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"Charlotte Salomon": Stück ertrinkt im Meer der Töne

SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE ´CHARLOTTE SALOMON´
SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE ´CHARLOTTE SALOMON´(c) APA/NEUMAYR/PROBST (NEUMAYR/PROBST)

Bei den Salzburger Festspielen hatte Marc-André Dalbavies Oper „Charlotte Salomon“ Premiere. Luc Bondy inszenierte die Geschichte der Adoleszenz der jüdischen Berliner Künstlerin, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

Die wahre Geschichte einer jüdischen Künstlerin aus Berlin, die, in die Emigration gezwungen, von Südfrankreich aus deportiert und im Konzentrationslager ermordet wird – Zeitgeschichte in Opernform? Was man in der Felsenreitschule erlebt, wirkt eher wie die pausenlose Aneinanderreihung einiger – von Luc Bondy entsprechend hausbacken inszenierter – Vorabend-Serienfolgen über die Jugend in einem, sagen wir, etwas kapriziösen bürgerlichen Berliner Haushalt von 1917 bis 1938.

Charlotte Salomon gibt es zweimal: Johanna Wokalek führt wunderbar unaufgeregt und doch engagiert als Erzählerin durchs Geschehen, Marianne Crebassa singt – wie alle Familienmitglieder (nur die SA grölt auf Deutsch) – in französischer Sprache ebenso dezent und sehr wohltönend. Miteinander verwandeln die beiden Darstellerinnen Charlottes Adoleszenz in eine hübsche schauspielerische Zwillingsblüte.

Sie gedeiht anmutig im nüchternen Bühnenbild von Johannes Schütz, einem gigantischen Familien-Loft, wie aus Pressspanplatten gezimmert. Die Großeltern (Cornelia Kallisch und Vincent Le Texier) verfolgen im Hinterstübchen via Volksempfänger die politische Entwicklung – was aber kaum Thema einer Nebenhandlung wird. Nur dass die Studenten der Kunstakademie von der talentierten Kollegin ein wenig abrücken, weil sie Jüdin ist, setzt (abgesehen von Kurzauftritten eines NS-Bonzen und eines Schlägertrupps) ein wahrnehmbares Zeichen in Sachen historischer Verstrickung.

 

Verführung auf dem Klavier

Aber auch die private Tragödie wird nur kurz abgehandelt: Die Titelheldin muss im Rückblick erkennen, in eine Familie von Selbstmördern geboren worden zu sein. Während der beiden Akte der Oper ist Charlotte jedoch mit ersten Verliebtheiten beschäftigt. Zunächst charmiert von ihrer (sehr schön) Bizet, Bach, Schubert und jiddische Lieder singenden Stiefmutter (Anaik Morel), wird sie von deren Gesangslehrer (Frédéric Antoun) in die Dinge des Liebeslebens eingeweiht, zuerst theoretisch, in hoher Tenorlage, dann auf dem Konzertflügel liegend.

Mit der Flucht aus Berlin sind gefühlte drei Stunden, ein Blick auf die Uhr lehrt: nur 100 Minuten, vergangen. Das Werk hat aber noch ein etwa halbstündiges „Nachwort“: Charlotte erlebt den Suizid ihrer Großmutter und ermordet – mittels vergifteter Eierspeis – noch selbst ihren Großvater.

Der ungelenken Dramaturgie des Librettos von Barbara Honigmann entspricht auch die im Grunde wesenlose Musik Marc-André Dalbavies. Nur barocke, klassische und romantische Liedfragmente strukturieren das sanfte Kreisen und Gleiten um liegende Harmonien, Klangflächen und Einzeltöne.

Letztere ragen akustisch wie Leuchttürme aus dem Klangmeer, mit dem das Mozarteumorchester unter der Leitung des Komponisten die Handlung umspült. An ihnen können sich die Sänger während ihrer mehrheitlich monotonen, rezitativischen Deklamationen orientieren.

Einzig fassbare thematische Gestalt jenseits der Zitate ist eine abfallende Tonleiter, die sich auf dem Höhepunkt, wenn der Gesangslehrer Charlotte verführt, quasi kontrapunktisch mit sich selbst vermählt. Mehr kompositorisches Raffinement ist (jenseits des gekonnten Farbauftrags auf der Orchesterklangpalette) nicht auszumachen. Die koloristisch-variative Kunstfertigkeit erreicht ihren Höhepunkt, wenn Mahlers Vertonung von Nietzsches „O Mensch gib acht“ aus der Dritten Symphonie zitiert wird. Hier schwingt sich das kompositorische Handwerk vom bloßen Abkupfern zur veritablen Paraphrase auf und kippt Mahlers Harmonien in einen tonal freieren Klangraum.

 

Von Gustav Mahler gelernt

Mit diesem Kunstgriff legt Dalbavie auch die Wurzeln seiner Schreibtechnik bloß. Schade, dass er nur von Mahlers statischer „Zarathustra“-Vertonung gelernt hat und nicht auch von dessen Kunst motivischer Verwandlung.

Die Handlung der Oper mag in ihrer Substanz von bewegendem Zuschnitt sein; dank musikalischer Ereignislosigkeit ist zu befürchten, dass sich bei manchem Besucher eher Müdigkeit denn Erschütterung einstellen könnte ...

OPER IN SALZBURG 2014

„Charlotte Salomon“ ist in der Felsenreitschule noch am 2., 7., 10. und 14. August zu sehen.

„Der Rosenkavalier“ hat am 1. August Premiere (Regie: Harry Kupfer, Dirigent: Franz Welser-Möst).

Verdis „Troubadour“ mit Anna Netrebko (ab 9. 8.) ist als einzige Oper 2014 restlos ausverkauft.

Franz Schuberts „Fierrabras“ kommt am 16. August in der Regie von Peter Stein heraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2014)