Wer war Klara aus Šentlipš/Sankt Philippen?

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Kärntner Slowenen und Sloweninnen als Opfer des NS-Regimes. Eine soeben herausgekommene, akribische Dokumentation zeigt nun: Die Zahl der Opfer war bei Weitem höher als bisher angenommen.

Nach einem Forschungsaufenthalt beim Internationalen Suchdienst im hessischen Bad Arolsen war der Kärntner Historikerin Brigitte Entner klar: Die Zahl der Kärntner Sloweninnen und Slowenen, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden sind, war weit höher als angenommen. Bisher ging man davon aus, dassungefähr 300 Personen im Zuge der Verfolgungsmaßnahmen und im aktiven Widerstand ihr Leben lassen mussten. Bei genauem Hinsehen stellte sich jedoch heraus, dass nur ein Bruchteil der Opfer bekannt ist und dass all jene Kärntner Sloweninnen und Slowenen, die nicht Teil der zögerlichenösterreichischen Erinnerungskultur oderdes slowenischen Gedenkens der zwangsweise Ausgesiedelten und des Kärntner Partisanenverbandes sind, in Vergessenheit gerieten.

Wie kam es dazu, dass diese Menschen aus der kollektiven Erinnerung verschwanden, warum blieben sie unerwähnt und unbemerkt, wieso wurden sie in den Wirren des Erinnerns wie Treibgut an den Rand des Vergessens gespült?

Die Wege des Verschwindens sind komplex. Sie haben zunächst mit der speziellen österreichischen Vergesslichkeit, mit derverschleppten politischen Aufarbeitung der Nazizeit zu tun. Sie haben mit bürokratischen und politischen Hürden zu tun, die es den Hinterbliebenen kaum erlaubten, ihre Toten als Opfer eines mörderischen Systems zu sehen. Viel zu lange wurden zum Beispiel Personen, die aufgrund kritischer Äußerungen in diverse KZs verbracht wurden, ebenso wie Deserteure und Kriegsdienstverweigerer nicht zu den Opfern gezählt. Mit welcher ideologischen Brille, mit welchem stumpfen Suchwerkzeug wurde von den österreichischen Behörden ermittelt, wie nachlässig oder mutlos ist man bei den Nachforschungen gewesen? Welche Landstriche, Orte und gottverlassene Gegenden Österreichs sind nie in den Lichtkegel der Suchscheinwerfer geraten?

Auch die nationale Zuordnung der Opfer erweist sich als schwierig. Diese Erfahrung machten schon die ersten Ermittler. Die Kärntner slowenischen Verbände haben im Winter 1945/46 in den zweisprachigen Gemeinden Erhebungen durchgeführt. Die Nachforschenden suchten nach eigenem Gutdünken, sie wussten nicht genau, nach welchen Kriterien oder welchen Kategorien sie vorgehen sollten. Waren die gewaltsam zuTode Gekommenen Angehörige des Widerstands,oder wurden sie aus anderen Gründen verfolgt,sollte man sie nach ideologischen Gesichtspunkten beurteilen oder nach nationalen? Sollte man die gefallenen Partisaninnen und Partisanen zählen oder deren im KZums Leben gekommene Familienmitglieder? Sollte man die umgebrachten Priester an die erste Stelle setzen oder die politischen Aktivistinnen und Aktivisten, die den Widerstand unterstützten? Das führte dazu, dass die Aufzeichnungen lückenhaft waren, auch aufgrund mangelnder Unterstützung durch Ämter, Behörden und Exekutive. Überdies sind die Sammlungen der slowenischen Opferverbände aufgrund von Umzügen und unzulänglicher Archivierung nicht zur Gänze erhalten geblieben.

Manche Kärntner slowenischen Familien wollten ihre Umgebrachten gar nicht auf den Opferlisten sehen, weil sie mit der Politik nichts mehr zu tun haben wollten und in der aufgeheizten Nachkriegsstimmung Angst hatten, wieder ausgegrenzt zu werden. Sie wollten nicht mehr zu den Slowenen gezählt werden, nicht mehr mit dem Slowenischen in Berührung kommen, weil sie allein wegen ihrer Herkunft mit so viel Gewalt und Aggression konfrontiert worden waren. Sie wollten ihre Toten dem Vergessen übergeben,damit endlich Ruhe sei, wie sie hofften und wie ihnen in den folgenden Jahrzehnten unermüdlich nahegelegt wurde.

In einigen Familien gab es auch niemanden mehr, den man hätte befragen können, weil alle ums Leben gekommen waren. Man musste sich auf Hinweise von Nachbarn, von Bekannten oder Mithäftlingen verlassen, die sich manchmal nur an den Vulgonamen des Hofes oder an den Ort erinnern konnten, aus dem die Verschwundenen stammten. So zitiert Brigitte Entner im Titel ihres „Gedenkbuches“ eine Frage der slowenischen Dichterin Milka Hartman, wer denn diese Klara aus Šentlipš/St. Philippen gewesen sei, die im Lager ums Leben gekommen ist. Wie soll man den Tod benennen, fragt Brigitte Entner am Beginn ihrer Arbeit, während sie versucht, die Todesarten der Kärntner Slowenen unter der NS- Verfolgung festzuhalten. Sie weiß, dass die Umstände, unter denen die Menschen ums Leben gekommen sind, deren Lebensspuren sie im Buch zusammengetragen hat, sehr verschieden waren. Sie möchte diese Verschiedenheiten hervorheben, möchte individuelle Geschichten nachzeichnen und den Vergessenen ihre Würde wiedergeben.

„Wer war Klara aus Šentlipš/St. Philippen?“ Bei den Recherchen in den einschlägigen Archiven, wie in der eingangs erwähnten Dokumentationsstelle über die nationalsozialistische Verfolgung, Zwangsarbeit sowie den Holocaust in Bad Arolsen, stieß Brigitte Entner auf bislang übersehene Schicksale und auf verschollene Namen. Sie folgt diesen Namen – oder sollte man besser sagen, den Namensschatten. Denn die Namen verstecken sich hinter wechselnden Buchstaben, die einmal so, ein andermal so angeordnet waren, je nachdem, wer sie notierte. Die slowenische Schreibung wurde in der Nazizeit durchwegs eliminiert, die Namen wurden eingedeutscht, überschrieben, nur nach dem Gehör aufgezeichnet. Ein Name kann manchmal kaum mehr als ein Hinweis auf eine Spur, auf einen Ort sein.

Mithilfe der von ihr recherchierten Geburtsdaten, der Vulgonamen und anderer Hinweise, aber auch gestützt auf die bisherigen Untersuchungen und erfassten Opferlisten, besuchte Brigitte Entner die kleinenSüdkärntner Dörfer, die Gräben, Weiler, Anwesen, die Huben und fragte nach Hinterbliebenen. Sie wurde fündig und arbeitete sich von Hof zu Hof, von Haus zu Haus, von Geschichte zu Geschichte, von Annahme zu Annahme vor, bis sich die Bruchstücke zu anderen fügten und hinter unklaren Umrissen konkrete Personen und ihre Schicksale sichtbar wurden.

Nicht die heroischen Lebensläufe interessierten Brigitte Entner, sondern der einfache Lebensabriss, der sich zwischen Geburt, Erwachsenwerden, Arbeit und Tod erstreckte oder erschöpfte. Diese Lebenssplitter zeichnete sie auf. Es sind Biografien von einfachen Menschen, geprägt von den Lebensumständen auf dem Land. Wenig an ihrem politisch durchaus angepassten und obrigkeitshörigen Leben ließ erahnen, dass sie sich einmal im Widerstand gegen eine mörderische Diktatur befinden würden. Sie arbeiteten auf dem Hof, im Wald, im Haus, im Garten, als Bauern, Keuschler, Handwerker und Forstarbeiter, als Bäuerinnen, Mägde und Köchinnen. Sie gingen zur Kirche oder auch nicht, besuchten slowenische Kulturveranstaltungen, sangen im Chor mit, spielten Theater, hatten eheliche und uneheliche Kinder, heirateten einmal oder zweimal, blieben ledig, vertrugen sich mit den Nachbarn oder auch nicht. Bis der Krieg kam, bis es hieß, für das Dritte Reich einzurücken, bis es hieß, dass die nicht eindeutschungsfähigen Slowenen zwangsweise ausgesiedelt werden sollten. Dann erst, nach steigender Repression und nach vielen Toten, ergriffen sie die Möglichkeit zum Widerstand. Ihre Anwesen und Huben wurden zu Anlaufstellen von Partisanenkurieren, zu kleinen Lazaretten, ihre Familien zum Freiwild, das rücksichtslos gejagt wurde.

Beginnt man im diesem Buch zu lesen, glaubt man ein Familienalbum aufzuschlagen, von dem nur noch zerrissene und kaum leserliche Seiten übrig sind. Man liest kurze Biografien, angeordnet unter Überschriften wie „Frühe Opfer“, „Überfall auf Jugoslawien im April 1941 – die zweite Phase der Verfolgung“, „Zwangsweise Aussiedlung vom April 1942“, „Reaktion auf die Verfolgung – Widerstand im Raum Eisenkappel/Železna Kapla und Zell/Sele ab 1942“, „Widerstand und Verfolgung im Jauntal/Podjuna und auf der Saualpe/Svinška planina“, „Rosental/Rož und das Gebiet nördlich der Drau“, „Gailtal/Zilja“...

In den Lebensläufen ist erkennbar, wie der Widerstand in Kärnten funktionierte und wie die Partisanenbekämpfung der Nazis im Terror gegen die slowenische Zivilbevölkerung gipfelte. Alles, was in friedlichen Zeiten unter Nachbarn, Freunden und Verwandten als selbstverständlich und als erstrebenswert galt, wie Gastfreundschaft, Hilfe in Not, Solidarität, Zusammenhalt, wurde von den Nazis als Hochverrat geahndet und bestraft. Hier wurden die Widerständigen mit dem Leid ihrer Familien bekämpft. Am Ende der Lebensläufe taucht allzu oft, wie das Amen im Gebet, der Name eines Konzentrationslagers als Endpunkt auf, auf den diese Menschen zusteuerten.

Im mittleren Teil des Buches stoße ich auf die Familiennamen meiner Verwandten und Nachbarn, die mir aus vielen Erzählungen vertraut sind. Ich bin, trotz meines jahrelangen Kreisens um diese Geschichten, bestürzt und lese sie mehrmals, um all das Bekannte und Unbekannte neu zu erfassen. Im Geiste durchstreife ich wieder die heimatlichen Gräben, Anhöhen und Winkel, angezogen und gefesselt von dem, was man Erinnerung nennt. Ich lese Namen, die mir bei meinen eigenen Recherchen für den Roman „Engel des Vergessens“ nicht untergekommen sind, die jedoch mein Vater des Öfteren erwähnt hat, Namen von Familien und Anwesen, die es längst nicht mehr gibt.

Die aufgezeichneten Chroniken lassen auch das hohe Maß an familiärer Verstrickung erahnen, die die Menschen oft in einen Abgrund von persönlicher Schuld gerissen haben dürfte. Es verwundert nicht, dass die Wunden, die der Terrorder Nazis geschlagen hat, noch Jahrzehnte nachwirkten und als individuellesSchicksal erfahren wurden, aus dem es kein Entrinnen gab.

Brigitte Entner fasst ihre Erkenntnisse auf eine unaufdringliche und prägnante Weise zusammen, sie beschreibt die verschlungenen Forschungswege und legt ihre Quellen offen. Sie macht ihre Einsichten und Rückschlüsse überprüfbarund öffnet sie für weitere Funde und Korrekturen. Trotz akribischer Recherchenweiß sie, dass nicht alle Opfer unter den Kärntner Sloweninnen und Slowenenerfasst werden konnten, dass eine Lücke bleiben wird, auch wenn sie 564 Namen ermitteln konnte.

Nach dem Lesen des Buches drängt sich mir eine brennende Frage auf. Ich frage mich, wie die betroffenen Familien und Überlebenden mit dem weitverbreiteten Unverständnis ihrem Schicksal gegenüber, wie sie mit der kaum unterdrückten Häme der deutschnationalenKreise in Kärnten gegenüber den Kärntner Slowenen leben konnten. Würde man sich die Mühe machen, all das, was in den Nachkriegsjahrzehnten von der Politik in Kärnten über die Slowenen gesagt wurde, nachzulesen, würde man mit großer Wahrscheinlichkeit in eine tiefe Ratlosigkeit verfallen.

Gleichzeitig wird einem aber auch bewusst, dass von den zerrissenen Kärntner slowenischen Familien der Widerstand gegen die Nazis als logische Entwicklung begriffen wurde und dass in dieser Tatsache eine erhellende Kraft liegt. Diese Kraftzehrt von der Hoffnung auf ein gleichberechtigtes, menschenwürdiges Leben in einem demokratischen Staat, aber auch vom Wissen, dass es immer eine Möglichkeit gibt, gegen das Unrecht zu kämpfen, auch wenn das von allzu vielen in Frage gestellt wird.

Dieses Buch erzählt die Geschichteeiner Region als Familienchronik, mit Namen, die erloschen sind. ■


Brigitte Entners Dokumentation „Wer war Klara aus Šentlipš/St. Philippen? Kärntner Slowenen und Sloweninnen als Opfer der NS-Verfolgung“ ist soeben im Drava Verlag, Klagenfurt, herausgekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2014)