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Regional: Das Land, eine Ideenfabrik

Rostfest. Eisenerz füllt sich mit neuem Leben an: ein kultureller Aktivierungsschub von 21. bis 24. August.
Rostfest. Eisenerz füllt sich mit neuem Leben an: ein kultureller Aktivierungsschub von 21. bis 24. August.(c) Beigestellt
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Zwischen Blasmusik und Bauernstube ist noch viel Platz für Veränderung: Von Hinterstoder bis Eisenerz geben Kreative und Zukunftsgestalter regionale Anstöße.

Weiches Ei, Workshop, Wanderweg: Nicht nur Paragleiter landen regelmäßig in Hinterstoder, auch Menschen, die kurze Distanzen schätzen. Und Brücken sowieso. Zwischen den eigenen Gedanken und denen anderer etwa. Oder von der Frühstücks­terrasse hinüber zu frischem fachlichen Input, in der Höss-Halle, einem Indoor-Spielplatz der Ideen mit angeschlossenem Freigelände, der oberösterreichischen Bergwelt. Dort wandern und gondeln jeden Juli die Landinger, Zukunftsgestalter in karierten Hemden, Kopfzerbrecher in kurzen Hosen. Auf die Berge, auf die Höss wandeln sie, aber vor allem Pfade entlang, die ihnen niemand vorgegeben hat, und die in neue Projektideen münden. Kreative Co-Worker aus Städten und ländlichen Gemeinden sind sie, die sich gern auch überlegen, wie man Orte in Österreich, in denen die Blasmusik spielt, wenn der Maibaum fällt, für die Zukunft aktiviert.

Dominoeffekte. Kreative suchen sich Experimentierfläche und Gestaltungsspielraum vermehrt auf dem Land. Dort schubsen sie Dominoeffekte an, legen Innovationskraft frei, fördern Ressourcen zutage, die vor lauter düsterer Zukunftsprognosen kaum einer wahrgenommen hat. Das funktioniert. Weil Menschen wie Christoph Isopp etwa auch das Z’sammhocken wieder pflegen. Dafür stellt er regelmäßig Sessel, Tische und Gelegenheiten auf. Und das nicht nur beim Landinger-Sommer, den er mitinitiiert hat: Schließlich ist sein Büro in Wien auch ausdrücklich eines „für Verknüpfungen“. So rücken Menschen zusammen, die ländliche Regionen aus der Schockstarre des demographischen Wandels wachrütteln. So kommt sich auch näher, was früher kaum kompatibel schien, ländliches Ursprungswissen und die Möglichkeiten neuer Technologien.

Hinterstoder. In der Höss-Halle treffen sich die Landinger, auf der Aussichtsplattform die Wanderer.(c) Heinz Schachner


Deshalb haben auch neun österreichische Gemeinden, die das so ähnlich sehen, einfach ihre eigene Region gegründet: den Verein der Zukunftsorte. Auch so ein Projekt, das Isopp gemeinsam mit Architekt Roland Gruber auf Schiene gebracht hat.  Hinterstoder gehört ebenso zum Netzwerk,  die Gemeinde verlässt sich vor allem auf ländliche Baukultur und nachhaltigen Tourismus. Dort gondelt man mit Aktiv-Karte gratis auf den Berg und durchs ganze Tal per Tälerbus oder Elektro-Wandertaxi.
Munderfing in Oberösterreich dagegen setzt auf einen Energie-Selbstversorger-Windpark, Moosburg in Kärnten auf das Thema Bildung und die dazugehörige Architektur.
In allen Zukunftsorten ist der Wille zur selbstbestimmten Veränderung heimisch geworden. Genauso wie die Überzeugung, dass man dem „Braindrain“, wenn die Innovationskraft gemeinsam mit den Menschen in die Städte zieht, auch mal den Hahn abdrehen kann. Dafür haben die Gemeinden in Wien ein geschicktes Schlupfloch installiert: Über das Kommunalkonsulat im vierten Wiener Bezirk lassen sich Ideen und Engagement leicht wieder zurück in die Heimat einschleusen.

Rosten statt rasten. So manche Region in Österreich hatte in den letzten Jahren nicht viel zu feiern. Zumindest gaben die demographischen Statistiken dazu kaum Anlass. Statt Land und Leute: Land und Leere. Auch im steirischen Eisenerz schrumpft der Erzberg konsequent und damit die Ressource, die die Region hunderte Jahre nährte. Dafür wächst etwas anderes umso mehr: der Raum und seine Möglichkeiten. „Da entstand eine neue Ressource für die künstlerische und kulturelle Produktion“, sagt Soziologe Rainer Rosegger. Er ist mit schuld, dass sich Eisenerz entschieden hat, einmal nicht nur apathisch dazuliegen.
Gemeinsam mit Elisa Rosegger und Franz Lammer hat er das Rostfest in die Region geschickt. Jetzt bringen Kreative reichlich temporären Füllstoff mit für Leere, bespielen Gebäude außen mit Visualisierungen, innen mit Musik, Workshops, Performances und Installationen sowie die Straßen dazwischen mit Street Art und anderer Kunst.
Das Rostfest lässt eine Region hochleben, die glaubte nichts mehr feiern zu können. Und zelebriert, was die Region selbstbestimmt sein könnte. Nicht das, was ein Berg samt Bodenschatz für sie so lange bestimmt hat. „Manchmal brummen die Bässe schon bis sechs Uhr früh. Bis jetzt gab es aber keine einzige Beschwerde“, sagt Rosegger. Auch das könne ein Indikator sein dafür, meint er, wie gut die Initiative in Eisenerz angenommen wird. Jeden Monat sitzt Rosegger am Rostfest-Stammtisch, an dem sich auch die Eisenerzer einbringen. Am 21. August startet schließlich das viertägige Fest. Die ersten Gäste trudeln schon eine Woche zuvor ein. In leeren Wohnhäusern legen sie wie jedes Jahr ihre Schlafsäcke aus – das Format „Urban Camping“ hat schon treue Fans.

Doch diesmal öffnet das Rostfest nicht nur wieder Räume, es macht auch den Designbegriff ganz weit auf: Open Design ist angesagt, ein wenig auch aus einer Notwendigkeit heraus. Denn: Schraubt das Land die Förderungen runter, müssen die Gäste selber schrauben, an ihren Selbstbaumöbeln aus Paletten. Oder an der Trocken-Toilette, die auch als Workshop-Projekt ansteht. „Selbermachen und Selbstbeteiligung stehen diesmal auf dem Programm“, erzählt Rainer Rosegger. Schon in Graz hat er im Bezirk Lend eine Bottom-up-Blockparty mitinstalliert. Dort fegt der Lendwirbel seit Jahren durch die mediale Aufmerksamkeit, durch die Kreativszene in Graz und durch den öffentlichen Raum.

Schmiedekunst. Auch Designer kommen nach Eisenerz, um von Handwerkern zu lernen.(c) Beigestellt


Selbstbestimmung. Das Rostfest forciert heuer, was Eisenerz genauso abhanden gekommen ist wie die wirtschaftliche Grundlage – die Eigeninitiative. Im Schoß des großen mächtigen Versorgerberges hatte das Selbst-in-die-Hand-nehmen kaum noch Tradition. Das will auch Gerfried Tiffner vom Verein Steirische Eisenstraße nicht einfach so hinnehmen. So sammelt das Tu-was-Festival der Eisenstraße jährlich fleißig Ideen. In diesem Jahr kamen 160 zusammen, 75 davon werden schließlich finanziell unterstützt und umgesetzt.  „Regionale Identität entsteht durch den Stolz, selbst seine Region mitzugestalten“, meint Tiffner. Die Möglichkeiten, selbst Ko-Produzent des Wandels zu werden, sind entlang der Eisenstraße und ihrer Traditionen reichlich. „Ehrenamtliche, wirtschaftliche und kreative Potenziale“ ließen sich da abschöpfen, so Tiffner. Allein die Landschaft und das Bergbau-Erbe werfen eine Vielzahl von touristischen Möglichkeiten ab. Vom sanft schillernden Leopoldsteiner See bis hin zum rauen Erzberg. Zur Zeit wird der Oswaldirücken als Freiluftausstellung touristisch neu konzipiert.

Auch nach den traditionellen Kompetenzen und Fertigkeiten, die auf der Eisenstraße verstreut liegen, schürfen Kreative und Designer. „Die Ressourcen Wissen und Können erhalten eine neue Wertigkeit“, sagt Tiffner. Das Handwerk als gesellschaftliches und ökonomisches Erbe wird wieder entdeckt. Und: „Es geht weg von einer nostalgisch musealen Inszenierung handwerklicher Tätigkeit.“

Im letzten Jahr hat das Thema „Handwerk und Design“ das Rostfest begleitet. Mit einem Symposium. Und mit Workshops, die „die Zusammenarbeit von Handwerkern und Designer stimulieren sollten“, erklärt Tiffner. Im Rahmen des EU-Projektes ShiftX arbeiteten fünf Designer mit lokalen Handwerkern zusammen. Dabei entstanden Prototypen innovativer Produktideen auf Basis traditionellen Handwerks.

Nachhaltigkeit. Das Rostfest soll nicht nur als temporäres Event in der Region einfallen und schnell wieder abziehen, betont Rosegger. Ideen sollen sich auch nachhaltig vor Ort verankern. Und vielleicht ebendort produziert werden. Zumindest manche Prototypen könnten auch aus dem 3-D schlüpfen. Günter Friesinger von der Künstlergruppe Monochrom hat seine Grazer Studenten schon Hackerlabs für Eisenerz austüfteln lassen. Orte, die wie die Fab Labs in vielen Städten funktionieren, wo Produktionswissen und -technologien allen offenstehen.

Vor allem sei es jedoch wichtig, „Spielräume für Jugendliche zu schaffen“, sagt Rosegger. Sie brauchen ein kulturelles Milieu, das sie in der Region hält. Die Eisenerzer Musikschule hat zumindest beim Rostfest einen großen Auftritt: Die traditionelle Polka wird mit Eisen und Percussion zur „Metal-Polka“. 

Tipp

Kultur, Kunst, Eisenerz. Das Rostfest findet vom 21. bis 24. August in Eisenerz statt (www.rostfest.at). Für weitere kulturelle Programmpunkte bis November in der Region sorgt auch die Initiative „eisenerZ*ART“. (www.eisenerz-art.at)