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Die Wurzeln des Wohls

Hygiene ist eine kulturelle Leistung. Putzen braucht Strategie, und Strategie braucht Verstand. Woher die Verachtung für die Leute, die wegschaffen, was man an Dreck produziert? Elisabeth Miksch-Fuchs leitet das größte Hausbetreuungsunternehmen Österreichs: eine Begegnung.

Sie schneit ins Gasthaus, setzt sich zu uns an den Tisch und bestellt Wein. Flott, dezent, wach, klar. Sie kommt aus dem Theater, hat jetzt Lust auf einen Drink und ist verabredet mit einem der Männer am Tisch. Ich frage sie, wer sie ist? Ihr Understatement, mit dem sie meine Neugier erregt, lautet: Ich bin die Erste Hausbesorgerin von Wien. Ich stutze. Die Hausbesorger wurden im Jahr 2000 von der schwarz-blauen Regierung abgeschafft. Und Elisabeth Miksch-Fuchs entspricht nicht dem Stereotyp des grantigen Hausmeisters oder der bitteren Haumeisterin. Und freilich, sie ist eine Instanz, ist nämlich als die mächtigste Hausbesorgerin Wiens zu sehen, weil sie Geschäftsführerin der Wien Wohnen Haus- und Außenbetreuung GmbH ist. Sie checkt die Firma, die die Putztrupps in den Wiener Wohnhausanlagen organisiert.

Elisabeth ist in Wien geboren und aufgewachsen. Sie besuchte das Bundesgymnasium für den 13. Bezirk. Sie war Schulsprecherin, studierte Jus, ist Anwältin, leitete eine Kanzlei, bekam Kinder, hatte ein Trennungstheater, leitete eine Akademie für Führungskräfte. Und sie sieht entspannt aus, aufgeräumt, steht zu sich, stilsicher, unarrogant. Und wer bist du?, fragt sie. Schriftsteller. Nicht Schriftstellerin? Ja, Schriftstellerin. Für wen?, fragt sie. Für meine Leser. Und die Leserinnen? Na klar, die sind zuerst, aber ich habe keine Lust meine literarische Sprache durchzugendern. Welche sprachlichen Eigenheiten und Konventionen verwendet Elisabeth? Sie ist interessiert an Gruppen. Sie hat 1300 Mitarbeiter. Sie lotst eine derartige Menge durch die Zeiten neoliberaler Profitmaxime. Läuft sie deshalb im Hamsterrad und fährt sie damit über die Köpfe der Mitarbeiter drüber? Nein, sagt sie. Wie kann sie so sicher sein?

Ein paar Tage später sitze ich in den Büroräumen und will mehr über Führungsstil, Diktat, Leitbild wissen. Sie ist locker, sehr umgänglich, und ich stelle mir eine vertrauenswürdige Chefin in ihr vor. Sie holt Broschüren, und ich blicke auf Grafiken vom Aufbau des Managementsystems, ein Unternehmensorganigramm, ein Prozessmodell, das alle operativen und unterstützenden Bereiche des Unternehmens verbildlicht. Das Tote, die Organisation. Klar wird dem Laien, wie ich es bin, auf den ersten Blick, dass das Geheimnis eines so komplexen Betriebes nicht nur in Leitlinien liegen kann. Die Geschäftsführerin hat eine Ausbildung als Mediatorin aufzuweisen. Das Wissen um die Kluft zwischen Mensch und Organisation hilft, um für eine Kommunikation zwischen den Ebenen der Mitarbeiter und den Strukturen zu sorgen. Die GmbH, das Skelett der juristischen Person, wird nicht belebt, sondern behaust und vom Engagement dieser Frau durchdrungen. Sieht sie sich als machtvoll? Wo greifen ihre Initiativen? Ihre Wirkung ermisst sie an der geringen Fluktuation, die unter ihrer Ära eingetreten ist. Anscheinend herrscht Zufriedenheit in der Belegschaft.

Ich bin angesteckt von ihrer Begeisterung für eine gute Firmenkultur. Die eigene Firmenzeitung kursiert für die Angestellten. Kommunikationsmittel, klar, aber auch ein Trigger, sich mit der Firma zu identifizieren, um auserkoren, abgebildet und erwähnt zu werden. Durch Leistung im System zu bleiben und dieses damit zu erhalten und aufzusteigen. Es ist ja alles Kommunikation, auch die Wände, die ich streiche, auch der Besen, den ich schwinge. Auch das Sitzen in jenem Büro. Und das Büro kommuniziert mit mir genauso wie die Geschäftsführerin.


Gute Stimmung kommt von unten

Wie erzeugt sich gute Stimmung? Mit einer Vorstellung vom Ganzen. Mit einem Leitbild. Mit einer Firmenfantasie, auf der Spitze der Managementpyramide. Aber die Entfaltung der „guten Stimmung“ kann nur von unten nach oben gehen. Dazu gehört die richtige Chemie zwischen Kollegen in allen ihren Graden und Rängen. Wie sieht das in der Wirklichkeit aus?

Eine Gruppe zu führen im Kontext einer großen Firma fordert die Hybris der Menschheit auf andere Weise heraus. Erst einmal muss die Autorität eingeführt werden, das Leitbild. Es hängt im Büro der Geschäftsführerin. Ein mehrere Quadratmeter großes Suchbild, in dem sich lauter kleine Geschichten der Arbeiter erzählen. Ein Turmbau zu Babel in Wien, der sich den Anspruch stellt, als Firma Menschlichkeit zu generieren. Auf dem Leitbild wuselt es vor Arbeitern, die sich keineswegs wegen Sprachverwirrung verheddern, sondern klare Taten setzen. Gärtnern, pflegen, putzen. Die Geschäftsführerin bringt die Botschaft auf den Punkt. Jeder muss sich fragen: Was brauche ich für eine gute Leistung? Sie schiebt die Broschüren und Mappen mit dem Anschauungsmaterial zur Seite. In Gärten, Höfen und Stiegenhäusern wird gewischt, gekehrt, ausgemalt, poliert und gebohnert. Die Arbeiter sammeln sich täglich zur Besprechung am jeweiligen Stützpunkt und werden ins Bild gesetzt, dirigiert. Es geht ums Verstehen, sagt Miksch-Fuchs. Zur Sprache gehören die Bilder und zu unsren Mitarbeitern die Achtsamkeit. Ein Zauberwort, das das Bedürfnis, als wertvoll erachtet zu sein, erkannt zu werden, beschreibt.

Worin liegt der Unterschied zur Aufmerksamkeit, frage ich mich. Aufmerksamkeit ist gerichtet. Achtsamkeit ist nur eine Haltung, die jeder einnehmen kann. Haltung ist gratis und potenziert sich zu Verständnis und Freundlichkeit, vielleicht sogar zur Hilfsbereitschaft, zur guten Stimmung, die sich in einem Stiegenhaus ausbreiten kann. Was bekommt man denn für seine Achtsamkeit, wenn man sich mit einem sozial kontaktarmen Mieter unterhält? Putzt sich dann das Stiegenhaus von allein? Also darf man nicht nur putzen, sondern muss auch gesprächstherapeutisch eingreifen? Soziale Kompetenzen entwickeln und gratis einsetzen? Aufmerksamkeit akkumuliert nur Aufmerksamkeit, was sich dann als lohnenswert, in Zahlen messbar, erweisen kann. Achtsamkeit aber verändert die Qualität der Situation, wie gesagt, gratis. Beschwerden von Mietern über angeblich nicht ordentlich gereinigte Stiegenhäuser gehen zurück, sobald diese Mieter mit dem Putzpersonal im Gespräch waren.

Achtsamkeit bringt Handläufe zum Glänzen, den Staub zum Verschwinden, der sonst irgendwo in den Denkecken eines Querulanten noch hocken mag. Wird hier etwas ausgebeutet? Leistungsbereitschaft wird vorausgesetzt, wird geprüft und natürlich auch bewertet, sagt Miksch-Fuchs. Standards sind vorgeschrieben, um Hygiene zu schaffen. Das Putzen ist notwendig, sagt sie, wenn wir nicht im Dreck und Grind leben wollen. Hygiene ist eine kulturelle Leistung. Das Putzen braucht Strategie, und Strategie braucht Verstand. Woher die Verachtung für die Leute, die wegschaffen, was man an Dreck produziert? Achtsamkeit als Gegenleistung? Auch Über- und Angriffe auf das Personal kommen vor. Die Mitarbeiter werden von manchen Mietern beschimpft, attackiert. Es gibt immer wieder sogar Verletzte. Die Aggression in den Wohnhausanlagen hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Es kommt vor, dass ein sich ausruhender Mitarbeiter, auf einer Bank sitzend, mit einem Blumentopf beworfen wird. Mistkübel werden entzündet, Feuerwerkskörper auf die Putzkörper abgeschossen. Die Aggressivität steigt, je sozial schwächer das Milieu – das ewige Lied. Die Wut entlädt sich, wo Aussichtslosigkeit und soziale Misere herrschen.

Freundlichkeit ist Firmenleitbild in der Selbstrepräsentation. Das Callcenter verzeichnet jede Beschwerde, und jeder einzelnen wird nachgegangen. Auch hier gilt Achtsamkeit. Bei Rückrufen kann sich herausstellen, dass der Grund der Beschwerde schon vergessen ist, dass die Mieter auf diesem Weg ein Gespräch suchen.

Soziale Kontrolle ist Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit? Ich verliere die Begriffe. Auf jeden Fall wirkt soziale Kontrolle regulierend, sagt die Geschäftsführerin, und das ist für die Mitarbeiter verträglicher. Verwirklichung des Foucaultschen Panoptikums, wo jeder sich beobachtet weiß und beobachtet. Dieses ewige Miteinander berührt sich an der Schwelle zwischen Kollektiv und Privatraum, Geheimzelle mit Spion in der Tür.

In den Gemeindebauten werden auch prekäre Klienten untergebracht, die sonst auf der Straße säßen. Manchmal sei es notwendig, mit der Hausverwaltung zusammenzuarbeiten, um Nachschau zu halten. Ab wann schlägt soziale Kontrolle in Entmündigung um? Sozialhilfe, Sozialfonds und kommunaler Wohnbau greifen ineinander, um beispielsweise Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Immer wieder muss geholfen werden, und die Frage ist, wem wie effizient? Ist einem kranken Kind geholfen, wenn die Familie delogiert wird, weil es dauernd schrie, die Eltern das Geld versoffen und es unversorgt und ohne Medikamente sich selbst überlassen war?

Was heißt Gemeinschaft? Das Wohl muss wachsen können und verlangt Wurzeln und Kopf, sagt die Geschäftsführerin. Um das Arbeitsmarktfeld nicht den Ausbeutungsstrategien der privatwirtschaftlichen Reinigungsfirmen zu überlassen, hat sich die GmbH etabliert, und damit kann sich die Geschäftsführerin auch identifizieren. Sie bietet fixe Arbeitsverhältnisse. Das Angebot richtet sich an Menschen, die keine brauchbare Ausbildung haben, aber leistungswillig sind. Mehr Männer als Frauen gehen ein derartiges Dienstverhältnis ein. Die Frauen haben Kinder und brauchen Teilzeitjobs, ewiges Dilemma. Für Aufstiegsmöglichkeiten wird in Seminaren und Zusatzqualifikationen gesorgt. So wurde aus einer einstigen Floristin, die bei der Firma angeheuert hatte, die heutige Qualitätsmanagerin, sagt die Geschäftsführerin.


400 Skizzen und Stichworte

Das Leitbild zu kreieren und dazu einmal Arbeitsbereiche festzulegen, war ein innerer Auftrag für die Organisation. Die Skizzen und Stichworte wurden gesammelt und der Künstlerin Barbara Kempter übergeben. Sie malte Porträts so detailreich aus, dass sich Mitarbeiter darin erkennen können. 400 Leute brachten ihre Anregungen ein. Das Leitbild zeigt, was die Firma tut, was sie kann. Es erzählt nicht von den multikulturellen Festen, mit Musik und Speisen aus den verschiedensten Traditionen und Küchen.

In interkulturellen Schulungen hat eine Mitarbeiterin erst erfahren, weshalb ihr ein ägyptischer Mieter so unangenehm aufgefallen war. Unfreundlich und abschätzig habe er sie behandelt. Für ihn war die Freundlichkeit einer Frau besudelnd. Sie hatte als Angestellte der Gesellschaft aber explizit den Auftrag, sich freundlich zu zeigen und den Bewohner des Hauses zu grüßen. Erst als er sich beschwerte, flog das Missverständnis auf. Der ägyptische Mieter hat nun verstanden, dass die Frau zu grüßen ist.

Miksch-Fuchs pflegt Diskussionskultur. Sie sieht ihren Job idealistisch, als Auftrag sozialer Verantwortung, die ihr die Stadt überträgt. Unsere Vision ist das Blumenkind in der Mitte der Architektur unseres Leitbildes, sagt die Geschäftsführerin. Es geht darum, Menschlichkeit durch Organisation zu erreichen. Kann das gelingen? Durch Putzen? Augenauswischerei? Sprache pflegen? Das Leitbild als Firmenfantasie. Alle gehören hier zu einer Familie. Habe ich meinen Beruf verfehlt?

Im Gasthaus finden wir uns Tage später wieder ein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2014)