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Gaza-Krieg: Israel zieht sich zurück

ISRAEL PALESTINIANS GAZA STRIP CONFLICT
Israelische Panzer am Sonntag auf dem Weg aus Gaza nach SüdisraelAPA/EPA/JIM HOLLANDER
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Die Bodenoffensive nähert sich ihrem Ende. Am Sonntag wurde aber erneut eine UN-Schule aus der Luft angegriffen. Wieder gab es Tote.

Jerusalem/Gaza-Stadt. In der palästinensischen Grenzstadt Rafach, ganz im Süden des Gazastreifens, finden die vermutlich letzten Gefechte des Krieges statt. Israel begann gestern (Sonntag) den schrittweisen und einseitigen Truppenrückzug. „Wir organisieren die Militärkräfte neu", hatte Regierungschef Benjamin Netanjahu am Vorabend angekündigt.Geplant ist die Konzentration der Truppen in einer Sicherheitszone entlang der Grenze, wo weiter nach geheimen Tunneln gesucht werden soll.

Was die Öffentlichkeit zum Zeitpunkt von Netanjahus Pressekonferenz noch nicht wusste, ist, dass der zunächst als entführt geltende Soldat Hadar Goldin tot ist. Er starb offenbar während des Überfalls am Freitag Morgen in der Grenzregion bei Rafach, als sich ein militanter Palästinenser mit einem Sprengstoffgürtel selbst in die Luft jagte. Aus Rücksicht auf die Familie, so hieß es, gab die Armee keine Auskunft über die Beweise für den Tod des 23-jährigen Leutnants. Gestern Nachmittag fand die Beerdigung zumindest einiger seiner sterblichen Überreste statt.

Israel entschied sich für unilaterale Schritte, nachdem die Hamas am Freitag den auf drei Tage festgelegten Waffenstillstand brach. Beide Seiten hatten zuvor dem Druck der USA und den Vereinten Nationen nachgegeben. Die Operation am Freitagmorgen sei langfristig geplant gewesen, erklärten israelische Militärs. Die Hamas habe der Feuerpause zugestimmt wohlwissend, dass sie sich nicht daran halten werde. Schon gestern kündigte Hamas-Sprecher Fausi Barhoum in Gaza an, dass „der Widerstand fortgesetzt wird, bis wir unsere Ziele erreichen". Dazu gehört das Ende der Gazablockade und die Amnestie Dutzender Hamas-Kämpfer.

Selbst wenn die islamistischen Kämpfer der Assedin al-Kassam erneut Raketen auf Israel abschießen, nähert sich die Bodenoffensive ihrem Ende. Die Militärs sind sich einig, dass die Truppen in Gaza kaum noch etwas ausrichten können. Auf Raketenangriffe der Hamas wird die Luftwaffe reagieren und die Marine. Noch gestern Nachmittag kam es in Tel Aviv erneut zu Raketenalarm.

Obschon Israel die Teilnahme an Verhandlungen über ein langfristiges Waffenstillstandsabkommen absagte, reisten gestern Delegationen der Palästinenschen Autonomiebehörde im Westjordanland sowie der Hamas und des Islamischen Dschihad nach Kairo. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte am Samtag an die Parteien appelliert, die Einladung nach Kairo anzunehmen. Der ägyptische Kompromiss für eine Waffenruhe sei der einzige Weg, um den Gazastreifen zu beruhigen.

UN-Schule wieder unter Beschuss

Die palästinensische Nachrichtenagentur Maan berichtete von erneut 37 Todesopfern bis gestern Nachmittag. Neben Rafach, wo wieder eine UN-Schule unter Beschuss geriet, gehörte die Kleinstadt Jabalia im nördlichen Gazastreifen und Dir-el Balach zu den Brennpunkten der Gefechte. Die Zahl der während des Krieges im Gazastreifen getöteten Palästinenser stieg auf 1740 Menschen. Fast 10.000 Verletzte sind noch in den Krankenhäusern, und rund ein Drittel der insgesamt 1,8 Millionen Menschen im Gazastreifen auf der Flucht. Außerdem sollen über 10.000 Gebäude komplett oder teilweise zerstört sein, viele mehr benötigen dringende Reparaturen.

Netanjahu hatte angekündigt, den Wiederaufbau des Gazastreifens erst dann zu ermöglichen, wenn es internationale Garantien dafür gebe, dass die Hamas entwaffnet werde. Israel will verhindern, dass die Baustoffe erneut für den Tunnelbau der Islamisten benutzt werden. Der israelische Militäranalyst Ron Ben-Ischai, reiste in der letzten Woche mit den israelischen Truppen in den Gazastreifen. „Ich habe das Dahiyeh-Viertel in Beirut gesehen, nachdem die (israelische) Luftwaffe dort 2006 angriff", schreibt Ben-Ischai in Yediot Achronot. „Das war ein Tropfen im Ozean verglichen mit dem, was in Gaza passiert ist". Mindestens ein Jahr veranschlagt er, bevor „die Leute wieder ein Dach über dem Kopf haben, fließend Wasser und Abwassersysteme".

"Am Rande des Zusammenbruchs"

UN-Sprecher Christopher Gunness bezeichnete die Situation als „am Rande des Zusammenbruchs". Er warnte gegenüber der BBC vor einer „Gesundheitskatastrophe". Die Leichen, die aufgrund der fortgesetzten Kämpfe tagelang nicht beerdigt werden können, werden, palästinensischen Informationen zufolge, in Gemüsekühlschränken aufbewahrt. Den Krankenhäusern mangelte es an Medikamenten, an Narkosemitteln, sterilen Handschuhen und Verbandszeug. Problematisch sei zudem die unzuverlässige Stromversorgung durch Generatoren. Das einzige Elektrizitätswerk im Gazastreifen ist in den vergangenen Wochen schwer beschädigt worden.