Energieversorgung: Waschen nur bei Sonnenschein

Koestendorf
(c) Lehrner

Der Salzburger Ort Köstendorf ist Österreichs erste „Smart-Grids-Modellgemeinde“. Dort wird erprobt, wie die Energieversorgung von morgen funktionieren könnte.

Der Weg nach Köstendorf ist idyllisch – die Wiesen sind saftig grün, am Wallersee entspannen sich Urlauber, die Straßen sind fast menschenleer. Es ist ruhig in der 2500-Seelen-Gemeinde in Salzburg. Kaum ein zufällig vorbeikommender Radfahrer erahnt, dass hier Energiezukunft mitgestaltet wird.

Denn Köstendorf ist Österreichs erste „Smart-Grids-Modellgemeinde“ und damit auch Vorreiter in Europa. Es ist das erste Projekt, in dem erprobt wird, wie Haushalte den eingespeisten Strom von den eigenen Fotovoltaikanlagen nicht nur selbst nutzen, sondern auch an andere Verbraucher weiterleiten können. Die Bewohner von Köstendorf sind also zugleich Stromverbraucher und -erzeuger.

„Unter ,Smart Grid‘ versteht man ein intelligentes Netz, das alle Akteure – also Erzeuger, Speicher und Verbraucher – miteinander vernetzt“, sagt der Geschäftsführer der Salzburg AG, Michael Strebl. „Wir glauben, dass die Energieversorgung in zehn bis 20 Jahren nur mehr so funktionieren wird.“

Zu Projektbeginn im Frühjahr 2013 wurden dafür auf jedem zweiten Haus in Köstendorf Fotovoltaikpaneele montiert und die dazugehörigen Haushalte mit Wärmepumpen und intelligenten Stromzählern, sogenannten Smart-Metern, ausgestattet. Als Zuckerl gab es für die Bewohner 36 Elektroautos, die für die Projektdauer kostenlos genutzt werden können. Geladen werden sie über den selbst produzierten Strom vom Dach – immer, wenn die Sonne scheint.

Intelligenter Ortstrafo verteilt Strom

„Ich fahre im Alltag nur mehr mit dem Elektroauto, nur für längere Strecken benutze ich mein anderes Auto. Am Vormittag und am Abend arbeite ich, dazwischen lade ich das Auto daheim bei meiner Ladestation“, erzählt der Köstendorfer Michael Feneberg, der sich mit seiner Familie an dem Pilotpojekt beteiligt hat. „Auch im Haushalt achten wir darauf, die Waschmaschine oder den Geschirrspüler dann einzuschalten, wenn die Sonne scheint und wir so auf unseren Strom zugreifen können.“ Und was passiert, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt? „Dann kommt der Strom normal vom Netz“, so Projektleiter Markus Radauer. „Strom, der zu viel produziert wird, wird eingespeist. Denn die meisten Berufstätigen sind untertags, wenn die Sonne scheint, nicht daheim.“

Der intelligente Ortstrafo verteilt den Strom dann an diejenigen, die gerade einen höheren Bedarf haben.“ Häufig ist das der Getränkesupermarkt von Familie Struber: Durch das andauernd laufende Kühlsystem wird hier sehr viel Strom gebraucht. Besitzer Josef Struber erzählt begeistert von der eigenen Solaranlage auf dem Dach und zeigt, wie die Technik im Haus funktioniert: „Ich schaue jeden Tag hinunter in den Keller zum Smart-Meter und den Wechselrichtern. Seit Projektbeginn habe ich von meinem eigens produzierten Strom etwa ein Drittel ins Netz zurückgespeist, dafür bekomme ich auch das Geld zurück.“ Einer der Hauptgründe für die Beteiligung an dem Projekt war für Struber die Möglichkeit kostengünstiger Förderungen. Die Anlage mit einer Leistung von vier Kilowatt kostete 4000 Euro, die Investition rechnet sich für ihn in spätestens zehn Jahren.

Hohes Energiebewusstsein

Pensionist Franz Schienwald zeigt sich wiederum von dem Gemeinde-Elektroauto, das zweimal in der Woche für soziale Dienste zur Verfügung steht, begeistert: „Nicht nur das Projekt an sich, sondern auch das Sozialtaxi hat unsere Dorfgemeinschaft stark zusammengeschweißt.“ Von den positiven Effekten auf das Gemeinschaftsleben ist auch Bürgermeister Wolfgang Wagner (ÖVP) überzeugt. Er berichtet, dass es im Ort schon 1984 das erste Biomasseheizwerk gegeben hat. Außerdem habe es in der Vergangenheit Energiemessen und Energiearbeitskreise gegeben. Köstendorf habe sich wegen der technischen Voraussetzungen und wegen seines Energiebewusstseins gegen die anderen Bewerber durchgesetzt, so der Bürgermeister.

Das Energiebewusstsein der Köstendorfer zeigte sich bereits am ersten Tag der Anmeldungen für das Projekt: „Innerhalb von zwei Stunden waren alle Plätze vergeben – und zwar, obwohl man aus eigener Tasche seinen Beitrag beisteuern musste. Auch heute fragen mich viele Leute, ob sie noch mitmachen können“, erzählt der Bürgermeister. Doch das Projekt läuft bereits im September aus. Die Anlagen, inklusive eines intelligenten Stromnetzes, werden natürlich weiterhin bestehen bleiben, und auch die Salzburg AG wird das Projekt weiter betreuen. Lediglich die kostenlosen Elektroautos müssen dann gemietet werden, „aber die meisten werden ihr lieb gewonnenes Auto behalten. Es ist schon etwas Schönes, wenn die ,grünen Bienen‘ – so werden die kleinen, grünen Elektroautos im Dorf genannt – von Köstendorf ausschwärmen“, schmunzelt Pensionist Schienwald.

Auch touristisch brachte das Projekt in dem beschaulichen Dorf einen Aufschwung: Die Urlauber besuchen den neuen Energieweg. Und etwa zweimal pro Woche kommen Wissenschaftler und Energieexperten, um etwas über die neue Technologie zu lernen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2014)