Was das Fernsehen nicht zeigt. Staus in den Stiegenaufgängen des Rathauses, halbleere VIP-Bereiche und Stars, die rasch die Flucht antreten.
Die Eröffnung des weltweit größten Aids-Charity-Events ist die eine Sache. Das Spektakel im Inneren des Rathauses, das da jedes Jahr knapp vor Mitternacht beginnt, eine andere. Denn die Besitzer der Kaufkarten und die unzähligen Gäste, die auf Einladung ihrer Geschäftspartner zum Ball kamen, erwartete beim Eintritt ins Rathaus zunächst einmal das eine: Stau.
Die Stiegenaufgänge im Wiener Regierungsgebäude waren bis weit in die Nacht überfüllt, bevölkert von allerlei außerirdischen Wesen, die sich schwer dabei taten ihre Flügel, metallenen Schläuche und Helme durch die Menge zu bugsieren. Das meist gesehenste Style-Item war ein silberner Haarreifen mit Sternen, Planeten und allerlei anderen galaktisch anmutenden, in Styropor gewickelten Flugkörpern. Trotzdem fielen heuer aber besonders viele Gäste auf, die – wie etwa Bildungsministerin Claudia Schmied (SP) – wenig bis kaum verkleidet den Life Ball besuchten. Ihr Regierungskollege, Sozialminister Erwin Buchinger, nahm den Dresscode etwas genauer und erschien mit toupierter Frisur, weiß geschminktem Gesicht und beinahe galaktisch guter Laune.
Und was taten die anderen Wichtigen des Abends? Die heimische Prominenz nahm zunächst einmal in den schwarzen Pölstern des VIP-Bereichs Platz, der heuer von meterhohen Quadern flankiert war und so die neugierigen Blicke der anderen Ball-Besucher eindämmen sollte. Auffallend war aber, dass der bestens abgeschirmte VIP-Bereich im Großen Festsaal schon bald wieder halbleer war. Vermutlich weil es draußen – trotz Gedränge – lustiger war.
Und wo vertrieben sich die weitgereisten Superstars ihre Zeit? Kim Cattrall hatte zuvor zwar mit ihrem ziemlich guten Deutsch (sie war vor zwanzig Jahren mit einem Deutschen verheiratet) überrascht (und mit einem spontanen Besuch beim Innenstadtjuwelier Schullin), später aber nicht unbedingt mit sehr viel Party-Ausdauer geglänzt. Dabei hätte sie sich mit den Wiener Promis noch am ehesten unterhalten können. Was sie lieber nicht tat, genauso wie Sharon Stone. Ein Ballgast wollte das nicht ganz glauben. Er irrte noch um drei Uhr morgens durch die Gänge und fragte wildfremde Gäste: „Do you know where Sharon Stone is?“
Ein anderer aber nahm das jedes Jahr gültige Life-Ball-Motto „Feiern für einen guten Zweck“ beim Wort. Vivienne Westwoods Sohn und Designer Joe Corré, der zuvor Dutzende Models mit nichts als Nippel-Tassels und Strapsen auf die Red-Ribbon-Bühne schickte, blieb bis weit nach Mitternacht im Rathaus. Und feierte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2008)