Das Spiel der Emotionen lebt nur vom Hansi-Burli

WUNDER VON CORDOBA. Massimo Furlan folgte Krankls Toren von 1978 – ein Fußball-Klassiker, aber ohne Ball.

Nichts ist tiefer in der österreichischen Sportseele verwurzelt als dieser eine, alles überragende Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 über Deutschland. Das 3:2 von Cordoba überstrahlt alles. Es ist allerdings auch leicht, so viele Erfolge gegen den Nachbarn gibt es ja nicht. Sogar Kleinkinder wissen heute noch, dass dem deutschen Verteidiger Berti Vogts damals ein patschertes Eigentor passierte und Hans Krankl mit zwei Treffern die Nation dank der Unterstützung von Radio-Legende Edi Finger „narrisch“ machte. Dass dieser Klassiker eines Tages auch auf künstlerischer Ebene mit Emotionen spielen würde, konnte wirklich niemand ahnen.

Statt Argentinien und Cordoba wählte der Italo-Schweizer Massimo Furlan bei den Festwochen Hütteldorf und das Hanappi-Stadion als Bühne. Er mimte Hans Krankl, ganz allein, ohne Mitspieler, Gegner und er kickte – ohne Ball! Pure Fantasie war anfangs noch Voraussetzung, um zu verstehen, wohin die Nummer 9 da mutterseelenallein lief, sprintete, köpfte und passte. Wer jedoch trockene Bundesliga-Kost gewöhnt ist, kann leere Laufwege offensichtlich schneller nachvollziehen. Daher brandete bei der penibel genau einstudierten Krankl-Choreografie bald Jubel auf, lief die „La Ola“-Welle über die Nordtribüne und mit ihr sogar drei Nacktflitzer über das Spielfeld.

Weil Szenen von 1978 über eine Leinwand flimmerten und Edi Finger jr. die Rolle seines Vaters als Live-Kommentator gewohnt eloquent übernommen hatte, lief Furlan also doch nicht unentwegt allein in die Tiefe. Die Dramaturgie des Stückes war zudem vorgegeben, die Eclipse erfolgte in Minute 88. Dann kam Krankl, fiel sein Tor und das legendäre „I wea narrisch“ hallte im Originalton durchs Oval. In diesem Augenblick busselte sich das Publikum ab, wie 1978. Nicht nur Österreich, auch Massimo Furlan hatte die Reprise der Emotionen gewonnen.

Nur die Deutschen fehlten

Furlans Kondition und vermutlich auch sein Ballgefühl stimmten. Nur die Deutschen fehlten, und zwar schmerzhaft. Wo waren Rüssmann, Hölzenbein, Rummenigge, Vogts etc., hätten sie nicht mitspielen und tunlichst noch einmal verlieren können? Diese Bilder lieferte Furlan nicht, diese Erinnerung ist dank „Hansi-Burli“, wie Finger jr. den echten Krankl liebevoll taufte, einzigartig. Was blieb, war die leise Hoffnung, dass Österreich auch bei der Euro 2008 Festwochen erleben wird.

ZUR PERSON: M. Furlan

Massimo Furlan, geboren am 8. 10. 1965 in Lausanne, beschäftigt sich seit 1987 mit dem Thema Erinnerung.Als Kind wollte er wie die meisten Knaben Fußballstar werden. In seinem Zimmer spielte er Matches nach Radiokommentaren nach. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2008)


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