40 Jahre danach ist Richard Nixons Rücktritt noch immer eines der wesentlichsten Ereignisse in der politischen Geschichte der Vereinigten Staaten.
Am Morgen des 9. August 1974, kurz, bevor er den Präsidentenhubschrauber besteigen, sich ein letztes Mal zu den Kameras umdrehen und verkrampft grinsend mit beiden Händen das Siegeszeichen machen sollte, versammelte Richard Milhous Nixon im East Room des Weißen Hauses seine engsten Mitarbeiter und Familienmitglieder und hielt eine Abschiedsrede: „Denkt stets daran“, sagte er, „andere mögen euch hassen, aber sie gewinnen nur dann, wenn ihr sie auch hasst, und in diesem Fall zerstört ihr euch selbst.“
Eine späte Einsicht: Nach fünf Jahren lag die Präsidentschaft dieses Mannes, der zwei Wahlen mit überwältigenden Mehrheiten gewonnen hatte, in Scherben. Wäre Nixon nicht als erster und bislang einziger Präsident der Vereinigten Staaten zurückgetreten, hätte ihn der Kongress seines Amtes enthoben. Und hätte ihn sein Nachfolger Gerald Ford nicht vorbeugend begnadigt, wäre Nixon wegen Amtsmissbrauchs, Bestechung, Beweismittelunterschlagung und verbotener Parteienfinanzierung im Gefängnis gelandet.
40 Jahre später ist Nixons Sturz noch immer erstaunlich. Wie kam es dazu, dass dieser damals äußerst beliebte Präsident, der innenpolitische fortschrittliche Reformen wie die Gründung der Umweltbehörde EPA durchsetzte und auf der Weltbühne die Öffnung gegenüber dem maoistischen China und der Sowjetunion ermöglichte, sich selbst zerstörte? John Dean, Nixons Rechtsberater im Weißen Haus, ringt noch heute um seine Fassung. Wie konnte jemand, der so schlau war, seine Präsidentschaft an einem verpatzten Einbruch zerbrechen lassen?“, sagte Dean am Freitagabend in Washington bei der Vorstellung seines neuen Buches über Nixons geheime Tonbandaufnahmen.
Watergate wurde „Watergate“. Der verpatzte Einbruch fand zwei Jahre vor Nixons Rücktritt statt. In der Nacht auf Samstag, den 17. Juni 1972, nahm die Washingtoner Polizei im Watergate-Bürokomplex am Potomac-Fluss fünf Einbrecher in der Wahlkampfzentrale der Demokraten fest. Schnell stellte sich heraus, dass das keine gewöhnlichen Diebe waren. Sie führten ein Walkie-Talkie, Abhörwanzen und hohe Dollarbeträge mit sich. Drei waren Exilkubaner, ihr Anführer, James W. McCord Jr., ein ehemaliger CIA-Geheimdienstmann und Mitglied einer Sondereinheit von Armeereservisten. Ihre Aufgabe: die Erstellung von Listen politisch Radikaler und die Vorbereitung der Zensur der Medien und der Post im Falle eines Kriegsausbruchs.
Und McCord war noch etwas: Sicherheitskoordinator des Komitees für die Wiederwahl des Präsidenten, der Kampagnenmaschinerie für die Wahl am 7. November 1972. Ein Einbrecher mit CIA-Vergangenheit auf der Gehaltsliste von Nixons Wahlkampagne: Aus Watergate wurde „Watergate“, der größte politische Skandal in der Geschichte der USA.
Die Recherchen der Presse – allen voran der beiden jungen „Washington Post“-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein – legten nach und nach ein verstörendes Sittenbild der politischen Kultur in Nixons Weißem Haus offen. Gleich nach seinem Amtsantritt Anfang 1969 hatte der Präsident der Bundespolizei FBI befohlen, heimlich die Telefone von einem Dutzend Journalisten und doppelt so vielen Mitarbeitern im Weißen Haus abhören zu lassen. FBI-Direktor J. Edgar Hoover wehrte sich lange dagegen und erlaubte jede einzelne Abhöraktion erst, nachdem sie ausdrücklich von Justizminister John Mitchell verfügt worden war. Nixon wollte mit diesem Lauschangriff herausfinden, wer der Presse geheime Informationen zuspielte.
Hass auf Juden und Reporter. 1970 weitete er die Überwachung aus. Er befahl der CIA, dem FBI und dem militärischen Geheimdienst, die Telefone aller Amerikaner anzuzapfen, die sie als „Bedrohungen der inneren Sicherheit“ ansahen – beziehungsweise seiner Weltsicht. Dem Verfolgungswahn des Präsidenten, der sich ständig im Visier einer linksliberalen Verschwörung sah, waren kaum Grenzen gesetzt. Seinem Judenhass auch nicht. „Die jüdische Kabale ist hinter mir her“, hört man Nixon auf den Tonaufnahmen fluchen, die er selbst von all seinen Gesprächen anfertigte. „Die Regierung ist voller Juden. Die meisten Juden sind illoyal.“
Nixon befahl unter anderem, in die Brookings Institution einzubrechen, eine angesehene Forschungseinrichtung, um dort Akten zu stehlen. „Verdammt noch einmal, sprengt den Safe und schnappt sie euch“, herrschte er seine Männer an. Für die Medien, die den in die Katastrophe schlitternden Vietnam-Krieg immer härter kritisierten, hatte er nur Verachtung übrig: „Kurzfristig wäre es so viel einfacher, nicht wahr, dieses Land auf diktatorische Weise zu führen, also alle Reporter zu töten und den Krieg fortzusetzen.“
Republikanische Mafiosi. Nixons Bereitschaft, persönlich Schweigegeld in Millionenhöhe für die Watergate-Einbrecher zu sammeln, lenkt in der Nachbetrachtung vom eigentlichen Skandal ab: seiner jahrelangen Geheimkampagne zur Manipulation der öffentlichen Meinung sowie der Sabotage und Terrorisierung der politischen Gegner. Nixon ließ eine klandestine Truppe politischer Saboteure aufbauen, viele von ihnen junge Republikaner von der University of Southern California, die sich selber „Ratfuckers“ nannten und alles daran setzten, demokratische Politiker zu schädigen. 300 heimlich bestellte Pizzen, die bei einem Dinner mit demokratischen Parteispendern eintrudelten, waren ein harmloser Scherz. Die Fälschung von Meinungsumfragen, die Anordnung von Nixons Kabinettschef Bob Haldeman an das FBI, den CBS-Journalisten Daniel Schorr zu bespitzeln, der Diebstahl von Krankenakten demokratischer Politiker und der Versuch, ihre schulpflichtigen Kinder öffentlich anzuschwärzen, waren todernst.
„Eine Bereitschaft, das Gesetz zu Gunsten des politischen Vorteils zu missachten und das Streben nach dreckigen Geheimnissen seiner Gegner als ordnendes Prinzip seiner Präsidentschaft“ unterstellten Woodward und Bernstein Nixon. „Ich sagte ihm: Herr Präsident, ein Krebsgeschwür frisst dieses Amt auf, und es muss entfernt werden“, seufzte John Dean am Freitag. „Aber er wollte keinen reinen Tisch machen. Er glaubte, das Amt mache ihn unverwundbar. In diese Idee hat er sich eingehüllt wie in einen Mantel.“
Die Aufdecker
Carl Bernstein
Bob Woodward
»All The President's Men« (1974, Simon & Schuster)
Ein Buch, das jeder Journalist gelesen haben sollte – und eigentlich jeder, der sich für politische Macht und ihren Missbrauch interessiert. Die beiden Reporter zeichnen ihre umfassenden Recherchen im Watergate-Skandal nach und tun das in der knappen, klaren Sprache eines Detektivromans. Woodward erklärte später, der Schauspieler und Regisseur Robert Redford habe ihn dazu überredet, das Buch zu schreiben, weil er die Geschichte verfilmen möchte. Das tat er dann bereits im Jahr 1976.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2014)