paar mehr, zum Beispiel der stellvertretende Verteidigungsminister Grosche – das sind die Personen der Handlung, aus deren jeweiliger Sicht erzählt wird und die sich in unterschiedlicher Formation, als Gegner und als Verschwörer, über den Weg laufen. Auch der Oberbürgermeister kommt vor. Er hat keinen Namen. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass nicht er, sondern ein gewisser Mort, der einen Vornamen charakteristischerweise fast ausnahmslos nur dann erhält, wenn er angesprochen wird, „der wahre Herrscher über Prag“ war.

Wer ist dieser „wahre Herrscher“? „Sein Geld verdiente Tom Mort in Prag, die meiste Zeit verbrachte er im kroatischen Zadar, und seine Gewinne legte er (auf dem Umweg über Zypern, Panama, Liechtenstein und Großbritannien) in Zürich an.“ Sein Grundsatz: „Entweder bist du der Sieger – oder du bist der Verlierer.“

An einer fortgeschrittenen Stelle des Romans und in der Folge dann mehrfach ist von „der russischen Mafia in Prag“ die Rede. Auch die könnte also mit dem Titel gemeint sein. Aber das entspräche genau dem primitiven Klischee, das im Roman selbst als solches benannt wird. Nein, Vieweghs Mafia ist schon hausgemacht. Die Russen treten nur am Rande auf, in Augenhöhe mit den Kroaten. Wie ihm Prag gefalle, wird ein gewisser Andrej Worljakow, der Andrjucha genannt wird, gefragt. „,Ja‘, sagte der Chef der Prager Russenmafia. ,Eine ruhige Stadt.‘ Grosche (der stellvertretende Verteidigungsminister) fand diese Einschätzung ausgesprochen lustig, aber er ließ sich nichts anmerken. Letztendlich kann man die Stadt im Vergleich zu Moskau, Palermo oder Beirut tatsächlich auch so sehen, dachte er.“

Objekt der mit dem Segen von oben in die Wege geleiteten kriminellen Aktivitäten ist eine Bürgerinitiative mit dem etwas hilflos satirischen Namen „Für ein grünes Dreifeldereck“. Besser gelungen ist die Beschreibung dessen, worüber Mort lachen muss: „Der Angriff auf das größte Investitionsprojekt Prags fand in einem Plattenbau zwischen Wandzeitungen und Milchautomaten statt und wurde geführt von Greisen, die sich ständig gegenseitig ins Wort fielen, fünfundzwanzigjährigen verträumten Ökologen und hysterischen Muttis mit plärrenden Kindern (die Bang-&-Olufsen-Lautsprecher gaben jedes Geräusch in kristallin klarer Qualität wieder).“ Gelungen ist dieser lange Satz, weil er zugleich die Verdächtigten wie den verzerrten Blick ihres Verfolgers auf sie kennzeichnet.


Lügentechnik der Prager Medien

Ein paar Spuren hat auch der amerikanische Kriminalroman hinterlassen. So dürfen Protagonisten einen Whisky in der Hand halten, und er ist mindestens 18 Jahre alt, kann aber auch 30 Jahre alt sein. Wie das halt bekanntlich so ist unter Gangstern. Ziemlich spät kommt ein Detektiv namens Václav Troníček ins Spiel, der im Dienst von Boris Vítek, genannt Kleinboris, steht, dem Inhaber der Sicherheitsagentur, und mit ihm ein Plüschhund mit Wackelkopf, in dessen leere Augenhöhlen – der Text spricht etwas unlogisch von „leeren Augäpfeln“ – er eine Kamera einbaut. 60 Seiten vor dem Ende schließlich kommt es zu dem Blutbad, das man von einem Mafiaroman erwarten darf, aber Viewegh schlachtet es nicht aus (um in der Sprache der beschriebenen Situation zu bleiben).

Das Sujet verführt zu stilistischen Gratwanderungen. Den Absturz vermeidet Viewegh durch selbstreferenzielle Ironie: „Und dann geht Diana ein Licht auf, und die eisige Hand der Angst – um es in der Sprache der Schundliteratur zu sagen – umschließt ihr Herz.“ – Die ersten zwei Kapitel nehmen zusammen doppelt so viel Raum ein wie die beiden letzten. Die Zeitraffung nimmt also zu. Der Reiz von Michael Vieweghs Roman liegt im raschen Tempo der Erzählung und in der Materialfülle. Das grenzt an Kolportage und lebt doch von seiner Glaubwürdigkeit. Der Leser ist geneigt, die Fiktion bei einiger Zuspitzung als treues Abbild der realen Zustände im „postsozialistischen“ Tschechien zu akzeptieren. Dazu tragen nicht nur die zahlreichen konkreten topografischen Angaben bei, sondern auch die Hinweise auf journalistische und polizeiliche Quellen in der Danksagung.

Die einheimische Literaturkritik, die das 2011 erschienene Original des Bestsellerautors recht unterschiedlich beurteilt, entschlüsselt einige Namen. Dem Leser der flüssigen Übertragung von Eva Profousová freilich sagen die Vorbilder kaum etwas. (Bei dem russischen Fluch „idite v chuj“ hat die Übersetzerin gekniffen; „leckt mich am Arsch“ ist dafür sehr frei, genauer: sehr prüde.)

Ein tschechischer Kritiker schrieb: „Gegenwärtige tschechische Leser dechiffrieren die Vieweghschen Figuren zuversichtlich, bei Personen, die nicht direkt mit der Handlung zusammenhängen, sind auch die echten Namen angeführt. Im Ausland wäre das Buch wahrscheinlich nur ein Thriller, unter dem sich keine konkreten Gesichter vorstellen lassen, wenn die Autorenfantasie sich auch einigermaßen angestrengt und der Prager Exprimator wohl in Wirklichkeit niemals Damenhosen getragen hat.“ Solche Feinheiten mögen dem deutschsprachigen Leser entgehen. Die Strukturen allerdings sind ihm vertraut. Sie sind nicht auf Tschechien beschränkt. Ein Thriller also, aber auch im Ausland ein Politthriller.

Vieweghs Roman ist endgültig in der Gegenwart angekommen. An einer Stelle erzählt ein Journalist einen Witz aus der Perestroika-Zeit, der auf die Lügentechnik der sowjetischen Presse zielt. Er soll die Berichterstattung heute, in Tschechien, charakterisieren.

Ein konkretes Gesicht zumindest kann sich der österreichische Leser durchaus vorstellen. Gleichsam als Gag verlangt die Empfangsdame eines Prager Medienzentrums „laut und immer wieder nach Karel Schwarzenberg“. Na bitte. Vertrautes Terrain. ■

Michael Viewegh

Die Mafia in Prag

Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. 318S., geb., €20,50 (Deuticke Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2014)