Schnellauswahl

„Don Giovanni“: Zum Aperitif der Krampus

SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE 'DON GIOVANNI'
(c) APA/FRANZ NEUMAYR
  • Drucken

Zweiter Teil von Sven-Eric Bechtolfs Da-Ponte-Trilogie: Der Frauen-Verführer sucht seine weibliche „Beute“ im Hotel. Ildebrando D'Arcangelo gibt einen derben, aber höchst virilen Kraftlackel.

Ob ein Regisseur, der die feine Klinge führt, heutzutage noch reüssieren könnte? In einer Zeit, in der Pointen längst nicht mehr dort wahrgenommen werden, wo Librettist und Komponist Text und Musik subtil konzertiert haben? Seit die sogenannten Übertitel in deutscher und englischer Sprache über dem Bühnenportal aufleuchten, wird ja nur noch gelacht, wenn es der Übersetzung glückt, Lorenzo da Pontes Wortwitz zu transportieren.

Meist ist das etwas vor oder etwas nach dem Moment, in dem die entsprechende Passage gesungen wird. Zum tieferen Verständnis von Mozarts musikdramatischem Genie trägt das wenig bei. Man muss das vorausschicken, will man der diesjährigen „Don Giovanni“-Inszenierung gerecht werden. Denn Sven-Eric Bechtolf ist ein idealer Regisseur für die neue Publikums-Generation. Er reichert die „erlesenen“ Pointen durch eine bis nah an den Slapstick getriebene Bewegungs-Regie an, die jeweils von Szene zu Szene anschaulich versucht, den handelnden Charakteren und ihren Befindlichkeiten auf den Grund zu kommen.

 

Ohne Mozarts „Melange“

Eine subtilere Gangart, die der jener Melange von äußerster Prägnanz und größtmöglicher Dezenz entspräche, die Mozart so unvergleichlich macht, ist unter den gegebenen Umständen wohl gar nicht mehr machbar. Noch dazu, wo die Dekors von Rolf und Marianne Glittenberg die Handlung in ein Hotel-Foyer versetzen, in dem sich viele der intimeren Szenen schlicht nicht glaubwürdig realisieren lassen. Das alles eingerechnet, gelingen Bechtolf doch etliche Details sehr spannend.

Bezeichnend, dass der theatralisch eindrucksvollste Augenblick einer ist, in dem die Musik wieder einmal angehalten wird. Um eine Umsetzung der musikdramatischen Finessen geht es ja, wie gesagt, längst nicht mehr. Als Schauspiel-Szene glückt die Erstbegegnung zwischen Don Giovanni und Donna Anna nach dem Mord am Komtur glänzend. Die beiden blicken einander in die Augen, und es herrscht kein Zweifel: Anna erkennt den Mörder ihres Vaters sofort, ist aber so fasziniert von diesem homme à femmes, dass sie schweigt.

Mit Rücksicht auf die eingangs geschilderten Umstände, steigert Bechtolf die Charakterzeichnung häufig an den Rand des Klamauks. Dreimal liegen Pärchen schon innerhalb der ersten halben Stunde auf dem Kachelboden der Hotelhalle in unzweideutiger Pose. Drastischer hat man noch nie erfahren, wie begriffsstutzig Don Ottavio ist, während gleichzeitig Donna Annas Erzählung vom Verlauf der Begegnung mit Don Giovanni als dreiste Lüge entlarvt wird. Oft wird ja gefragt, was denn zwischen den beiden wirklich passiert, kurz bevor der Vorhang sich hebt. Salzburg-Besucher wissen jetzt die Antwort.

Sie sehen auch, dass Ildebrando D'Arcangelos Don Giovanni alles andere denn ein feinsinnig-raffinierter Verführer ist. Er schaut schon während des Duetts mit Zerlina auch einem Stubenmädel hinterdrein. Metaphysisch-Rätselhaftes ereignet sich in dieser Aufführung nicht. Für Dämonie ist ein kleiner Krampus zuständig, der hie und da Drinks ausschenkt. Ein bisschen aber auch der Komtur von Tomasz Konieczny; er tut es mit den imposanten Mitteln seines mächtigen Bassbaritons. Das eine oder andere Mal gewinnt an diesem Abend ja doch auch die – von den Philharmonikern unter Christoph Eschenbach durchwegs in romantischem Schönklang der Handlung unterlegte – Musik die Oberhand.

 

Für Details ist das Personal zuständig

Auch D'Arcangelo singt kraftvoll, artikuliert so viril wie er spielt. Zwischentöne überlässt er Luca Pisaroni, dem auch vokal gelenkigen Leporello, der zudem melancholisch zu räsonieren weiß, während Alessio Arduini seinem Zorn als Masetto gekonnt und ohne Umschweife Luft macht. Ihn umgarnt mit Valentina Naforniţa die beste Damenstimme des Abends: verführerisch zwischen unschuldsvoll-gradlinigem Ton und erotisch verschleierter Piano-Phrase changierend.

Derlei Raffinement ist den beiden hochgeborenen Kontrahentinnen fremd: Anett Fritsch beschränkt sich als Donna Elvira aufs Furioso, stößt damit aber spätestens in der nachkomponierten „Mi tradi“-Arie an jene Grenzen, die Lenneke Ruitens Donna Anna den ganzen Abend über hörbar macht: Die Anforderungen an die dramatische Ausdruckskraft dieser Partie legt den metallischen Kern ihres doch zu zarten Soprans allzu häufig bloß. Für Differenzierung bleibt bei diesem Kraftakt kein Raum, zumal Christoph Eschenbachs behäbige Tempi auch ihr heftig zusetzen. Daher wirkt Anna so blass wie ihr Ottavio, dessen Arien Andrew Staples technisch zwar beinah untadelig, doch mit allzu scharf timbrierter Charakterstimme singt.

„Don Giovanni“, diesmal – wie es in Bayreuth hieße – ein „merkwürd'ger Fall“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2014)