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„Sogar Schulen und Spitäler sind nicht sicher“

(c) APA/EPA/MOHAMMED SABER (MOHAMMED SABER)
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Mohammed El-Halabi von der Hilfsorganisation World Vision befindet sich im Gazastreifen und berichtet über die Folgen der Angriffe auf Kinder, über Familien, die Obdachlosen Zuflucht bieten, und überforderte Spitäler.

Mohammed El-Halabi ist im Gazastreifen für die Hilfsorganisation World Vision tätig, bei der er Regionalentwicklungsprojekte leitet. „Die Presse“ hat ihn per Telefon im Norden des Gazastreifens erreicht.

 

Die Presse: Der Waffenstillstand wurde für 72 Stunden vereinbart, wenngleich er nicht lange gehalten hat. Konnten die Menschen die Feuerpause nutzen?

Mohammed El-Halabi: Viele haben zu Beginn des Waffenstillstands ihre Häuser verlassen. Sie wollten Essen und Wasser kaufen. Die Geschäfte haben geöffnet. Viele sind auf der Suche nach ihren Familien, Verwandten und Freunden und waren unterwegs zu Notunterkünften.

Wie ist derzeit die Situation im Gazastreifen?

Sehr schlecht. Rund 400.000 Menschen sind auf der Flucht vor den Angriffen. Sie sind in Schulen untergebracht, die als Notquartiere dienen. Weitere 50.000 Menschen haben bei anderen Familien, bei Verwandten, vor allem in Gaza-Stadt, Unterschlupf gefunden. 2009 und 2012 hatten wir auch Krieg. Aber diesmal ist es anders: Die Zahl der getöteten Zivilisten und vor allem der Kinder steigt täglich an. Sogar die Schulen und Spitäler sind nicht sicher. Mehr als 250.000 Kinder brauchen Hilfe, auch psychologische. Viele haben ein Trauma.

 

Gibt es genügend Nahrungsmittel?

Durch die seit sieben Jahren andauernde Blockade ist die Lage für die Bevölkerung sehr kritisch. Die Familien sind arm, viele können keine Nahrungsmittel kaufen. Diese Familien haben jetzt aber weitere vier oder fünf Familien in ihrem Heim aufgenommen.

 

Ist die Lage in den Notunterkünften besser?

Die Notunterkünfte sind völlig überfüllt. Da gibt es zum Beispiel für mehr als 1500 Menschen nur zwei Toiletten. Die Menschen bekommen dort zwar Nahrungsmittel, aber es fehlt an Hygieneartikeln. Wir haben pro Tag nur zwei Stunden Strom. Ich habe von sechs bis acht in der Früh Strom gehabt. Gibt es keinen Strom, können die Wasserpumpen nicht arbeiten.

 

Wie steht es mit der Versorgung der Verletzten?

Aufgrund der hohen Zahlen von Verletzten sind die Krankenhäuser überfordert. Die medizinische Ausrüstung wird knapp, es können nicht mehr alle versorgt werden. Sogar das größte Krankenhaus im Norden ist nicht in der Lage, mit den steigenden Zahlen an Patienten umzugehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2014)