Das große Sammeln läuft, die Doubletten häufen sich. Nur durch Tausch wird das Sticker-Album voll.
Die häufigsten Vornamen von EM-Spielern sind mit je sieben Vorkommen Alexander (mit Varianten von Aleksej bis Alexandros), Andreas (inkl. Andrea, Andres usw.), Markus (inkl. Marco usw.) und Thomas resp. Tomas, am zweithäufigsten (je sechs Mal) sind diverse Formen von Nikolaus und Michael.
Wie kommt man auf derlei nutzloses Wissen? Ganz einfach: Es erschließt sich dem Besitzer des „Official Sticker Album“ der Euro 2008, herausgegeben von der Firma Panini. Wobei solche Analysen einen kleinen Haken haben: Durch den Redaktionsschluss des Albums kann man nicht sicher sein, dass die 20 Spieler, die pro Land dargestellt werden, wirklich in der endgültigen Auswahl sind. So kam Yüksel Sariyar (Panini-Nr.166) doch nicht in den österreichischen Kader, dafür ist z.B. Helge Payer dabei: Er ist selbst Panini-Sammler und will sich nachträglich einen Sticker gestalten lassen, fragt sich, wohin er ihn klebt.
Als ob gerade die Hymne spielte
16 Länder à 20 Spieler (sämtlich mit Angabe von Körpergröße, Alter und Gewicht, was wieder Stoff für statistische Auswertungen böte) sind es jedenfalls, macht 320 Pickerln mit Brustbildern junger Männer, das Kinn zirka in halber Höhe, die Gesichter teils freundlich, teils feierlich bis streng gerührt, als ob gerade die Hymne spielte.
Sie gehören, Rechteck an Rechteck, ins Album, das aus so feinem Papier ist, dass es allein vom Blättern faltig wird, historisch aussieht, wenn es noch nicht einmal voll ist. 320 Gesichter. Dazu kommen aber: Mannschaftsbilder. Motive der Spielstädte (für Wien z.B. ein etwas eierndes Riesenrad, für Salzburg eine Festung Hohensalzburg mit lustigen Noten darüber). Aufnahmen der Stadien. Action-Bilder (von manchen Panini-Aficionados heftig kritisiert). So sind insgesamt 535 Sticker einzukleben. Je fünf sind in einem Päckchen zu 60 Cent (vor zwei Jahren, bei der WM, waren es noch sechs zu 50 Cent), man sieht gleich: Das geht ins Geld.
Dabei wäre die Sache noch relativ billig, wenn man die Motive offen auswählen und kaufen könnte: 107 Päckchen à 60 Cent, das wären 64,2 Euro für ein volles Album. Dass man beim Kauf verschlossener Päckchen zufällig keine einzige Doublette erhält, ist natürlich unwahrscheinlich. Extrem unwahrscheinlich: Norbert Kusolitsch vom Institut für Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie der TU Wien kommt auf eine Wahrscheinlichkeit von 2.6 ? 10–231, „das ist unwahrscheinlicher als 33mal einen Lotto-Sechser zu tippen“. Die Wahrscheinlichkeit, mit dem Ankauf der doppelten Anzahl, also 1070, eine vollständige Sammlung zu erhalten, ist ca. 7 ? 10–5; mit 2140 liegt sie immer noch bei 0.012, also 1,2 Prozent. Um mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent das Heft voll zu bekommen, braucht man 2795 Sticker.
Das auszurechnen ist nicht leicht, man braucht dazu u.a. Stirling-Zahlen zweiter Ordnung, und das wäre, wie Kusolitsch einräumt, „vielleicht für eine allgemeine Leserschaft zu kompliziert“. Relativ leicht zu berechnen ist, wie viele Sticker man durchschnittlich kaufen muss, um komplett zu sein (siehe Kasten links): immerhin ca. 3670.
All diese Berechnungen laufen freilich unter einer Annahme: Dass die Motive in allen Verkaufsstellen gleich verteilt sind. Die Firma Panini behauptet fest, dass sie das sind: Auf einem Druckbogen sei immer eine komplette Kollektion; nur Doubletten innerhalb einer Packung würden durch eine spezielle Sortiermaschine ausgeschlossen. Trotzdem schwören viele Sammler auf Jagdzüge in andere Bezirke oder gar Orte.
Verzweifelten bietet die Firma ein Service: Wenn nur mehr 50 Sticker fehlen, kann man sie per Post bestellen. Viele Sammler lehnen das als unsportlich ab. In Wirklichkeit hilft nur der Anschluss an eine möglichst große Tauschbörse. So verliert das Sammeln seine autistische Note – und zu den Zufällen der Verteilung kommen die Zufälle der Begegnung, an der Börse, im Schulhof, im Internet.
FIRMA: Panini
1961 von den Brüdern Giuseppe und Benito Panini gegründet. 1963 traten die Brüder Umberto und Franco Cosimo der Firma bei. Bis heute Sitz in Modena. Ca. 700 Mitarbeiter in 110 Ländern. Jahresumsatz: ca. 580 Millionen Euro (2006).
1988 an die Maxwell-Gruppe verkauft, später u.a. im Besitz von Marvel Entertainment, seit 1991 beim italienischen Finanzkonzern Vittorio Merloni Fineldo SpA.
Geschäftsfelder: Sticker und „Trading Cards“ zu Fußballmeisterschaften (WM, EM), aber auch zu Filmen (z.B. Disney) und Spielzeug (z.B. Barbie). Seit Mitte der 1990er auch Comics, z.B. Spider-Man.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2008)