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Nicht löschbares Feuer: Filmemacher Harun Farocki ist tot

HARUN FAROCKI
HARUN FAROCKI(c) APA/GALERIE THADDAEUS ROPAC/HERT (HERTHA HURNAUS)
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„Bilder der Welt und Inschrift des Krieges“ heißt eines seiner zentralen Werke: Harun Farocki, deutscher Praktiker und Theoretiker des Films. Nun ist er im Alter von 70 Jahren gestorben.

„Nicht löschbares Feuer“: Am Ende seiner ersten berühmten Arbeit aus dem Jahr 1969 drückte Harun Farocki eine brennende Zigarette auf dem eigenen Handrücken aus. Davor hatte er ohne sichtbare Emotion den Bericht eines Opfers im Vietnam-Krieg verlesen: Der Kurzfilm erzählte über den Kampfstoff Napalm und dessen Herstellung in den Dow-Chemiewerken, sollte deren Arbeiter und Techniker auf den Gräuel aufmerksam machen; Agitprop nannte man das damals noch ohne jeden geringschätzigen Unterton.

In der soeben eröffneten Ausstellung im Salzburger Museum der Moderne (siehe Seite25) laufen zwei Filme von Harun Farocki: „Das Silber und das Kreuz“, in dem er dem Leiden und Sterben bolivianischer Zwangsarbeiter in den Silberminen nachgeht; und „Bilder der Welt und Inschrift des Krieges“ (1988), ein Essayfilm, der u.a. Dürer-Zeichnungen, Meereswellen und das KZ Auschwitz unter einer Schneedecke zeigt und in einem Bild endet, das so sehr vergrößert wurde, dass man nur mehr graue Punkte sieht.

Wie politisch können scheinbar harmlose Bilder sein? Und wie kann man mit Bildern gegen unerträgliche Politik ankommen? Diese Fragen durchziehen das Werk Farockis. Geboren 1944 in Nový Jičín (damals Deutsches Reich, heute Tschechien), war er 1966 unter den ersten Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, 1968 wurde er wegen politischer Aktionen vorübergehend vom Studium relegiert, in seinem ersten Film, „Die Worte des Vorsitzenden“, schoss er eine Seite aus der Mao-Bibel, zum Pfeil gefaltet, auf den Schah.

 

„Arbeiter verlassen die Fabrik“

Bald entdeckte er die Medienkritik, fragte nach der Manipulationskraft von Bildern, etwa 1973 in „Der Ärger mit den Bildern“. Auch schon früh befasste er sich theoretisch mit seinem Genre, etwa als Redakteur der Zeitschrift „Filmkritik“. In „Schnittstelle“ fokussierte er seinen Arbeitsplatz: den Schneidetisch, auf dem Weltbilder zusammengefügt werden. Sein Film „Arbeiter verlassen die Fabrik“ (1995) ist ein Kommentar zu einem der ältesten Filme: „Arbeiter verlassen die Lumière-Werke“ (1895), eine kinetische Meditation über die Arbeitswelt, derer sich der Film, wie Farocki beklagte, zu wenig annimmt.

„Die Erzählung mit Bildern hat nach wie vor ein Potenzial, das viel zu wenig genutzt wird“, sagte er einmal im „Presse“-Interview: „Wir können uns eine Geschichte mit zwei Fabrikarbeitern vorstellen, aber keine darüber, was einen Tag lang in einer Fabrik an Mikroprozessen abläuft: Blicke, Gemurmeltes, Arbeit, darauf kann sich die Filmindustrie nicht richtig konzentrieren.“

Harun Farocki hat mit einigem Erfolg versucht, sich auf solche Mikroprozesse zu konzentrieren. Vor circa zwei Jahrzehnten wurde das auch der Kunstwelt (im engeren Sinn) bewusst. Er stellte im Centre Pompidou aus, in den Kunst-Werken Berlin. Bei der Documenta 2007 lief „Deep Play“, eine Anatomie des Fußball-WM-Finales von 2006 auf zwölf Monitoren. Auch in Österreich war Farocki höchst präsent: Die Viennale lud ihn mehrfach ein, das Filmmuseum widmete ihm 2006 eine Retrospektive, von 2006 bis 2011 war er Professor an der Akademie der bildenden Künste. In der Generali Foundation zeigte er eine Studie über das Motiv Gefängnis im Film. Die Salzburger Galerie Ropac brachte 2011 eine Verkaufsausstellung namens „War At A Distance“, das Kunsthaus Bregenz im selben Jahr „Weiche Montagen“, wieder mit Arbeiten zu einem seiner zentralen Themen, der (Bild-)Industrie des Krieges: Aufnahmen aus US-Militäreinrichtungen, durchsetzt mit Computerinstallationen.

So sehr er sie auslotete, letztlich war sich der kluge Theoretiker und Praktiker Harun Farocki der Grenzen seiner Theorie und Praxis bewusst. „Ich kann nicht mit Filmen in der Art, wie man etwa Geld druckt, ein Bewusstsein herstellen“, sagte er einmal: „Wenn man diese Illusion hat, dann muss man irgendwann aufhören.“

Zuletzt arbeitete Farocki u.a. mit dem deutschen Regisseur Christian Petzold an einem weiteren Film: „Phoenix“ über eine Auschwitz-Überlebende in der Nachkriegszeit (gespielt von Nina Proll) soll im September anlaufen. Farocki ist am Mittwoch im Alter von 70 Jahren gestorben. (ag./tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2014)