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Mamma mia: Italien feiert den „Hai von Messina“

FRANCE CYCLING TOUR DE FRANCE 2014
Vincenzo Nibali(c) APA/EPA/KIM LUDBROOK (KIM LUDBROOK)
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Vincenzo Nibali, 29, gewann die 101. Auflage der „Großen Schleife“. Italien feiert den ersten Sieger seit 1998 und Marco Pantani, Medien überschlagen sich mit Superlativen.

Paris. Vincenzo Nibali rollte am Sonntag in Paris über die Champs Elysees. Der Italiener, 29, konnte es gelassen angehen. Nach dem Einzelzeitfahren gab es keinen Zweifel mehr daran: Er würde die Tour de France gewinnen. Nicht nur, weil er mit einem überlegenen Vorsprung von 7.52 Minuten in die finale Etappe gestartet war, sondern auch, weil auf der 21. und letzten Prüfung der „Nicht-Angriffspakt“ weiterhin zum guten Ton gehört im Peloton.

Nibali ist der erste Italiener seit Marco Pantani 1998 im „maillot jaune“ bei der Triumphfeier in Paris. Begleitet wurde er auf dem Podest von den Franzosen Jean-Christophe Peraud und Thibaut Pinot. Der 24-jährige Pinot schloss die Tour auch als bester Jungprofi ab. Zwei Franzosen standen letztmals 1984 auf dem Podest einer Tour de France. Damals gewann der 2010 verstorbene Laurent Fignon vor Bernard Hinault. Doch in Italien bestimmt nur noch einer das Geschehen: Nibali.

Um die nötige Aufmerksamkeit muss er sich im Sportland Italien wahrlich nicht mehr sorgen. Ministerpräsident Matteo Renzi hatte ihn schon am Freitag in den Palazzo Chigi eingeladen. Nach der Klettershow twitterte der Regierungschef: „Mamma mia, Nibali chapeau“. Und auch die Presse zog vorzeitig den Hut vor dem Sizilianer aus Messina. „Tuttosport“ verglich ihn mit dem für seinen Erfolgshunger bekannten Eddy Merckx: „CaNIBALIssimo“.

 

„Er fuhr in die Geschichte“

Die Konkurrenz wollte im Kampf der Superlative nicht zurückstecken. Die „Gazzetta“ schrieb angesichts der Dominanz des 29-Jährigen, der sich nach der Spanien-Rundfahrt (2010) und dem Giro d'Italia (2013) auch die Tour sicherte: „Nibali geht in die Geschichte ein. Die Demonstration der absoluten Macht. Der Sonnenkönig, der Herrscher.“ Der „Corriere dello Sport“ registrierte eine „Heldentat aus einer anderen Epoche“, „einen Ritt zum Ruhm, den nur die Großen in diesem Sport erreichen“. Es dürfte für so manchen Reporter nun schwer werden, weitere Steigerungen nach Nibalis Krönung in Paris zu finden. Aber auch Superlative finden ein Ende.

Giuseppe Martinelli, Nibalis sportlicher Leiter im Astana-Rennstall, hatte auch Pantani 1998 zum Toursieg geführt. Er besann sich der Vergangenheit und feierte die Gegenwart, in der trotz aller Beteuerungen auch (stille), bislang nicht bewiesene Dopingvorwürfe mitgefahren sind. Er sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass das Schicksal mir noch einmal die Gelegenheit gibt, die Tour wieder mit einem Italiener zu gewinnen. Man sollte das, was im Radsport war, nicht mit dem vermischen, was er jetzt ist.“

Pantani, der wegen seines Kopftuches als „Pirat“ gefeiert wurde, war ein Jahr nach seinem größten Triumph in Frankreich unter Dopingverdacht aus dem Giro genommen worden. 2003 starb er in Rimini an einer Überdosis Kokain.

Nibalis Auffahrtszeit nach Hautacam war mit 37.30 Minuten im historischen Vergleich nicht außergewöhnlich. Rund 25 Fahrer – darunter etliche erwischte Dopingsünder der EPO-Hochzeiten – waren seit 1994 schneller. In diesem Jahrtausend schaffte bei den zwei Auflagen 2000 und 2008 lediglich Lance Armstrong (36.20; 2000) eine bessere Zeit. Den unangefochtenen Topwert hält EPO-Sünder Bjarne Riis – mittlerweile Teamchef der beiden diesjährigen Bergetappensieger Rafal Majka und Michael Rogers – mit inoffiziellen 34.40 Minuten.

Paolo Slongo, seit 2002 Nibalis Trainer, ist „bewegt“. Sein Schützling sei „heute der beste Nibali aller Zeiten“. Auch weil der Dominator um eineinhalb Kilogramm leichter als im Vorjahr sei. Die größte Herausforderung werde sein, „dieses Niveau die nächsten zwei, drei Jahre zu halten“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2014)