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ImPulsTanz: „Ich möchte nicht nur Schritte arrangieren“

PK: IMPULSTANZ - VIENNA INTERNATIONAL DANCE FESTIVAL 2014: NEWSON
PK: IMPULSTANZ - VIENNA INTERNATIONAL DANCE FESTIVAL 2014: NEWSON(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Der Emmy-Preisträger Lloyd Newson erklärte der „Presse“, warum sein Stück „John“ nur etwas für Erwachsene ist, und spricht über die Hohlheit der Tanzszene.

Die Presse: In Ihrem Stück „John“, das am 5.August zur Uraufführung kommt, wird auch gesprochen. Kann man es mit Bewegung allein nicht erzählen?

Lloyd Newson: Manche haben ein Problem mit uns, weil wir auf der Bühne sprechen. Für diese Puristen hat ein Tänzer still zu sein. Ich aber mag dieses Hybrid. Ich mag die ganze Palette. Sonst bin ich wie ein Maler, der nur mit Schattierungen von Blau arbeitet.

 

Was hat Sie dazu bewogen, selbst Choreografien zu machen?

Ich habe 40 Jahre lang getanzt, unter zig Choreografen. Ich fand, dass es oft nur um das Arrangieren von Schritten ging – wie um das Arrangieren von Blumen. Es ging nicht um Inhalte. Nicht um Tiefe. Das fand ich oberflächlich und irritierend.

 

Wie vermitteln Sie diese Inhalte?

Ich will nicht, dass alles offensichtlich ist – es darf aber auch nicht zu abstrakt werden. Manche Choreografen flüchten sich in die Abstraktion, sodass das Publikum ihre Arbeit nur schwer beurteilen kann. Wenn man sie kritisiert, sagen sie: „Du hast es eben nicht verstanden.“ Aber ich weiß, wenn etwas Nonsens ist.

 

Was ist der Inhalt von „John“? Was passiert?

John, die Hauptperson, erzählt von seinen Brüdern und Schwestern, von seiner Mutter, die von seinem Vater getreten wurde, als sie schwanger war und zwei Kinder verloren hat. Er erzählt, dass seine Mutter eine Ladendiebin war und dass sein Vater, als sie im Spital ein Kind gebar, den Babysitter vergewaltigt hat. Das alles passiert in gerade einmal viereinhalb Minuten.

 

Sie haben bei der Vorarbeit zu diesem Stück Interviews mit mehr als 50 Männern geführt. Wie bringen Sie jemanden dazu, Ihnen so intime und schockierende Details zu erzählen?

John war total ehrlich. Er erlebte in seiner Kindheit Missbrauch, er erzählte von Kriminalität, er war im Gefängnis und schlief fünf Jahre lang als Obdachloser im Park. Und er war heroinabhängig. Er wollte sein Leben ändern und hatte das Gefühl, dass es für ihn wichtig wäre, über sein Leben zu sprechen.

 

Was bewegt Sie an John?

Er hatte dieses ungewöhnliche Leben, und die meisten Mittelklassetypen, die ich kenne, könnten sich nicht vorstellen, so einen Mann zu mögen: einen Kriminellen und ehemaligen Heroinabhängigen. Könnten Sie so jemandem vertrauen? Und trotzdem sucht auch er nach der Liebe und dem Glück. Kann er das überhaupt? Bei welchen Frauen hat er eine Chance? Wie sehr ist er von seiner Lebensgeschichte geprägt, wie schwer wiegt diese psychologische Bürde? John ist voller Widersprüche. Er sagt das eine und tut dann das andere. Er ist nicht sauber oder nett. Wir hätten alle gern ein geradliniges Leben – John ist aber ein Beispiel für die Komplexität des Lebens.

 

Wie kriegen Sie das auf die Bühne?

Wir haben mehr als 50 Interview geführt, mit manchen habe ich bis zu 15 Stunden lang gesprochen. Ich habe das editiert. 600 Tänzer sind zur Audition gekommen – fünf habe ich genommen. Sie mussten so sprechen wie der jeweilige Charakter und den Inhalt mit Bewegungen fernab von Klischees ausdrücken. Wir haben oft vier, fünf Stunden improvisiert – und dann kamen sechs Sekunden heraus, von denen ich sage: Das ist es.

 

Das klingt nach sehr intensiver Arbeit.

Wenn jemand einen Film macht, arbeitet er ja auch Monate lang daran. An mich sind schon Stars wie Madonna und Take That, auch das Royal Ballett herangetreten und wollten eine Choreografie. Ich sage dann: Ich brauche vier Monate. Dann sind sie schockiert, weil sie nur ein paar Tage Zeit haben. Deshalb habe ich es auch nie gemacht.

 

Warum wollten Sie mit all den Männern über Sex und Liebe sprechen?

Das ist nicht nur für mich interessant. Viele Männer haben ein kompliziertes Verhältnis zu Liebe und Sex. Dieses Stück bringt solche Themen auf: Was bedeutet Monogamie, was Promiskuität? Muss man die Menschen, mit denen man Sex hat, auch lieben? Bedeutet Sex immer Liebe?

 

In der Ankündigung für „John“ heißt es: „Nur für Erwachsene“. Werden Sie so explizit?

Es ist ein sensibles Thema. Und man findet sich am Ende in einer Welt wieder, über die die meisten Menschen nichts wissen wollen. Manche werden wohl auch schockiert sein.

 

Stört es Sie, wenn Leute die Vorstellung verlassen?

Viele wollen Schönheit und Romantik. Das ist mein Problem mit dem Tanz: Den meisten fällt dazu nicht mehr ein als „reizend“, „hübsch“ und „wunderschön“. Das ist unser Vokabular über den Tanz – völlig inhaltsleer. Die meisten Choreografen wollen keine Tänzerpersönlichkeiten zeigen, sondern konzentrieren sich nur auf die Ästhetik. Deshalb ist das auch so oberflächlich. Das ist schade.

ZUR PERSON

Lloyd Newson (*1957 in Albury, Australien) studierte nach seinem Psychologiestudium Tanz an der London Contemporary Dance School. Er arbeitete als Tänzer und Choreograf beim Extemporary Dance Theatre und war 1986 Mitbegründer des DV8 Physical Theatre London. Vier seiner bisher 16 Choreografien wurden verfilmt. Newson wurde u.a. mit einem Emmy und zwei Prix Italia ausgezeichnet. Sein neuestes Stück, „John“, kommt beim ImPulsTanz-Festival zur Uraufführung: 5., 7., 8., 9. August, 21 Uhr, Akademietheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2014)