Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der machohafte Vorstadt-Erdoğan und „die dumme Hure“

Die Regierung freut sich über ihre Integrationspolitik, die blöde Wirklichkeit freilich will der Regierung nicht so ganz recht geben.

Mit „dem Turbo“ wäre die Integrationspolitik in Österreich neuerdings unterwegs, formulierte der ressortzuständige Minister, Sebastian Kurz, anlässlich der Präsentation des „Integrationsberichts 2014“ frohen Mutes. In der Vergangenheit habe es Versäumnisse gegeben, so der Minister, aber jetzt sei man auf gutem Wege, das Verhältnis zwischen zugewanderten und autochthonen Österreichern gedeihlich zu gestalten.

Mag ja sein. Blöderweise weigerte sich freilich die Wirklichkeit just in den Tagen rund um jene zukunftsfrohe Präsentation des Ministers, dessen Optimismus mit einem tragfähigen Fundament zu versehen. Da prügelten zuerst in Bischofshofen türkischstämmige junge Österreicher auf eine Fußballmannschaft aus Israel ein, was man hoffentlich nicht wirklich als Indiz für eine sonderlich gelungene Integration in die hiesige Gesellschaft verstehen kann. Und dann, kurz darauf, der bemerkenswerte Auftritt eines gewissen Abdurrahman Karayazili von der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), in einer „ZiB 24“-Diskussion. In der Pose eines machohaften Vorstadt-Erdoğan weigerte sich Karayazili sich da, die Moderatorin Lisa Gadenstätter moderieren zu lassen, laberte die Anwesenden mit eigentümlichen Tiraden nieder und stürmte schließlich, noch vor dem Ende der Diskussion, aus dem Studio. Dass er sich standhaft weigerte, sich von der jüngsten „Die Israelis sind schlimmer als die Nazis“-Entgleisung des Türkenpremiers Erdoğan zu distanzieren, rundet das Bild einer nicht so recht gelungenen Integration stimmig ab. Auch dieser verhaltensoriginelle junge Mann scheint noch nicht so recht in der Gastgesellschaft angekommen zu sein.

Noch weniger als Beispiel gelungener Integrationsarbeit taugen freilich jene tausenden Hassposter, die in der Folge für Karayazili in den Social Media Partei ergriffen haben, und zwar mit durchaus milieutypischen Argumenten. ORF-Moderatorin Gadenstätter sei „von der israelischen Lobby gesteuert“, „eine geistig Behinderte“ und im Übrigen ein „verkacktes Lebewesen“. „Hoffentlich stirbt die dumme Hure,“ artikulierte einer der Karayazili-Fans seinen Unmut, wahrscheinlich ein besonders gelungener Fall von Turbointegration.

Ganz offenkundig hat sich da ein problematisches Milieu junger, oft türkischstämmiger Migranten verfestigt, das den optimistischen Befund der hierzulande hauptamtlich für die Integration zuständigen Würdenträger nicht gerade überzeugend stützt. Es ist dies ein Milieu, aus dem sich nicht zuletzt der zunehmende Antisemitismus bei Kundgebungen gegen Israel speist, wie sie unter anderem von der UETD des Herrn Karayazili veranstaltet werden. Nicht zufällig werden dort immer öfter türkische Fahnen geschwenkt.

Während dieses Problem in Österreich nach Landessitte in der Hoffnung mehr oder weniger verdrängt wird, es damit zum Verschwinden zu bringen, ist in Deutschland bereits eine öffentliche Diskussion darüber entbrannt.

Eröffnet hat sie das Feuilleton der „FAZ“ mit einem Kommentar unter dem Titel „Nicht dumm stellen“: „ Der aktuelle Antisemitismus hat eine neue Qualität erreicht. Seine Wurzeln liegen in der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern.“

Noch plastischer polemisierte der „Bild“-Journalist Nicolaus Fest, der „den Islam“ glatt als „Integrationshindernis“ bezeichnete und sich dafür einen ordentlichen Rüffel seines Verlags einhandelte: „Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle. Und antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben... Ich brauche keinen importierten Rassismus...“

Österreich braucht diesen genauso wenig, der allfällige eigene reicht uns völlig. Kurz hat mit sympathischer Offenheit eingestanden, dass Migrationspolitik in der Vergangenheit oft aus Wegschauen bestanden hat; diesen Fehler zu wiederholen wäre eher töricht.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2014)