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"Jersey Boys": Eastwood muss nichts beweisen

Jersey Boys Premiere at Los Angeles Film Festival 2014 Clint Eastwood Los Angeles USA Clint Eastwoo
(c) imago/United Archives Internatio
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Clint Eastwoods „Jersey Boys“, basierend auf dem gleichnamigen Broadway-Musical, ist ein unaufgeregt-elegantes Porträt der Four Seasons.

Alte Menschen machen bessere Filme. Kann man so natürlich nicht sagen – und doch ist es eine Wohltat, Kino ohne Brokat und Zierrat zu sehen, Geschichten ohne Hysterie und Sturm-und-Drang-Gebaren, von Meistern ihres Fachs, die der Welt nichts mehr beweisen müssen. 84 Jahre alt ist Clint Eastwood. Als Schauspieler hat er sich zur Ruhe gesetzt, an seinem Alterswerk als Regisseur arbeitet er unablässig weiter. „Jersey Boys“ heißt sein neuester Wurf, und was dem Film über Falsetto-Singstar Frankie Valli und seine Background-Boyband an Furor fehlt, macht er mit der unaufgeregt-eleganten, weitsichtigen Inszenierung wieder wett.

Wie viele Künstlerbiografien beginnt auch diese in bescheidenen Verhältnissen: New Jersey, Unterboden der Metropole New York City, Nährboden für das organisierte Verbrechen und Ausgangspunkt für Dutzende Glückssucher. Von dort sind viele aufgebrochen, um sich im legendären Studio 54 den Frust von der Seele zu tanzen, zu rauchen und zu spritzen.

Eastwood zeichnet das halbseidene Milieu, durch das die übermütigen Jungs sich anfänglich bewegen, durchaus romantisch und mit Augenzwinkern. Vor allem ist es Tommy DeVito (fantastisch: Vincent Piazza), der mit derb-melodischem Italo-Amerikanisch und zumeist gescheiterten Kleinverbrechen versucht, sich beim Mafiapaten Gyp DeCarlo (stoisch, eine Nummer für sich: Christopher Walken) einzuhauen. Immer wieder steht er mit seinem Bruder Nick Massi (Michael Lomenda) als The Variety Trio auf einer verrauchten Kellerbühne. Aber erst, nachdem der Barbierssohn Frankie Valli (John Lloyd Young) als Leadsänger mit ungewöhnlicher Falsetto-Stimme einsteigt und ein Freund der Burschen, der spätere Hollywoodstar Joe Pesci (hier gespielt von Joey Russo), den talentierten Songwriter Bob Gaudio (Erich Bergen) anschleppt, kann Musikgeschichte geschrieben werden.

 

Kein ganz großes Drama

Clint Eastwoods Inszenierung ist durchaus nostalgisch verbrämt: Große Teile der Geschichte spielen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, also zu einer Zeit, als Eastwood selbst junger Erwachsener war und die Musik von Frankie Valli und den Four Seasons, wie sie sich seit 1960 genannt haben, gehört hat. Als die Jungs mit Schlagern wie „Sherry“, „Big girls don't cry“ und „Walk like a man“ gewaltige Erfolge feierten, war Eastwood bereits als Schauspieler etabliert: In „Jersey Boys“ erscheint für einen Augenblick sein jugendliches Ich als Hauptdarsteller in der Westernserie „Tausend Meilen Staub“.

Die Bilder von Tom Stern, Eastwoods Stammkameramann seit „Blood Work“ (2002), verzichten auf grelle Farben, zeigen sich lieber vom unablässigen Zigarettenrauch eingenebelt. Auffällige Fahrten oder expressive Stilmittel setzt Eastwood nur spärlich ein: Selbst die Auftritte der Jersey Boys sind zurückhaltend inszeniert – und entfalten gerade darüber ihre gesamte Kraft.

Eastwood begreift die Bühnenaufstellungen der Jungs als verlängerte Charakterarbeit. Wenn also der bescheidene Familienmensch Frankie Valli den lärmenden Triebmenschen Tommy DeVito langsam, aber beständig aus dem Rampenlicht drängt, oder wenn der stets übersehene Bassist Nick Massi die Background Vocals besonders laut ins Mikrofon singt, dann erzählt einem das etwas.

Aber auch abseits der Bühne weiß der ehemalige Schauspieler Clint Eastwood um den Wert von runden, glaubwürdigen, sympathischen Charakteren. Selbst wenn die Fetzen fliegen, weil Tommy DeVito bei Kredithaien in der Kreide steht, wenn Neid und Missgunst aufkommen, wenn das unvermeidliche Ende jeder verfilmten Künstlerbiografie naht, verweigert Eastwood das ganz große Drama. Lieber beschließt er dieses souveräne Alterswerk mit einem Wiedersehen der alten Herren im Jahr 1990 und hängt noch eine launige Musicalnummer dran. Einerseits, da sein „Jersey Boys“ auf dem gleichnamigen Broadway-Erfolg basiert und von denselben Autoren, Marshall Brickman und Rick Elice, geschrieben wurde. Andererseits, da nach allen Streitereien, Scharmützeln und Tragödien vor allem eines übrig bleibt: die Kunst allein. Und alte Menschen wissen so etwas eben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2014)