Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Voice of America": Kampf um Stimme der USA

Microphone on stage is pictured before Democratic Party of Socialists leader Djukanovic campaign rally in Berane
Die Sendung „Voice of America“, bisher Prestige der Objektivität, gerät in Gefahr.REUTERS
  • Drucken

Im US-Kongress will man "Voice of America" zu einem Propagandavehikel der Regierung machen, um gegen feindselige Staatsmedien zu bestehen.

In einer der dunkelsten Stunden der Menschheit ertönte plötzlich aus dem Äther neue Hoffnung. „Hier spricht eine Stimme aus Amerika“, konnten Deutsche, die heimlich ausländisches Radio hörten, am 3.Februar1942 in ihrer Muttersprache hören. „Heute, und täglich von heute an, werden wir zu Ihnen über Amerika und den Krieg sprechen. Die Nachrichten mögen gut für uns sein – oder schlecht. Wir werden Ihnen täglich die Wahrheit sagen.“

So liest es sich in dem ältesten erhaltenen Transkript einer Sendung von „Voice of America“, das Chris Kern, ein früherer Journalist dieser US-Rundfunkanstalt, in den National Archives ausgegraben hat. In den Jahrzehnten seither haben die Journalisten der mit jährlich etwas mehr als 700 Millionen Dollar (520 Millionen Euro) dotierten „Voice of America“ Menschen in Diktaturen auf allen Kontinenten seriöse Berichte über die USA geliefert.

Das Prestige der Objektivität gerät nun in Gefahr. Denn im Kongress schickt man sich an, „Voice of America“ zu einem Vehikel der politischen Propaganda der Regierung zu machen. Im Wettstreit um die Weltöffentlichkeit mit dem russischen Staatssender Russia Today, der von Katar um viel Geld aufgezogenen TV-Anstalt al-Jazeera und Chinas amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua gerät die „Voice of America“ zusehends ins Hintertreffen.

Und so sieht die Gesetzesvorlage für den „United States International Communications Reform Act of 2014“ als leitenden Grundsatz vor, dass die „Vorstellung der US-Außenpolitik... enge Abstimmung mit dem Außenministerium erfordert“. Die „Voice of America“ soll dazu verpflichtet werden, Nachrichten und Rundfunkprogramme zu produzieren, die „die Außenpolitik der Vereinigten Staaten fördern und mit ihr im Einklang sind“. Die erläuternden Bemerkungen der Autoren des Gesetzesvorhabens führen aus, dass „es der Zweck von ,Voice of America‘ ist, die diplomatischen Bemühungen der USA zu unterstützen“.

Zwar sieht auch die geltende Charta aus dem Jahr 1976 vor, dass die Anstalt „die Politiken der Vereinigten Staaten klar und wirksam präsentiert und auch verantwortungsvolle Diskussionen und Meinungen über diese Politiken vorstellt“. Das ist aber Lichtjahre von einer aktiven Förderung der politischen Zwecke des jeweiligen Amtsinhabers im Weißen Haus entfernt.

Wie schmal der Grat zwischen freiem Journalismus und propagandistischer Vereinnahmung ist, musste „Voice of America“ schon kurz nach Inkrafttreten der Charta erfahren, schildert Alan L. Heil in seiner 2003 erschienenen Chronik der Anstalt. Am 27.September 1976 kamen Meldungen auf, dass Israel ein Schiff mit dem linken libanesischen Politiker Kamal Dschumblatt auf dem Weg nach Zypern beschossen habe. Der Jerusalem-Korrespondent rief einen israelischen Armeesprecher und einen Vertreter der damals von den USA geächteten Palästinenserorganisation PLO an, um das zu überprüfen. Der Korrespondent wurde daraufhin in die US-Botschaft zitiert; jegliche Kontaktaufnahme mit Vertretern wurde ihm verboten, weil er ein US-Regierungsvertreter sei. Trotz Protesten fügte sich die Redaktion und gab ihre Kontakte zur PLO jahrelang auf: Zu groß war die Furcht, vom Kongress budgetär gestraft zu werden.


Skeptischer Kerry. Der Reformbedarf der byzantinisch anmutenden Verwaltungsstruktur von „Voice of America“ ist unbezweifelt. Hillary Clinton sagte knapp vor Ende ihrer Amtszeit als Außenministerin im Kongress, dass der Verwaltungsrat „praktisch unfähig ist, eine Botschaft in die Welt zu bringen. Wir verabschieden uns damit aus der ideologischen Arena, und wir müssen wieder in sie einsteigen.“

Mit den propagandistischen Zielen des Gesetzesvorhabens hat Clintons Nachfolger, John Kerry, jedoch wenig Freude. „Wir sind dafür, dass ,Voice of America‘ bleibt, wie es ist“, sagte Marie Harf, Kerrys stellvertretende Sprecherin, zur „Presse am Sonntag“. „Ich denke nicht, dass wir die Unabhängigkeit verringern würden, wie das manche Leute im Kapitol tun wollen. Ich denke also nicht, dass wir das unterstützen würden. Wir werden natürlich weiterhin mit dem Kongress reden.“

Vielleicht böte sich dabei eine Feststellung des zweifachen Pulitzerpreisgewinners James Reston vom 12.März 1978 in der „New York Times“ an: „,Voice of America‘ hat gelernt, dass eine ehrliche Wiedergabe der Tatsachen die beste Propaganda ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2014)