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Wagner-Festspiele: Dirigier-Stars, Regie-Provokateure

Katharina Wagner(c) EPA (ELVIRA URQUIJO)
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Bis 2020 bleibt die Komponisten-Urenkelin Katharina im Amt. Sie plant für die kommenden Jahre eine Rundumerneuerung des Spielplans, Seite an Seite mit Christian Thielemann, der auf einen Rekord zusteuert.

Die Bayreuther Festspiele bleiben in der Hand der Familie Wagner. Die Bayreuther Festspiele GmbH bestellte Katharina Wagner (36) zur künstlerischen Leiterin des Festivals bis 2020. Die jüngste Tochter des 2010 90-jährig verstorbenen Komponisten-Enkels Wolfgang Wagner führt die Richard-Wagner-Festspiele seit der „Abdankung“ ihres Vaters, 2008, an der Seite ihrer Halbschwester Eva (69), Wolfgangs Tochter aus erster Ehe, die sich nun zurückzieht.

Schon gegen Ende der Amtszeit Wolfgang Wagners gab es vonseiten der deutschen Kulturpolitik Bestrebungen, die Bayreuther Festspiele Managern anzuvertrauen, die nicht der Familie des Komponisten entstammen. Nun siegte nach zähen Verhandlungen erneut das Traditionsbewusstsein; zumal Katharina Wagner, die selbst als Regisseurin Karriere gemacht hat, in Sachen Inszenierungen auf die meistgenannten Namen des sogenannten deutschen Regietheaters setzt. Sehr zur Freude der deutschen Feuilletonisten, nicht immer zu jener des Publikums, das auch heuer wieder angesichts der im Vorjahr erstaufgeführten provokanten Deutung des „Rings des Nibelungen“ durch Frank Castorf wütend protestiert hat.

Ratten, Gas und Ventilatoren

Die Neuinszenierungen der vergangenen Spielzeiten gerieten allesamt zu Aufregern, allerdings von wechselnder Intensität. Die unter Ratten spielende „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels gilt vielen Kommentatoren als vergleichsweise zahme Angelegenheit gegen den „Tannhäuser“, den Sebastian Baumgarten in einer Biogasanlage angesiedelt hat. Das trieb manche Zuschauer in den Kreislaufkollaps. Weit weniger provokant schien dagegen Jan Philipp Glogers „Fliegender Holländer“, dessen erster Akt im „Datenhighway“ segelt, während Akt zwei und drei in einer Ventilatorenfabrik spielen.

Der „Tannhäuser“, der sich dem Vernehmen nach deutlich weniger gut verkauft als alle bisherigen Bayreuther Produktionen, die notorisch auf Jahre hin ausgebucht waren, wird nun ein Jahr früher als geplant aus dem Spielplan genommen. Das geschah zuletzt mit dem experimentellen „Parsifal“ Christoph Schlingensiefs, der durch eine Arbeit Stefan Herheims ersetzt wurde, die in den Augen nahezu sämtlicher Kommentatoren die durchdachteste, intellektuell wie ästhetisch bestechendste Bayreuther Inszenierung seit Langem war und im Vorjahr verfilmt wurde.

Nun steht nach dem neuen „Ring“ von 2013 und dem traditionsgemäß premierenlosen darauffolgenden Sommer eine Welle von Neuinszenierungen an, die am 25. Juli 2015 mit der Premiere von Katharina Wagners eigener Inszenierung von „Tristan und Isolde“ beginnt. Am Dirigentenpult wird Christian Thielemann stehen, der längst zum „Chefdirigenten“ auf dem grünen Hügel geworden ist und heuer noch einmal den „Fliegenden Holländer“ dirigiert.

Thielemann wird sich drei Jahre später einen Traum erfüllen: Mit der Festspielpremiere des „Lohengrin“ (Regie: Alvis Hermanis) hat er als erster Dirigent sämtliche von Richard Wagner für die Festspiele „freigegebenen“ Opern in Bayreuth einstudiert.

Davor erleben die Wagnerianer noch einen neuen „Parsifal“ in der Regie von Jonathan Meese mit Klaus Florian Vogt in der Titelpartie und neue „Meistersinger“ (mit Michael Volle als Sachs, Regie: Barrie Kosky).

Geht Petrenko? Kommt Dudamel?

Was die Dirigenten betrifft, könnte 2015 eine Bombe platzen. Gerüchte vermeinen zu wissen, dass Kirill Petrenko, seit voriger Spielzeit bayerischer Generalmusikdirektor, nur noch kommenden Sommer für den „Ring des Nibelungen“ zur Verfügung steht. Seine künstlerische Leistung galt allgemein als Sensation – Petrenko kann den „Ring“ freilich auch in seinem Haus, dem Nationaltheater München, dirigieren, dessen Opernfestspiele Anfang Juli zeitlich gefährlich nah an jenen von Bayreuth liegen . . . Was den „Ring“, das Zentralwerk der Festspiele, betrifft: Für 2020 steht die nächste Neuproduktion. Wer die bis dahin ausstehenden Reprisen der Castorf-Inszenierung musikalisch betreuen wird, falls sich Petrenko tatsächlich zurückzieht, ist völlig offen.

Wagner-Freunde raunen einander inzwischen zu, dass Christian Thielemann, „Ring“-Dirigent der Bayreuther Jahre von 2006 bis 2011, noch einmal Lust haben könnte, die Tetralogie am Uraufführungsort zu erarbeiten. Andererseits halten sich auch Prognosen, die wissen wollen, dass der „Herr des Rings“ 2020 Andris Nelsons heißen wird.

Für die „Meistersinger“ soll Philippe Jordan so gut wie feststehen. Ein prominenter Vertreter der jüngeren Dirigenten-Generation könnte 2019 beim neuen „Tannhäuser“ am Pult stehen: Gustavo Dudamel soll Bereitschaft signalisiert haben, sich mit diesem Werk auf dem grünen Hügel vorzustellen. Als Regisseur kommt dem Vernehmen nach Tobias Kratzer (34) infrage.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2014)