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Rückblick: Die Berufsschwuchtel-Betriebsfeier

(c) APA (Helmut Fohringer)
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Wie der Schriftsteller Franzobel seinen ersten Besuch am Aids-Charity-Event 2008 im Wiener Rathaus erlebte: Als „orgiastisches Schau-Ereignis“, „nicht viel erotischer“ als ein FKK-Strand auf der Donauinsel.

Maturaball für Erwachsene, Faschingsumzug, Love-Parade, Politveranstaltung, schrille Show, Modeschau, Konzert – der Life Ball ist von allem etwas, und doch nichts richtig. Vor allem aber ist er ein großartiges Schau-Erlebnis und die schrillste Party, die Österreich zu bieten hat.

Viel nackte und bemalte Haut, Gold- und Silberspray, blinkende Lichter sowie unzählige Rollen bunter Elektro-Isolierschläuche brachten das zum Ausdruck, was man sich in Österreich unter „Außerirdischen“ landläufig vorstellt. Viele transgalaktisch exorbitante und kosmisch gute Kostüme sind entstanden, die etwas brasilianisches Karnevalsflair auf den biederen Wiener Rathausplatz brachten und den 16. Life Ball, der diesmal unter dem Motto „Landing on Planet Life Ball“ stand, zu einem orgiastischen Schau-Ereignis machten, einem Fest der Fantasie, der Farbe und der Form.

 

Monarchie der Eitelkeit

Daneben hatte dieser Ball auch etwas von einer abgespaceten, überkandidelten, in den Irrsinn pervertierten Monarchistenparty: Eine Life-Ball-Queen wurde gewählt, unzählige Drag-Queens wühlten sich durch ein Gedränge von Prinzen und Prinzessinnen, denn das ist das geheime Motto dieses Balls, jeder ist ein Prinz, eine Prinzessin oder eine Queen. Eine Monarchie der Eitelkeit und des Spaßes, voller selbstdarstellerischer Alleinherrscher, Adel der Verkleidung – mit einem einzigen Gesetz: Zwang zur Exaltiertheit. Und dann begann die Show auch patriotisch mit kaiserlichen Prunkbauten, den Sängerknaben, die gemeinsam mit Fußballern sangen, und Balletttänzerinnen, die sich mit grünen Aliens, die einen Steireranzug trugen, drehten.

Das passte gut zum Bild, dass Österreich mit seinen Priklopils, Axtmördern und Inzest-Fällen der Welt derzeit vermittelt. Ein Land voll außerirdischer Triebe, das sich bei jeder Gelegenheit selbst feiert, ein leicht abgetakelter Hofstaat mit den immer gleichen Prominenten (Markus Rogan, Niki Lauda, Marika Lichter), den gleichen Doppelconference-Moderatoren, die vom Opernball, den „Dancing Stars“ bis zum Domino-Day oder „Licht ins Dunkel“ durch alles führen, was so aufs alpenländische Tapet kommt. Dazu werden ein paar abgehalfterte Popstars (Blondie, Nina Hagen) eingeladen, eine Fernsehserien-Schauspielerin, ein Model und schon hat man die Gewissheit, wieder Nabel der Welt zu sein – diesmal bauchfrei.

Dabei hat der Life Ball – dieses Fest der Schwulen (die Lesben scheinen ihn zu boykottieren) – wirklich Grund zum Feiern, ist er doch die weltweit größte und einträglichste Charity-Veranstaltung für HIV-Infizierte. Eine Mega-Party für Kranke und Tote? Hedonismus für die Krankheit, die der Promiskuität den Garaus machte?

Da bleibt immer etwas schaler Beigeschmack, ist es nicht viel anders, als wenn die hohen Damen der Gesellschaft ein Galadinner für den Hunger in der Dritten Welt veranstalten. Der Zweck heiligt die Mittel? Auch wenn stanniolverpackte Mädchen mit Penishüten brav Kondome verteilten, soll es nachts in den Katakomben des Rathauses und Volksgartens ungeschützt rund gegangen sein.

Lang davor freilich stand Sharon Stone auf der Bühne, um in ihrer Rede an die Menschlichkeit wie eine verzweifelt wahlkämpfende Hillary Clinton zu wirken. Gery Keszler, dem Veranstalter, wurde das Goldene Ehrenzeichen der Republik verliehen, und Rosemary Mueni Mbaluka berichtete über die Aids-Kinder in Kenia – einer der bewegendsten Momente des Abends.

 

Aus der Sicht der Unterwäsche

Die furiose Schlussshow kam vom Wäschelabel Agent Provocateur, wo in einer Parade der leicht verhüllten Nacktheit und unter Einsatz unzähliger Models ein Spektakel der Schönheit und der Weltgeschichte aus der Sichtweise der Unterwäsche zelebriert wurde.

Dass die ganze Veranstaltung trotz der vielen Nacktheit nicht viel erotischer ist als ein FKK-Strand auf der Donauinsel (so wie ihn Elisabeth T. Spira sieht), liegt wohl an der Fülle der dargereichten Leiber, aber auch an den Verkleidungen, die die Seelen nicht entblößen, sondern nur zudecken. Trotzdem geil, wenn sich die schwulen Königinnen der Nacht wie Schmetterlinge, die nur noch diese Nacht zu leben haben, am roten Teppich der Feststiege drängen, um im Taumel der Lichter zu verglühen.
Der Abend im Rathaus Seite 16

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2008)