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Endlich Festspiele: Kupfers Sieg

SALZBURGER FESTSPIELE: FOTOPROBE ´ DER ROSENKAVALIER´
(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Der Regie-Altmeister demonstrierte mit dem »Rosenkavalier«, wie man den Geist eines Kunstwerks ganz erfassen kann. Die Philharmoniker unter Welser-Möst spielen dazu herrlich

Eine Kunstwelt hat Hugo von Hofmannsthal mit seinem „Rosenkavalier“-Libretto geschaffen, ein „Wien, in den ersten Jahren der Regierung Maria Theresias“, das es so nie gegeben hat, in dem die Menschen eine Sprache sprechen, die so nie gesungen wurde – und die der Komponist Richard Strauss noch dazu völlig missverstanden hat und mit einer Musik überschüttet, die alles andere als den zerbrechlich-impressionistischen Fin-de-Siècle-Ton der Dichtung widerspiegelt.

Es geht nichts zusammen in diesem Stück. Walzer, die sich durch die gesamte Komposition ziehen, hat man so in der Zeit Maria Theresias nicht getanzt. Doch daran ist Hofmannsthal selbst schuld, der Strauss suggeriert hat, das Wien, das er meint, mit Dreivierteltakt-Erinnerungen an die „anderen Sträuße“ in Tönen zu beschwören. Folgerichtig nehmen es die Produzenten des neuen Festspiel-,,Rosenkavaliers“ nicht genau mit der Zeitangabe.

Alt-Wien, neu

Hans Schavernoch schafft als Bühnenbildner, was Hofmannsthal mit Worten gelingt: Er zaubert einen irrealen, aber von vielen Assoziationen getragenen Raum – mit Projektionen und architektonischen Versatzstücken, die in vielfach wechselnden Perspektiven jenes Alt-Wien beschwören, das der Dichter selbst gekannt und geliebt hat: das francisco-josephinische Wien der Ringstraßenzeit. Das ist angesichts der ausdrücklichen Zeitangabe im Libretto so falsch wie es im höheren Sinne goldrichtig genannt werden darf, weil es den Geist des Stücks durch eine weitere Camouflage subtil widerspiegelt.

In einer sich technisch bewundernswert reibungslos stetig verwandelnden Bühnenlandschaft, in der man über den Michaelerplatz, in Museen-Treppenhäuser, ins Palmenhaus, aber auch in nebelverhangene Schönbrunner Park-Alleen blickt, ereignet sich die einmal poetische, dann wieder volkstheaterderbe Erzählung vom geheimen Seitensprung, von plumper Selbstüberschätzung und Anmaßung, vom liebevollen Nicht-Verstehen, vom Jungsein und vom Älterwerden – das ganze Sammelsurium von ineinander verschlungenen Emotionen und Träumereien, Erbschleichereien und billigen Taschenspielertricks; Hofmannsthals Kunstwelt, gebrochen durch die stilistisch ganz anders gearteten, gleichwohl ungemein kleinteilig verästelten Illustrationskünste von Richard Strauss – in eins gebunden und minuziös vor dem Zuschauer ausgebreitet von Harry Kupfer.

Der Altmeister des penibel durchchoreographierten Musiktheaters deklassiert, was sich in der Oper rundum abspielt und nur noch von Intendanten für zeitgemäß und fortschrittlich gehalten wird. Kupfer trifft auf dem Theater die einzige heutige, die einzig zukunftsträchtige Wahl: Er inszeniert das Stück. Auf Punkt und Komma macht er Hofmannsthals Kunstfiguren lebendig. Vier kurzweilige Stunden lang erleben wir das Artifizielle als einzig glaubwürdige Realität.

In dieser Aufführung wird auf handwerklich herrlich gekonnte Weise jede Beziehungsregung zwischen den handelnden Personen sichtbar gemacht: Der junge Liebhaber und die erfahrene Frau, der satte, eingebildete Land-Don-Juan, das plappernde Püppchen, das ausschließlich mit ihrer Jugendfrische punktet, der zappelige Emporkömmling, der sich gar nicht beruhigen kann ob der Tatsache, dass die eben erlernten Regeln der großen Welt in selbiger gar keine Geltung haben.

Philharmonisches Panoptikum

Man kommt, um einen Satz aus dem Text zu paraphrasieren, aus dem Schauen nicht heraus. Und aus dem Lauschen, denn die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst illustrieren dieses vielgestaltige, ungemein reiche Panoptikum mit einem nicht mindert bunten akustischen Potpourri von Vignetten - zu jeder kleinsten Bemerkung gibt es ein instrumentales Aperçu; und alles zusammen phrasiert man auf der Bühne wie im Orchestergraben in einer großen Musiktheater-Melodie, wie man sie in solcher Vollendung optisch und musikalisch lange nicht erlebt hat.

Ereignis Stoyanova

Ein Rollendebüt ist dabei zu verzeichnen, das vollkommen genannt werden darf: Krassimira Stoyanova ist die neue Marschallin. Sie verströmt ihren Sopran so weich und groß und schön, kann ihn berückend melancholisch verschleiern und spielt „ein halb mal lustig, ein halb mal traurig“, wie Hofmannsthal seine liebenswerte Schöpfung charakterisiert. Das hat Größe, das bewegt – und das klingt gar nicht, als ob man im großen Festspielhaus Mühe haben müsste, auch zarte Nuancen über die Rampe zu bringen.

Im großen symphonischen Fluss tun sich andere schwerer. Sophie Koch in der Titelpartie ist und bleibt freilich international erste Wahl. Und Günther Groissböck gestaltet in stupender Detailverliebtheit einen Ochs auf Lerchenau, der in dieser Tiefenschärfe heute nicht seinesgleichen hat. Adrian Eröds Herr von Faninal verzweifelt über den Attacken des höheren Adels mit komödiantischem Sinn – sein Töchterchen, Mojca Erdmann, punktet wie gesagt durch Jugendfrische und sieht wirklich aus, wie beschrieben: „Schultern wie ein Henderl, hundsmager noch“, auch stimmlich nicht gerade ein Dickerl. Aber alle zusammen sind eine fette Beute für Salzburgs Opern-Bilanz.