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Karin Bergmann: "Unberechenbar finde ich erstmal fein!"

Karin Bergmann
Karin BergmannDie Presse
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Mit dem wilden Peer Gynt, nicht mit der braven Solveig, hat sich Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann einst identifiziert. Mit der "Presse am Sonntag" sprach sie über ihre geheimen Leidenschaften.

Was war Ihr erstes Theaterstück?

Karin Bergmann: Ich war 18 Jahre alt, bin nach Berlin getrampt und habe „Peer Gynt“ in der Regie von Peter Stein an der Schaubühne gesehen.

 

Mit wem haben Sie sich identifiziert?

Klarerweise mit Peer Gynt!


Wann wussten Sie: Theater ist meins?

Bei den Ruhrfestspielen habe ich entdeckt, dass Theater mein Überlebensmittel sein kann. Ich komme aus einem Haus, in dem es keine Bücher, keine Musik gab. Die Leute bei uns im Ruhrgebiet sind sehr wortkarg. Man sprach nicht über sich. Ich habe mich als Kind völlig isoliert gefühlt. Ich hatte Sehnsucht nach einer anderen Welt und habe mich früh in Bücher geflüchtet. Aber mit der Literatur ist man alleine, während am Theater die großen Themen öffentlich verhandelt werden. Da wusste ich, das ist mein Metier.


Ist Theater eine Art Familie?

Schon. Aber ich würde Schauspieler nie als meine Kinder bezeichnen. Was mir in den letzten Jahren, in denen ich nicht gearbeitet habe, aufgefallen ist: Dass mir der Austausch mit jungen Leuten fehlt. Speziell in den zehn Bachler-Jahren habe ich mich sehr für die Jungen, die Regie- und Bühnenbildassistenten, eingesetzt. Von denen sind einige heute sehr erfolgreich oder arbeiten zumindest regelmäßig in ihrem Beruf und können davon leben.

 

Haben Sie Talente als „Räuberhauptmann“?

Ich war die Älteste in der Familie und hatte zwei jüngere Brüder. Gezählt hat trotzdem erst der erste Sohn, der fünf Jahre nach mir kam. Ich musste mir alles sehr hart erkämpfen.

 

Das war vielleicht eine gute Übung fürs Theater, wo es viele Machos gibt und vor allem junge, hübsche Frauen interessant sind.

Aber es gibt im Theater mittlerweile Gott sei Dank auch erfolgreiche, komische schräge Alte! Außerdem gibt es immer mehr Regisseurinnen und sogar einige Theaterleiterinnen.

 

Ist es nicht ein Treppenwitz, dass Sie als erste Frau in der 266 Jahre währenden Geschichte des Burgtheaters in einer schweren Krise die Führung übernahmen – und bloß für zwei Spielzeiten bis 2016? Werden Sie sich um die Direktion danach bewerben?

Ich werde versuchen, die Zeit zu nutzen. Wenn man mich zu einem Gespräch einlädt, werde ich das auf jeden Fall führen. Ich habe relativ genaue Vorstellungen, wo ich mit dem Haus hingehen möchte bzw. die Burg sehe.

 

 

Ist es schwieriger als Sie es sich vorgestellt haben, der Krise beizukommen?

Auf jeden Fall, ich habe unterschätzt, dass ich mich in den ersten Wochen zwei Drittel der Zeit mit Zahlen beschäftigen musste. Ich hatte keine Schonfrist und muss jetzt harte Auflagen erfüllen. Wir müssen viele Millionen einsparen, auch im künstlerischen Bereich. Mein Ziel ist es, dass das Publikum das nicht sieht.

 

 

Sie haben stürmische Zeiten an der Burg erlebt. Was war das Schlimmste?

Die Peymann-Zeit war extrem. Meine Kollegin Christiane Schneider, das Fräulein Schneider aus Thomas Bernhards Hosenkauf, und ich hatten einen Zweijahres-Vertrag. Damals brauchte man als Ausländerin noch eine Arbeitsgenehmigung. Die haben wir zunächst nicht bekommen. Österreich war noch nicht bei der EU. Es hieß, unsere Tätigkeit könne ja auch von Österreichern ausgeführt werden. Aber Peymann hielt ja nicht jeder aus. Diese ganze „Piefke“-Diskussion hat wahnsinnig viel Kraft gekostet. Ich war durch meine Position als Pressesprecherin sehr exponiert. Es hat mich sehr geschmerzt, wie wir aufgenommen wurden. Ich war ständig als Übersetzerin für Peymann unterwegs. Die ersten Peymann-Jahre waren ein Stahlbad. Als unsere Theaterarbeit funktionierte, habe ich dann gemerkt, dass ich dieser Stadt und diesem Haus verfallen bin.

 

 

Die vielen Deutschen in der Kultur werden von manchen als „Besatzer“ empfunden.

Mich wundert das, weil die Österreicher in Deutschland sehr beliebt sind.

 

 

Aber nur jene, die sich anpassen.

Aber nein! Das ist Unsinn! Diese kleinkarierte Abgrenzung ist für uns Theatermenschen irrelevant. Wir arbeiten im ständigen Austausch zwischen Deutschland, Österreich, der Schweiz.

 

 

Die Österreicher sind die größeren Spiegelfechter als die Deutschen, oder?

Sie sind auf jeden Fall die größeren Spieler. Ein Spiel kann ja auch etwas Lustiges sein. Aber sie scheuen sich ein wenig, klare Worte auszusprechen.

 

 

Das fand ich gut an Claus Peymann: Er hat Zivilcourage vermittelt.

Das habe ich von ihm gelernt, dass man klar seine Meinung sagt. Ich finde auch: Theater soll unterhalten, aber es hat einen Bildungsauftrag.

 

 

Zunächst wollten Sie mit Hermann Beil in der Burg antreten.

Wir telefonieren ab und zu. Wir sind uns sehr nah. Er hat eine große innere Souveränität. Das hilft mir manchmal.

 

Wie viel vom Spielplan der kommenden Saison stammt von Ihnen?

Fifty-fifty. Besonders freue ich mich, dass wir wieder einmal Peter Turrini spielen, „Bei Einbruch der Dunkelheit“, dieses Drama gehört zu seinen interessantesten. Es gibt neue Regisseure wie Jette Steckel oder Robert Borgmann. Wichtig ist mir, dass wir „Dantons Tod“ von Georg Büchner zeigen. Diesen Klassiker finde ich im Moment wieder besonders aktuell.

 

 

Warum? Was halten Sie von Revolutionen?

Wir dürfen nicht nur auf uns schauen, sondern in die Welt. Man muss an Revolutionen glauben, in der Hoffnung, dass sie nicht immer so blutig ablaufen wie in der Vergangenheit in Europa. Dass Menschen es wagen für Freiheit und Menschenrechte zu kämpfen, was sie vielleicht mit dem Leben bezahlen, wie wir es in den letzten Jahren in vielen Ländern gesehen haben. Solche Bewegungen müssen sein, damit sich überhaupt etwas verändert.

 

 

Wogegen würden Sie Barrikaden bauen?

Ich würde mich jetzt nicht trauen, zu sagen, ich setze bewusst mein Leben aufs Spiel. Aber ich bin schon öfter demonstrieren gegangen, auch in Österreich, z.B. beim Lichtermeer der Plattform SOS Mitmensch gegen die schwarzblaue Regierung.

 

 

Waren Sie schon einmal in Lebensgefahr?

Ich bin selbst verschuldet im Burgtheater in einen Stromkreis geraten, das war sehr gefährlich. Aber ich war nie in Lebensgefahr, um für etwas einzustehen. Ich finde es jedoch wichtig, dass man sich traut, z.B. Dinge aufzuzeigen wie die zunehmende Gewalt im öffentlichen Leben, in der S- oder in der U-Bahn. Viele trauen sich nicht etwas zu unternehmen, weil sie Angst haben, sich selbst in Gefahr zu bringen.

 

 

Sie wirken streng, manchmal sind Sie impulsiv. Gibt es mehrere Karin Bergmanns?

Ja. Ich bin eigentlich ein impulsiver Mensch, vor allem im persönlichen, privaten Leben. Ich bin offen und spontan. Natürlich, wenn man im Berufsleben so exponiert ist wie ich, und das bin ich jetzt viel extremer als zu dem Zeitpunkt, wo ich in der zweiten Reihe stand, versucht man, sich zu kontrollieren. Man will ja seine Schwächen nicht gleich preisgeben.

 

 

Sind Sie gläubig?

Ich bin konfessionslos. Ich bin katholisch getauft, ging, weil wir umgezogen sind, in eine evangelische Volksschule. Ich bin konfirmiert. Mit der Amtskirche habe ich aber nichts am Hut.

 

 

Trotzdem wirken Sie wie jemand, der christliche Werte vertritt.

Ich bin ein sehr spiritueller Mensch.

 

 

Was haben Sie in der Zeit gemacht, als Sie ab 2009/10 nicht mehr am Burgtheater, sondern zu Hause waren? Kochen Sie gern?

Ich habe viel gekocht, weil ich wahnsinnig gerne Gäste habe. Ich habe es geschafft, und das ist eine Leistung, in den Jahrzehnten am Theater einen Freundeskreis zu pflegen – und das sind alles keine Theatermenschen. Ich habe sehr viel Literatur gelesen. Außerdem bin ich ein totaler Zeitungsjunkie, ich lese leidenschaftlich Print. Und ich reise gern, vor allem ans Meer, das brauche ich ab und zu.

 

 

Was halten Sie von Europa, von der Europäischen Gemeinschaft. Funktioniert sie?

Europa ist ein großartiger Kontinent – und die EU ungeheuer wichtig. Daher ist es auch egal, wie man auf Brüssel schimpft. Die Europäische Gemeinschaft hat noch nicht die Form, die wir eigentlich brauchen, aber sie ist das unterstützenswerteste Unternehmen, das es gibt. Erstmals leben wir über Generationen hinweg in Frieden!

 

Frau Bergmann, darf man Sie auch fragen...

1 . . . ob Sie Künstler manchmal als anstrengend und unberechenbar empfinden?

Unberechenbar finde ich erstmal fein! Ich lasse mich gerne überraschen. Ich mag Menschen mit einer großen Begabung, die sie in unterschiedlichen Formen zum Ausdruck bringen. Das kann ein Elixier sein.

2. . . ob Sie es schon bereut haben, dass Sie die Burg in der Krise übernommen haben?

Nein. Es ist gut, dass ich es gemacht habe, weil ich vieles schnell bewegen konnte, weil die Menschen mir vertrauen. Ich freue mich jeden Morgen auf die Arbeit. Aber ich bin zuletzt wenig zum Schlafen gekommen.

3. . . ob es Ihnen leidtut, dass Sie keine Kinder haben?

Kinder standen in meinem Lebensentwurf nicht an vorderster Stelle. Ich musste immer auf meine Brüder aufpassen. Letztendlich habe ich ein so erfülltes und vielfältiges Leben, dass ich nichts vermisse.

Steckbrief

1953
Karin Bergmann wird in Recklinghausen geboren.

1979
Claus Peymann holt sie ans Schauspielhaus Bochum.

1983
Sie wird Pressereferentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (unter Niels-Peter Rudolph, Peter Zadek)

1986
Bergmann wird Pressereferentin von Peymann an der Burg.

1993
Sie wird Pressereferentin bei Rudi Klausnitzer, dem Intendant der Vereinigten Bühnen.

1996
Bergmann geht mit Nikolaus Bachler an die Volksoper, kehrt mit diesem 1999 ans Burgtheater zurück – und wird dort Vizedirektorin.

2014
Bergmann wird interem. Burgtheaterdirektorin bis 2016. Die neue Burg-Direktion wurde im Frühjahr 2014 ausgeschrieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2014)