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Gaza: Hamas entführte israelischen Soldaten

imago/UPI Photo
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Israel hat den auf drei Tage angelegten Waffenstillstand mit den militanten Islamisten nach wenigen Stunden bereits wieder für beendet erklärt. Die in Kairo geplanten weiterführenden Verhandlungen wurden abgesagt.

Nur Stunden nach ihrem Beginn hat Israel die auf drei Tage angelegte Waffenruhe im Gazakrieg bereits wieder für gescheitert erklärt. Ein israelischer Repräsentant habe den UN-Gesandten Robert Serry darüber informiert, berichtete die Zeitung "Haaretz" Freitagmittag.

Etwa 90 Minuten nach dem Inkrafttreten der Feuerpause am Freitagmorgen um 07.00 Uhr seien Soldaten bei Rafah im Süden des Küstenstreifens aus einem Tunnelsystem heraus angegriffen worden, sagte ein Militärsprecher. Mindestens einer der Angreifer sei ein Selbstmordattentäter gewesen, der sich in die Luft gesprengt habe. Beim folgenden Schusswechsel seien zwei Soldaten getötet worden, ein weiterer sei allem Anschein nach von den Angreifern entführt worden.

Entführung könnte "Game Changer" sein

Die Armee unternehme größte Anstrengungen, den mutmaßlich verschleppten 23-jährigen Soldaten, es handelt sich um den Leutnant Hadar Goldin, zu finden. Israel reagierte mit schweren Angriffen auf den Gazastreifen, dabei starben laut dem Gesundheitsministerium in Gaza rund 50 Menschen.

Die Hamas stellte den Vorfall anders dar: Ein ranghohes Mitglied der Islamisten sagte der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi, der Soldat sei vor Inkrafttreten der Waffenruhe gefangen genommen worden. Daher habe Israel nicht das Recht, diese Waffenruhe zu brechen.

Die Entführung könnte die Lage im Gazakrieg signifikant verändern. Israel hat 2011 den fünf Jahre zuvor entführten Soldaten Gilad Shalit gegen 1027 palästinensische Gefangene ausgetauscht.

Gespräche in Kairo abgesagt

Neben der nach tagelangem Ringen erreichten Zustimmung zu der auf 72 Stunden angelegten Feuerpause hatten sich die beiden Konfliktparteien eigentlich auf sofortige Verhandlungen in Ägypten um eine dauerhafte Waffenruhe geeinigt. Die ägyptische Regierung hatte Israel und die Hamas noch in der Nacht zu Gesprächen nach Kairo eingeladen.

Diese Gesprächsrunde wurde mit dem Zusammenbruch der Waffenruhe dann obsolet. Die Verhandlungen seien vorläufig abgesagt worden, schrieb die staatliche ägyptische Zeitung "al-Ahram" am Freitag unter Berufung auf den Vizechef der Hamas-Exilorganisation, Moussa Abu Marzuk. Der Grund sei, dass die israelische Delegation ihre Teilnahme abgesagt habe, hieß es. Die ägyptische Führung habe die Hamas darüber informiert.

Keine Atempause für Zivilisten

Die nur kurz eingehaltende Feuerpause wäre ohnehin nicht umfassend gewesen: US-Außenminister Kerry hatte klärte, dass beide Seiten in Stellung bleiben würden und Israel "defensive Operationen" gegen Hamas-Tunnelanlagen fortsetzen würde, und zwar in jedem Fall. Israels Premier Benjamin Netanyahu hatte zuvor erklärt, eine Waffenruhe sei nur akzeptabel, wenn Israel weiter Tunnelanlagen im Gazastreifen zerstören könne.

UN-Chef Ban und Kerry hatten erklärt, mit der Waffenruhe hätte unschuldigen Zivilisten eine Atempause verschafft werden sollen, eine "dringend notwendige Entlastung von der Gewalt". Zivilisten hätten nach den Worten Kerrys die dringend benötigte humanitäre Hilfe und die Möglichkeit bekommen, lebensnotwendige Aufgaben zu erledigen, etwa Beerdigung der Toten, die Versorgung der Verletzten und die Beschaffung von Lebensmitteln". Daran ist nun ebensowenig zu denken wie an dringend nötige Reparaturarbeiten an der Infrastruktur, etwa am Stromnetz.

Internationale Kritik an Israel wächst

Die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos und der Leiter des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA), Pierre Krähenbühl, hatten dem Weltsicherheitsrat am Donnerstag über die katastrophale Lage der Zivilbevölkerung in dem Küstengebiet berichtet. "Ich glaube, die Bevölkerung steht am Abgrund", so Krähenbühl.

Zuletzt wuchs die internationale Kritik an Israels militärischem Vorgehen. So machte das UNRWA Israel für den tödlichen Beschuss einer UN-Schule in Dschabalija mit 16 Toten verantwortlich, während die israelische Armee einen versehentlichen Beschuss durch die Hamas für möglich hielt. Die US-Regierung erklärte ebenfalls, dass alle Indizien für einen israelischen Artillerie-Angriff sprächen.

Menschenrechtsverletzungen

UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay warf Israel angesichts der vielen zivilen palästinensischen Opfer die "vorsätzliche Missachtung" völkerrechtlicher Verpflichtungen vor. Beide Konfliktparteien hätten "schwere Menschenrechtsverletzungen" begangen, "die Verbrechen gegen internationales humanitäres Recht" sein könnten. Bei der israelischen Offensive gebe es ein "Muster", nach dem "Wohnhäuser, Schulen, Kliniken und UN-Einrichtungen" angegriffen würden. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Die israelische Armee hatte vor mehr als drei Wochen mit einer Offensive im Gazastreifen begonnen. Deren Ziel war es, den anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Küstengebiet auf Israel zu unterbinden. Auch "Terror-Tunnel", durch die militante Palästinenser auf israelischen Boden gelangen können, um Anschläge zu verüben oder Menschen zu entführen, sollten zerstört werden. Auf beiden Seiten zusammen starben bis Freitagfrüh mehr als 1.500 Menschen, Tausende wurden verletzt. Die Bevölkerung des Gazastreifens hatte zuletzt immer stärker gelitten.

(APA/dpa/AFP/Reuters)