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Das größte Glück: Nicht auf Kosten anderer zu überleben

Hans Landauer bei der Verabschiedung der Internationalen Brigaden am 28. Oktober 1938 in Barcelona.
Hans Landauer bei der Verabschiedung der Internationalen Brigaden am 28. Oktober 1938 in Barcelona.DÖW / Spanienarchiv
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Hans Landauer war der jüngste und der letzte noch lebende österreichische Spanienkämpfer. Und er war der große Chronist seiner Gefährten. In der Nacht auf den 20. Juli ist er verstorben.

Man könnte sich, um das Wesen Hans Landauers zu ergründen, auf dem Friedhof seiner Heimatgemeinde Oberwaltersdorf umsehen. Der ist mir seit Langem vertraut, obwohl ich ihn am Freitag, beim Begräbnis meines Freundes, zum ersten Mal betreten habe. Vor zehn oder mehr Jahren hatte Landauer mir nämlich Dutzende Bilder von Gräbern gezeigt, die er, einer jähen Eingebung folgend, fotografiert hatte. Nicht die Steine und Kreuze hatten es ihm angetan, sondern die eingravierten Namen, die bezeugten, dass viele der hier Begrabenen keine gebürtigen Österreicher waren. Ihre Nachkommen aber, die mit den verballhornten slawischen oder magyarischen Eigennamen, frönten der Ausländerfeindlichkeit, die Landauer gegen den Strich ging. Er stammte ja selbst aus einer gemischtkulturellen Familie, deren tschechischer Zweig jene Herzenswärme aufbrachte, die ihm unvergesslich blieb.

Denn auch damit könnte man anfangen: mit seinem Geburtshaus, dem bäuerlichen Anwesen der Großeltern mütterlicherseits, ein paar hundert Meter vom Friedhof entfernt. In einer autobiografischen Skizze nennt Landauer zwei Tugenden, die er dort von klein auf erfahren hat: Liebe und Vertrauen.

Drei weitere Eigenschaften – der Hunger nach Büchern; der Wille, für die Sache der Armen und Rechtlosen einzustehen; die Weigerung, aus dem, was einem Amt oder Berufung ist, persönliche Vorteile zu ziehen – sind ihm von seinem Großvater Karl Operschall zugefallen, der bis zum Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei im Februar 1934 Bürgermeister der Gemeinde gewesen war. (Ungeduld und Starrköpfigkeit hingegen wären eher dem Landauerstrang der Familie zuzuschlagen.)

Das Kindheitsglück, die Vorbildwirkung des Großvaters, die Prägung durch Kinderfreunde und Rote Falken. Das frühe Wissen um den Putsch der Generäle, den Widerstand dagegen, und dass auch die Zukunft Österreichs in Spanien entschieden wird. Dazu die jugendliche Abenteuerlust, die Mundpropaganda in der ortsansässigen Weberei, in der er als Blattbindergehilfe arbeitet, die aufgeregte Nachricht eines Bekannten seines Großvaters („Du, der Haiderer Franz aus Blumau kämpft in Spanien gegen die Faschisten!“), ferner der Vorteil, einen gültigen Reisepass zu besitzen, also nicht darauf angewiesen zu sein, illegal mehrere Grenzen zu überwinden – alles zusammen erklärt vielleicht, warum ein 16-Jähriger von zu Hause ausreißt und es tatsächlich schafft, nach Spanien zu gelangen. Das Plakat in Figueres, dem ersten Halt nach der Grenze, mit einem Foto toter Kinder: „Hoy España, mañana el mundo“, wird ihm für den Rest seines Lebens nicht aus dem Sinn kommen: Denn es stellte dar, was ihn zu seinem Entschluss gedrängt hatte, und nahm vorweg, was bis Februar 1939 sein Leben ausmachen sollte: diejenigen zu bekämpfen, die diese Kinder auf dem Gewissen hatten.


Kein Schwelgen, kein Pathos. Über seine Erlebnisse in Spanien hat sich Landauer gern und ausführlich geäußert. Aber es war kein Schwelgen in Heldentaten („nach dem Wurstradl-Motto: ,Darf's a bissl mehr sein?‘“), vielmehr ein nüchternes, faktenreiches Berichten. Das Pathos der Kampflieder missfiel ihm. Und früh schon wollte er die oft herzzerreißenden Schicksale und verschlungenen Lebenswege seiner Gefährten bewahren.

Er selbst war, wie die meisten österreichischen Freiwilligen, nach der Niederlage der Republik in französische Anhaltelager gepfercht worden, dann den deutschen Besatzern in die Hände gefallen. In Gewahrsam der Gestapo genommen, wurde er nach Dachau deportiert, dort dem Kommando Porzellanmanufaktur zugeteilt. Er verdankte diese relativ privilegierte Stelle – privilegiert auch deshalb, weil er nicht für die deutsche Rüstungsindustrie zu arbeiten brauchte – dem Grazer Spanienkämpfer Martin Presterl, der drei Jahre nach der Befreiung in Ljubljana, in einem Schauprozess gegen angebliche Verräter und Spione, hingerichtet wurde. Im selben Jahr, 1948, hat Landauer just wegen des Ausschlusses Jugoslawiens aus dem Kominform die KPÖ verlassen. „Von da an bin ich politisch geschwommen. Als Freischwimmer.“

Bald nach der Rückkehr aus Dachau war er in den Polizeidienst eingetreten, wo er auf Kollegen traf, die einen schwungvollen Handel mit Unbedenklichkeitsbescheinigungen betrieben. Weil er in der Abteilung IIc des Innenministeriums, NS-Kriegsverbrechen, zu eifrig ermittelte, wurde er zur Hotelkontrolle versetzt, in der wiedereingestellte Nazibeamte Dienst schoben, war zwischendurch Verbindungsoffizier beim UNO-Polizeikontingent auf Zypern, wurde dort auf das neonazistische Gehabe eines Landsmannes aufmerksam. Statt des Kollegen wurde strafweise er nach Österreich zurückgerufen, auf Anordnung des damaligen Innenministers Otto Rösch (SPÖ, vormals NSDAP). Den Verlauf dieser Affäre betrachtete Landauer als die bitterste Erfahrung seiner Karriere.

Ein Jahr lang Sicherheitsoffizier an der Österreichischen Botschaft in Beirut, dann wieder bei der Hotelkontrolle. Als dort ein neuer Gruppenleiter ernannt wurde, „einer, der höchstpersönlich die saure Milch erfunden hat“, ließ er sich pensionieren. „Ich bin mit großen Illusionen zur Polizei gegangen. Ich habe gehofft, wir könnten die Ideologie, die innerhalb dieses Korps herrschte, samt ihren Methoden ändern. Aber ich habe mich geirrt. Die Polizei ist, das ist mir viel zu spät klar geworden, zu allen Zeiten und in allen Systemen ein Unterdrückungsinstrument.“

Kaum im Ruhestand, wollte sich Landauer endlich seinem Vorhaben widmen, Dokumente zu möglichst allen österreichischen Spanienkämpfern zusammenzutragen. Aber so einfach war das nicht. Zuerst musste er im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes „zwei Jahre lang den Dodl machen“, Hilfsdienste verrichten, Akten tragen, Papiere lochen, bevor er mit detektivischem Spürsinn über 20 Jahre das weltweit größte Archiv eines Spanienkämpferkollektivs aufbaute. Noch mit 85 war er täglich damit beschäftigt, oft auch am Wochenende, und immer bereit zu helfen.

Die letzten sieben Jahre seines Lebens verbrachte er in seinem Geburtsort, bei seiner Tochter Linda, die ihn umsorgt und gepflegt hat. Hin und wieder zog er Bilanz: „Ich habe so viel Glück gehabt in meinem Leben, und das größte war, dass ich nicht auf Kosten anderer überlebt habe.“ Ein weiteres Glück: „Dass ich nie in die Lage gekommen bin, über das Leben anderer entscheiden zu müssen.“ Das dritte, „dass ich in Spanien war und dort auf der richtigen Seite gekämpft habe, dass ich nie die braune Uniform tragen musste, dass ich nie gezwungen war, bei einer Gaunerei mitzumachen“. Andererseits sein Pessimismus. Die Gründe hierfür legte er mir oft dar, und ich vermochte sie nicht zu entkräften: Fast alles, was wir an gesellschaftlichen Ereignissen registrierten, ging in die falsche Richtung, weg von einer sozialistischen Revolution, weg sogar von der Aussicht auf eine für Menschen bewohnbare Erde.

„Trotzdem“, sagte ich, „muss man es immer wieder probieren.“

Und Landauer, der da schon zu schwach war, von seinem mit Büchern überladenen Bett aufzustehen, erwiderte: „Keine Frage.“

Er war der letzte meiner ganz alten Freunde. Der innigste auch, weil er mir vertraut und mich ebenso gern gehabt hat wie ich ihn. Ich weiß deshalb im Moment nicht, wie es weitergehen kann, ohne ihn. Ich weiß nur, was auf seinem Grabstein stehen wird: Hans Landauer 19. April 1921 – 20. Juli 2014. „Nichts sonst. Wer mich gekannt hat, weiß schon, wer da liegt.“

Zum Autor

Erich Hackl,
geboren 1954 in Steyr, studierte Germanistik und Hispanistik und arbeitet als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien. Er schrieb unter anderem „Auroras Anlass“, „Abschied von Sidonie“, „Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit“.

Mit Hans Landauer verfasste Hackl
das „Album Gurs“, das die Zeit der österreichischen Spanienkämpfer im Internierungslager Gurs in Südfrankreich dokumentiert.
APA

Steckbrief

Hans Landauer
war Historiker und der letzte österreichische Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg. Er starb vergangenes Wochenende im Alter von 93 Jahren.

Landauer riss mit 16 Jahren von zu Hause aus, um mit den Internationalen Brigaden gegen den Diktator Franco zu kämpfen. Von 1941 bis 1945 war er im KZ Dachau interniert. Als Pensionist erforschte er für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes die Biografien seiner Mitstreiter. APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2014)